Koblenz

Fußball: Zu viele Profis denken nicht an das Leben danach

Es sind Zahlen, die überraschen. Und die den Profifußball in einem neuen, ungewohnten Licht erscheinen lassen. Das Klischee der sorglosen Kicker die in Luxuskarossen zum Training düsen, mag auf die Stars der Szene zutreffen, bildet aber längst nicht das Berufsbild ab.

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In einer umfassenden Studie hat das Institut für Sportmanagement am RheinAhrCampus in Remagen die Bildungssituation von Berufs-Fußballern untersucht, und kommt dabei zu bemerkenswerten Ergebnissen: Demnach fehlt dem überwiegenden Teil der Spieler (75 Prozent) nach ihrer Laufbahn eine berufliche Qualifikation, etwa ein Viertel rutscht sogar dauerhaft in die Arbeitslosigkeit ab.

Rund 2500 Akteure bestreiten nach Angaben der Spielergewerkschaft VDV derzeit von der Bundesliga bis in die Regionalligen mit dem Fußball ihren Lebensunterhalt, nur die Stars der Szene haben angesichts von Millionen-Gehältern vorzeitig finanziell ausgesorgt. Beispiele wie Ex-Nationaltorwart Eike Immel, der aus finanziellen Nöten ins RTL-Dschungelcamp musste, oder das wenig ruhmreiche Karriereende des einstigen Bundesliga-Torschützenkönigs Ailton zeigen, dass es selbst renommierten Profis bisweilen nicht gelingt, den Sprung ins normale Leben zu meistern. Für Dirk Mazurkiewicz liegt das nicht zuletzt daran, dass viele Akteure blauäugig ihre Zukunftsaussichten beurteilen, wie der Leiter der Studie im Interview mit unserer Zeitung sagt.

Muss man sich in der Öffentlichkeit von dem Bild verabschieden, dass die Fußball-Profis ein sorgenfreies Leben führen, nur teure Autos und coole Klamotten im Kopf haben?

Dieses Bild gibt es. Und es gibt auch diesen Typ Fußballer. Und das Bild prägen insbesondere diejenigen, die im Fokus stehen. Und diejenigen, die wir wahrnehmen, sind vereinfacht gesagt die Stammspieler. Aber ein Kader besteht eben nicht nur aus elf, sondern aus 25 Akteuren. Wir sehen also nur ein ausgewähltes Drittel derjenigen, die sich auf ihre Karriere als Profi verlassen können. Denn wer kennt überhaupt noch die Spieler aus der Zweiten oder Dritten Liga? Und am Ende stellt man fest, dass sich nur rund 15 Prozent der Profis auf ihre Karriere stützen können.

Laut Ihrer Studie haben nur 20 Prozent der Erstligaspieler eine Berufsausbildung. Sind die Profis bei Ihren Planungen für die Karriere danach zu naiv?

Es ist der kleinere Teil, der einen Plan B entwirft und weiß: Ich muss etwas tun. Dieser Anteil wächst zwar, aber er ist nach wie vor eine Minderheit.

Ist demnach eine Bewusstseinsveränderung bei Spielern – aber auch bei Vereinen festzustellen?

Zunächst einmal haben wir durch die Nachwuchsleistungszentren und U 23-Teams der Bundesligisten fast schon ein Überangebot an guten Fußballern. Den Vereinen aber auch den Spielern wird gerade klar, dass sich hier ein Umbruch vollzieht. Viele junge und gute Spieler können preisgünstiger verpflichtet werden – und auch deren Einkommen sinkt. Selbst Profis, die Anfang 20 sind, können sich also nicht darauf verlassen, dass sie nach ihrer Zeit in der U 23 bei einem Zweit- oder Drittligisten unterkommen. Das führt bei vielen dazu, sich frühzeitig mit einem Plan B zu beschäftigen.

Und wie sieht’s bei den Profis aus, die schon länger im Geschäft sind?

Was die älteren Spieler betrifft, so ist festzustellen, dass viele der Ansicht waren, dass ihr Image und ihre Bekanntheit ausreichten, um eine gut dotierte Folgebeschäftigung im Verein zu bekommen. Rund 90 Prozent dieser Spieler wollen im Fußball bleiben, 36 Prozent sogar als Trainer – aber so viele Arbeitsplätze gibt es in der engeren Branche gar nicht. Das ist unfassbar naiv. Die Branche ist zwar stark gewachsen, aber inzwischen ist der Markt fast gesättigt, weil auch von den Hochschulen gut ausgebildete Leute mit umfassendem betriebswirtschaftlichen Wissen hinzukommen.

Fehlt gerade also vielen Routiniers der Blick für die Realitäten?

Dirk Mazurkiewicz
Dirk Mazurkiewicz
Foto: honorarfrei

Von denen, die den Übergang schaffen, kann man mehrere Gruppen unterscheiden. Es gibt einen Teil, der zwar nicht seinen Traumjob ausübt, sich aber einen zweiten Lebensweg aufbaut. Eine zweite Gruppe schafft den Sprung auch ins Sportbusiness nach der aktiven Laufzeit. Und es gibt nicht wenige, die scheitern – privat und beruflich.

Weil sich die Profis möglicherweise erst zu spät mit dem Leben danach beschäftigen?

Viele beschäftigen sich entweder zu spät oder aber nicht intensiv genug. Nicht zuletzt deshalb, weil sie seit ihrer Jugend immer in einer besonderen Rolle waren. Viele wollen einfach in der Branche bleiben, weil sie ja gar nichts anderes kennengelernt haben. Sie wissen, dass die Stellen als Trainer rar gesät sind – weshalb viele Ex-Profis auch als Trainer firmieren, obwohl sie längst keinen Vertrag mehr haben.

Was raten Sie Spielern?

Dass sie schon in der Karrierephase den Blick auf die Möglichkeiten im eigenen Verein richten. Viele Spieler können so im letzten Abschnitt ihrer Laufbahn die Branche abseits des Rasens kennenlernen und die Mechanismen besser verstehen. Idealerweise sollte der letzte Vertrag schon den Plan B enthalten, also die weiteren Möglichkeiten aufzeigen. Zum Beispiel bieten wir einen flexiblen Fernstudiengang an, der die Lebenssituation auch von Sportprofis berücksichtigt. Aber es passiert eben auch, dass viele das schnelle und einfache Geld in niedrigeren oder ausländischen Ligen suchen und dann unsanft auf dem Boden landen.

Welche beruflichen Möglichkeiten eröffnen sich Spielern parallel zur aktiven Karriere?

Es gibt da zwei Pfade. Zum einen ist natürlich die Möglichkeit, eine akademische Laufbahn an einer Hochschule zu durchlaufen, oder ich nutze die Möglichkeit privater Bildungsanbieter. Das Dilemma der Hochschulen: Häufig sind sie nicht der Lage, Prüfungstermine variabel zu gestalten. Als positives Beispiel für eine gelungene Fortbildung kann man sicher die Zusammenarbeit von Bayer Leverkusen und der Hochschule Koblenz/Remagen nennen.

Müssten nicht mehr Vereine eine Art Fürsorgepflicht übernehmen?

Bei etablierten Spielern, die über 23 Jahre alt sind, ist es dem Klub mitunter egal, wie dessen Zukunftsplanungen aussehen. Es sei denn, ein Profi ist schon sehr lange im Verein und soll für die nachfolgende Karriere fit gemacht werden – wobei das nur ein sehr kleiner Ausschnitt ist. Was den Bereich der Nachwuchsförderung betrifft, stellen viele Vereine heraus, dass sie sich ganzheitlich um den Spieler kümmern. Beim 1. FC Kaiserslautern zum Beispiel ist das ein wesentlicher Teil der Philosophie von Vorstands-Chef Stefan Kuntz. Konkret sind die Leiter der Nachwuchszentren in ständigem Dialog mit den Lehrern. Die Verantwortung ist also da.

Lässt sich zusammenfassend sagen, dass sich sowohl bei Spielern als auch bei Vereinen die Erkenntnis durchsetzt, dass es ein Leben nach dem Profidasein gibt?

Auf 25 Prozent der Spieler trifft das zu, vielleicht sogar 50. Fest steht: Es ist ein wachsender Kreis von Spielern, die das inzwischen verstehen. Der Arbeitsmarkt in der Branche ist gesättigt, der Fußball boomt allenfalls monetär. Und durch die Nachwuchsleistungszentren kommen sehr gute Fußballer nach, die den Wettbewerb verändern. Klar ist: Vereine mit einem fundierten Nachwuchskonzept werden auf Sicht einen Standortvorteil haben.

Von unserem Redakteur Sven Sabock