Das Katastrophengebiet soll jetzt mit umweltverträglichen Maßnahmen zu einer Vorzeigeregion werden
Ahrtal steigt auf Nahwärme um: Katastrophengebiet soll zu Vorzeigeregion werden
Arbeiter betonieren in Marienthal die Decke der Heizungszentrale. Zahlreiche Häuser des Ortes wurden im vergangenen Jahr durch die Flutkatastrophe im Ahrtal zerstört oder beschädigt. Im Ort entsteht jetzt ein Nahwärmenetz. Fotos: Thomas Frey/dpa
dpa

Wieder steht ein Winter im immer noch stark flutgeschädigten Ahrtal bevor. Die Vorzeichen haben sich vor der neuen Heizperiode geändert. In dem Ort Marienthal entsteht jetzt beispielsweise ein Nahwärmenetz.

Lesezeit 4 Minuten

Arbeiter betonieren in Marienthal die Decke der Heizungszentrale. Zahlreiche Häuser des Ortes wurden im vergangenen Jahr durch die Flutkatastrophe im Ahrtal zerstört oder beschädigt. Im Ort entsteht jetzt ein Nahwärmenetz. Fotos: Thomas Frey/dpa
dpa

Rolf Schmitt bekommt oft Besuch, obwohl sein flutgeschädigtes Haus in Marienthal an der Ahr immer noch nicht ganz wiederhergestellt ist und er in einem Container wohnt. Der Dorfkümmerer sagt: „Es vergeht eigentlich keine Woche, ohne dass ein Bürgermeister oder Landrat sich hier über unser Nahwärmenetz informiert.“ Der zweite Winter nach der Ahrflut mit mindestens 134 Toten im Juli 2021 steht vor der Tür. Immer noch sind hier viele Häuser nicht bewohnbar.

Marienthal ist Vorreiter

Zugleich steigen Energiepreise und Inflation deutlich. Dennoch neue Chancen: Das Ahrtal soll eine Modellregion für nachhaltige Wärme- und Energieversorgung werden. Bereits 14 Ortsgemeinden haben sich hier laut dem rheinland-pfälzischen Klimaschutzministerium für Nahwärmenetze auf regenerativer Basis ausgesprochen.

Dorfkümmerer Rolf Schmitt zeigt die Übergabestation des Nahwärmenetzes.
dpa

Das kleine Dorf Marienthal ist besonders weit. Schmitt sagt: „Unser Ziel ist die Fertigstellung zum 1. November.“ Mehr als 30 Häuser wollen eine Bürgergenossenschaft an eine Heizungsanlage mit Holzpellets, Solarthermie und Fotovoltaik anschließen. „Das sind 90 Prozent des Ortes.“ Dank Förderungen und Spenden können die Kosten für Hausanschlüsse auf jeweils nur 1000 bis 2000 Euro gedrückt werden. Gerade erst ist das Dach der Heizungszentrale betoniert worden.

Keine fossilen Brennstoffe mehr nötig

Die Vorteile von Nahwärme? „Ich brauche keinen Schornsteinfeger und keine Heizungswartung mehr, ich gewinne Platz im Keller, ich bekomme im Verbund mit anderen Bürgern bessere Pelletpreise, und ich muss mich um nichts mehr kümmern“, zählt Dorfkümmerer Schmitt auf. Das langlebige System sei ökologisch, der Rückgriff auf fossile Brennstoffe vorbei. Pellets werden etwa aus Sägemehl hergestellt und gelten daher oft als nachhaltig. Umweltschützer beklagen indes auch die Fertigung aus ganzen Bäumen sowie Emissionen wie Feinstaub. Schmitt verweist auf hochmoderne Filter beim Marienthaler Wärmenetz.

Es vergeht eigentlich keine Woche, ohne dass ein Bürgermeister oder Landrat sich hier über unser Nahwärmenetz informiert.

Dorfkümmerer Rolf Schmitt

Der stellvertretende Obermeister der Innung Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (SHK) im Kreis Ahrweiler, Gisbert Sonntag, sagt, manche Ahr-Nahwärmenetze würden noch lange auf sich warten lassen. Hubertus Kunz zum Beispiel, ehemals Bürgermeister in Mayschoß, rechnet nach eigenen Worten mit dem Start eines Netzes in seinem Winzerdorf erst zum übernächsten Winter. Laut der Energieagentur Rheinland-Pfalz klagten kürzlich bei einem Expertentreffen Bürgermeister des oberen Ahrtals „über unklare Förderszenarien, schwer kalkulierbare Kosten für die Nutzer und teilweise nicht geklärte rechtliche Fragen“. Vertreter des Landes hätten hier Unterstützung zugesagt.

In den Weindörfern der mittleren und oberen Ahr haben die Bürger früher vor allem mit Heizöl und Flüssiggas geheizt. „Dann sind viele Häuser nicht wegen der Flutschäden, sondern der Verseuchung mit Heizöl abgerissen worden“, erklärt Ex-Bürgermeister Kunz. Er spricht von Gestank und Gesundheitsgefährdung. Gefolgt ist ein Sammelsurium von Einzellösungen, etwa mit Holzöfen, Elektro- oder Pelletheizungen.

Provisorien müssen wieder beseitigt werden

Die Energieagentur hat versucht, den Bedarf mit Tausenden Fragebögen zu ermitteln. Ihr „Projektleiter Wärmewende“, Paul Ngahan, versichert, das Land wolle niemanden frieren lassen – falls nötig würden weiterhin Notheizungen zur Verfügung gestellt. Klimaschutzstaatssekretär Michael Hauer (Grüne) hat kürzlich mitgeteilt, zahlreiche einst eilig geschaffene Provisorien seien „nun noch zurückzubauen und durch dauerhafte Lösungen zu ersetzen“. Das ist in Zeiten des Ukraine-Krieges nicht immer leicht angesichts sich vervielfachender Energiepreise und gestörter Lieferketten sowie des Material- und Fachkräftemangels.

Der stellvertretende SHK-Obermeister Sonntag sagt: „Unsere Branche säuft ab, wir sind überfordert, wir können nicht alle gleich bedienen.“ Da helfe es auch nur begrenzt, dass Heizungsbauer im Ahrtal schon bevorzugt vom Großhandel beliefert würden. „Trotzdem können wir Anlagen oft lange nicht aufbauen, weil einige Teile fehlen. Da macht man sich viel Zeit kaputt“, erklärt der Chef einer Heizungsbaufirma. „Bei Wärmepumpen haben wir Lieferzeiten von einem halben oder Dreivierteljahr oder manchmal auch noch mehr.“

Paul Ngahan von der Energieagentur beschreibt die Bereitschaft vieler Flutopfer, sich mit der Aussicht auf eine dauerhaft umweltverträgliche Wärmeversorgung auch noch einen zweiten Winter mit Notlösungen zu behelfen, als „eindrucksvoll und sehr ermutigend“. Es gebe durchaus „ein sehr großes Klimawandelbewusstsein im Ahrtal“.

Manche Häuser bekommen drei Heizkreisläufe

Klimaschutzministerin Katrin Eder (Grüne) hat vor einiger Zeit angesichts des extremen Starkregens in den Ahr-Fluttagen 2021 gesagt: „Der Klimawandel – ich glaube, hier hat er sein schlimmstes Gesicht gezeigt.“ Aus Sicht der Ahrweiler-Landrätin Cornelia Weigand (parteilos) ist damit „schmerzlich“ klar geworden, wie wichtig die Energiewende sei: „Wir können nicht so weitermachen wie zuvor, sondern müssen und wollen die Chancen nutzen, die sich uns mit dem Aufbau bieten.“

Dorfkümmerer Rolf Schmitt ist auf das Nahwärmenetz in Marienthal gespannt. Manche Häuser bekämen sogar drei Heizkreisläufe: für Warmwasser, eine Fußboden- und eine Wandheizung, sagt er. Zugleich freut sich der Containerbewohner, mit seiner Frau endlich wieder im eigenen Haus einziehen zu können: „Wir hoffen, dass wir bis Ende dieses Jahres zurückkehren können.“

Von Jens Albes

Ressort und Schlagwörter

Rheinland-Pfalz

Top-News aus der Region