Archivierter Artikel vom 15.11.2019, 10:51 Uhr
Wöllstein

Friedhof oder Friedwald? – Bestattung im Wandel der Zeit

Das Gemeinschaftsgrab für Hamburger Fußballfans, das Verstreuen der Asche vom Heißluftballon aus, die Urne im Kanalrohrgrab oder die Beisetzung auf der Bergweise – Bestattung im Wandel war Thema der theologischen Gespräche in der Weinstube.

Das Foto zeigt (von links) Markus Klosheim, Hans Bentz, Dekanin Monika Reubold, Prof. Dr. Reiner Sörries, Monika Klosheim und Eric Kalbhenn.
Das Foto zeigt (von links) Markus Klosheim, Hans Bentz, Dekanin Monika Reubold, Prof. Dr. Reiner Sörries, Monika Klosheim und Eric Kalbhenn.
Foto: Luise Lutterbach

In seinem Vortrag über Bestattungskultur im Wandel spannte Professor Dr. Reiner Sörries einen weiten Bogen von früheren Formen der Bestattungskultur bis in die heutige Zeit. Für den Theologen und ehemaligen Direktor des Zentralinstituts und Museums für Sepulkralkultur in Kassel war es das erste Mal, darüber in einer Weinstube zu referieren, wie er schmunzelnd anmerkte. Für rheinhessische Christen durchaus nicht ungewöhnlich, wie Pfarrer Kalbhenn bei seiner Begrüßung der Gäste deutlich machte. Zusammen mit seinem katholischen Kollegen Hans Bentz von der Fachstelle für Ökumene im evangelischen Dekanat Wöllstein lud er Interessierte in die Vinothek des Magdalenenhofes in Sprendlingen zu diesem Thema, das lebhaftes Interesse erfuhr, ein: „Wein und Theologie passen gut zusammen. Da ist uns Jesus ein Vorbild.“

Begräbniskultur ist immer einem Wandel unterworfen und spiegelt stets auch die Zeitläufte wider. Selbst im Gebiet des Dekanates Wöllstein reicht die Spannbreite von der Beerdigung, die mit Leichenzug vom Haus der Verstorbenen bis zum Friedhof geht, bis hin zur Urnenbeisetzung im profanen, aber günstigen Kanalrohrgrab, machte Pfarrer Kalbhenn deutlich.

Von der Bestattung der Toten rund um die Kirche auf dem Kirchhof im wahrsten Sinn des Wortes, um nahe bei den in der Kirche verehrten Heiligen und Reliquien zu sein und mit ihnen gemeinsam auferstehen in vorreformatorischen Zeiten und die zur Bestattung in den Weinbergen oder im Friedwald – dazwischen zeigte Professor Sörries den Wandel in der Begräbniskultur an vielen Beispielen auf.

Auch wenn besonders in Fernsehfilmen Bestattungen immer noch ganz traditionell als Erstbestattung mit in schwarz gekleideter Trauergemeinde und einem Pfarrer oder Pfarrerin dargestellt werden, gehört diese Form zu den Ausnahmen, so der Experte für Trauer und Tod: in vielen Regionen gäbe es mittlerweile schon zu 90 Prozent Feuerbestattungen. Auch Bestattungsunternehmen selbst zeigen einen Wandel im Umgang mit Verstorbenen auf und stehen in einem Wettbewerb zueinander: Die Zahl der Bestatter ist in den vergangen Jahrzehnten enorm gestiegen mit immer mehr Angeboten in der Bestattungsdienstleistung, bei der sich Angehörige das aussuchen können, was am besten zu ihnen und dem Verstorbenen passe. Wichtig dabei ist die Frage nach den Kosten, denn das Preis-Leistungsverhältnis spielt auch bei Bestattungen eine Rolle.

Auch der demographische Wandel in der Gesellschaft trägt zu veränderten Formen der Begräbniskultur bei. „Wenn Kinder beruflich oder privat in alle Himmelsrichtungen verstreut sind, spielt der Gedanke an eine Entbindung von der Grabpflege schon eine Rolle“, so Reiner Sörries. Säkularisierung von Bestattungen, der Wettstreit von „Ersatzreligionen“ und Weltanschauungen, alle diese Faktoren spielten zunehmend eine Rolle. Für die Wöllsteiner Dekanin Monika Reubold ist es ganz klar Aufgabe der Kirche, über das Thema Bestattung zu informieren. Es heißt „Gott hat uns bei unserem Namen gerufen“. Und dieser Name macht uns unverwechselbar und einzigartig. Reubold hielt ein Plädoyer für kirchliche Bestattungen, bei denen ihr wichtig ist, die Verstorbenen noch einmal „beim Namen zu nennen“ und zu würdigen sowie die Hinterbliebenen mit der österlichen Botschaft zu trösten.

Bericht von: Luise Lutterbach