Archivierter Artikel vom 24.06.2021, 14:45 Uhr
Hargesheim

Analog statt digital – Zeitbestimmung ohne Strom

Die letzten Projekttage an der Hargesheimer Alfred-Delp-Schule im September 2019 brachten ein ganz besonderes Vorhaben: Analog statt digital – Zeitbestimmung ohne Strom.

Die beiden Pädagoginnen Elisabeth Kettel und Maria Drzyzga hatten es sich zum Ziel gesetzt, ihren Schülern einen vielfältigen Zugang zu Sonnenuhren unterschiedlicher Art zu bieten. Dabei lag die Intention darauf, die Berechnung einer Analemmatischen Sonnenuhr für das Schulgelände und die Vorbereitung zur Realisierung derselbigen anzugehen. 15 junge Menschen insbesondere des damaligen Mathematik-Leistungskurses nahmen daran teil, war ihnen ein Interesse an dieser Materie per se gegeben. Sonnenuhren, so erfuhren sie, gibt es bereits seit 1000 Jahren vor Christus. Wissenschaftler vermuten, dass die alten Ägypter die ersten Sonnenuhren bauten. Natürlich fehlt dazu die letzte Gewissheit, da es auch Zivilisationen vor den Ägyptern gab, aber die Forscher fanden eben Sonnenuhren bei den Pharaonen.

An manchem öffentlichem Gebäude findet man vertikal angebrachte Sonnenuhren, bei denen sich das „Zifferblatt“ wie bei einer üblichen Wanduhr an der Fassade des Gebäudes befindet. Dagegen sind in einigen Parkanlagen mehr oder weniger kunstvoll gestaltete horizontale Sonnenuhren zu sehen, bei denen das „Zifferblatt“ kreisförmig angeordnet ist. Die Rolle des „Zeigers“ solcher Uhren spielt dabei der Schatten eines geneigten Stabes, dessen Neigungswinkel von entscheidender Bedeutung für den korrekten „Gang“ der Sonnenuhr ist. Eine richtig konstruierte und aufgestellte Sonnenuhr zeigt an dem Standort, für den sie berechnet wurde, die „wahre Sonnenzeit“ an. Nun differenziert man die uns meistens interessierende mitteleuropäische Zeit (MEZ) in mindestens zweifacher Hinsicht von der wahren Sonnenzeit. Zum einen bezieht sich die MEZ auf die Sonne, wie sie an einem Ort der geographischen Länge von 15 Grad Ost gesehen wird. Zum anderen wird hierbei von einer „mittleren Sonne“ ausgegangen, die sich mit einer mittleren ganzjährigen Geschwindigkeit auf dem Himmelsäquator bewegt, während die „wahre Sonne“ sich auf der gegen den Himmelsäquator geneigten Ekliptik mit von Tag zu Tag unterschiedlicher Geschwindigkeit bewegt. Diese ungleichmäßige Bewegung ist eine Folge der elliptischen Bewegung der Erde um die Sonne, die im sonnenfernsten Punkt der Erdbahn merklich langsamer verläuft als im sonnennächsten. Den Unterschied zwischen wahrer und mittlerer Sonnenzeit bezeichnet man als Zeitgleichung. Er kann aus den bekannten astronomischen Daten der Erdbahn für jeden Tag des Jahres berechnet werden und ist beim Ablesen einer Sonnenuhr jeweils zu berücksichtigen.

Der theoretischen Aufbereitung sollte selbstverständlich auch die praktische folgen. Doch die im März 2020 beginnende Corona-Pandemie machte die Pläne der Schüler und Lehrerinnen zunichte. Schnell war klar, dass das Vorhaben nicht vergessen, sondern zum Abschlussprojekt nach den Abiturprüfungen werden sollte. Ein Platz auf dem oberen Schulhof wurde ausgesucht und grundgereinigt. Spezialmarkierungsfarben für Asphalt wurden besorgt, die aktive Phase konnte unmittelbar nach dem mündlichen Abitur beginnen. Schon in den Osterferien trafen sich alle Beteiligten mehrmals. Allein fünf Tage lang beschäftigte man sich mit dem Reinigen und dem konkreten Malen. Die Abiturienten teilten sich in Teams auf, die einen berechneten, die anderen widmeten sich dem Design, wieder andere besorgten das Material und nochmals andere nahmen sich des Aushangs und der Erklärungen an. Von Beginn an war die Neugier gerade der jüngeren Schüler groß. Sie konnten es kaum erwarten, die Sonnenuhr in „Besitz“ zu nehmen. „Das ist ein tolles Geschenk für die Schulgemeinschaft. Danke dafür!“, lobte das Kollegium die jungen Leute. „Ein ganz besonderer Dank gebührt unseren Hausmeistern Lieb und Braun, die uns stets mit Rat und Tat zur Seite standen“, waren sich Lehrerinnen und Abiturienten einig.