Archivierter Artikel vom 06.05.2019, 00:30 Uhr
Rheinland-Pfalz

Was passiert hinter den Kulissen? Wie der Dehoga Kritiker mundtot macht

Was plant der rheinland-pfälzische Dehoga-Chef Gereon Haumann? Für Montag, 13. Mai, hat er zum Sonder-Delegiertentag des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) nach Bad Kreuznach eingeladen. Die Tagesordnung liest sich unspektakulär, doch tatsächlich könnte eine geschickte Taktik dahinterstecken.

Von Birgit Pielen

Zunächst geht es nach den üblichen Regularien bei Tagesordnungspunkt 3 um das Klageverfahren gegen den Dehoga-Landesverband, die juristische Bewertung, wirtschaftliche Gesichtspunkte und mögliche Konsequenzen. Hintergrund: Haumann hat sich am 14. August 2018 von einem Delegiertentag seine Amtszeit bis 2029 verlängern lassen – obwohl seine Wiederwahl erst 2021 angestanden hätte. 20 renommierte Hoteliers aus Rheinland-Pfalz wehren sich dagegen – und haben im Dezember 2018 vor dem Landgericht Bad Kreuznach Klage eingereicht. Sie halten das Vorgehen nicht für satzungskonform.

Einer der Kläger ist der Traben-Trarbacher Hotelier Matthias Ganter, der daraufhin wegen „unehrenhaftem und verbandschädigendem Verhalten“ aus dem Verband geworfen wurde. Sein Ausschluss ist Punkt 4 der Tagesordnung. Bei Punkt 5 geht es um das Favorite Parkhotel in Mainz. Inhaber Christian Barth, als „Hotelier des Jahres“ ausgezeichnet, blitzte bei Haumann und seinem Präsidium ab, als er in den Dehoga eintreten wollte. Die Frage nach den Gründen blieb unbeantwortet.

Auch Hotelier Melsheimer zog sich Haumanns Zorn zu

Ähnlich demütigende Erfahrungen hat der Hotelier Dirk Melsheimer aus Reil an der Mosel gemacht. Melsheimer engagierte sich jahrelang ehrenamtlich im Dehoga – vor allem als Vorsitzender der Fachgruppe Jugend und Ausbildung. 2010 wurde sein Hotel-Restaurant Villa Melsheimer beim Bundeswettbewerb des Verbandes der Köche Deutschlands zum „Top Ausbildungsbetrieb“ gekürt. Doch Melsheimer zog sich Haumanns Zorn zu – spätestens beim Delegiertentag 2013, als Haumann sich vom ehrenamtlichen zum hauptamtlichen Präsidenten küren ließ, dotiert mit 15.000 Euro monatlich vom Dehoga e.V. „Ich dachte zunächst, es geht um 15.000 Euro pro Jahr“, erinnert sich Melsheimer, „aber nein, es ging tatsächlich um 15.000 Euro pro Monat. Ich bestand in der Sitzung darauf, dass alle Einwände der Delegierten protokolliert wurden.“

Gereon Haumann, Dehoga-Präsident des Landesverbands

Dehoga

Hotelier Matthias Ganter

Birgit Pielen

Hotelier Dirk Melsheimer

Birgit Pielen

In der Folge erlebte Melsheimer, wie er mehr und mehr vom Verband ausgebootet wurde – so berichtet er es unserer Zeitung und legt entsprechende Unterlagen vor. Das Ganze gipfelte schließlich im Sommer 2014 in einer Einladung nach Mainz. Dort legten ihm der damalige Ehrenpräsident und der Schatzmeister am 24. Juli 2014 nahe, seine Ämter ruhen zu lassen. Untermauert wurde die Forderung von massiven Unterstellungen und Drohungen, die Melsheimer als rufschädigend und existenzgefährdend empfand. Weil seine Familie jahrelang darunter litt, möchte er sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht öffentlich wiederholen. Gleichzeitig stellten die beiden Herren im Namen des Präsidiums ein Ultimatum. Melsheimer solle sich bis zum Mittag des 25. Juli entscheiden, ob er sich aus der Verbandsarbeit zurückzieht.

Melsheimer war geschockt – und bat um Bedenkzeit bis zum 30. Juli. Noch am selben Tag erhielt er um 23.54 Uhr eine E-Mail von Gereon Haumann: „Ich bin doch sehr enttäuscht, dass du das gute Ansinnen des Präsidiums nicht erkennst“, schrieb er dem „lieben Dirk“. Man wolle Schaden vom Dehoga fernhalten. „Bitte zwinge uns nicht zum Äußersten, denn dann hast du keine Chance zur Umkehr“, ergänzte er und machte deutlich: „Es gibt keinen Anlass, die Dinge bis zum 30. Juli 2014 treiben zu lassen.“ Am 28. Juli werde deshalb das Präsidium beraten, wie man mit „dieser unangenehmen Angelegenheit“ umgehe. Zum Schluss ließ Haumann ihm noch einen „wirklich freundschaftlichen Rat“ zuteilwerden: „Junge, nutze die Chance zum Neuanfang“, schrieb er. „Überlege mal einen Moment, wie schön es sein könnte, morgens wieder ganz entspannt in den Spiegel zu schauen.“ Die E-Mail endet mit „dein Gereon“. Im August 2014 wurde Melsheimer schließlich wegen „unehrenhaftem Verhalten“ aus dem Dehoga geworfen. Auf eine Anhörung vor mehr als 100 Kollegen verzichtete er. Die Vorwürfe erschienen ihm zu abstrus, um darauf zu reagieren.

Verschwiegenheitserklärungen unterdrücken jede Kritik

Was wird nun beim Sonder-Delegiertentag am kommenden Montag passieren? Gereon Haumann weist in der Einladung darauf hin, dass der Delegiertentag unabhängig von der Anzahl der erschienenen Delegierten beschlussfähig sein wird – und dass jeweils die einfache Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen entscheiden wird. Nur: Über was sollen die Delegierten, die von den Kreisverbänden entsendet werden, überhaupt abstimmen? Laut Tagesordnung ist keine Abstimmung vorgesehen – es soll nur um Berichte gehen. Langjährige Weggefährten von Haumann mutmaßen, dass der Präsident taktieren könnte und entwerfen folgendes Szenario: Haumann könnte zurücktreten, um sich sofort wiederwählen zu lassen – um damit möglicherweise die Klage der 20 Hoteliers gegen seine vorzeitige Amtszeitverlängerung überflüssig werden zu lassen.

Bemerkenswert ist, dass Haumann sein achtköpfiges Präsidium offenbar mit Verschwiegenheitserklärungen kontrolliert – und damit jede Debatte, jede Kritik und jede Transparenz unterdrückt. Die Verschwiegenheitspflicht gilt nicht nur gegenüber der Öffentlichkeit, sondern auch „im Verhältnis zu Kollegen im Ehrenamt des Dehoga“. So steht es in einem Dokument, das unserer Zeitung vorliegt. Haumanns Verschwiegenheitserklärungen gelten während der Ausübung des Ehrenamtes, aber auch nach einem Ausscheiden aus dem Verein.

„Alle haben Angst vor ihm“

Ein Dehoga-Mitglied sagt gegenüber unserer Zeitung: „Haumann ist ein gefährlicher Zeitgenosse. Alle haben Angst vor ihm.“

Von unseren Redakteuren Birgit Pielen und Kurt Knaudt

Fragen unserer Zeitung werden nicht oder nur lapidar beantwortet

Dehoga-Präsident Gereon Haumann pflegt auf Landes- und Bundesebene viele politische Kontakte und gibt sich gern als Netzwerker. Auf Fragen unserer Zeitung hingegen reagiert er zugeknöpft – sie werden seit unserer kritischen Berichterstattung gar nicht oder nur lapidar von seiner Landesgeschäftsführerin Anna Roeren-Bergs beantwortet.

Am 25. April stellten wir schriftlich Fragen zur Hotelklassifizierung, zur CBG und zum Tarifstreit mit der NGG, die wir hier dokumentieren – auch sie ließ Haumann unbeantwortet. Unsere Fragen: Der Dehoga Rheinland-Pfalz hatte die Rheinland-Pfalz-Tourismus GmbH als externen Dienstleister für die Hotelklassifizierung beauftragt – seit 1996. Zum 1.1.2019 wurde die Dehoga-Tochtergesellschaft CBG damit beauftragt. Warum gab es diese Veränderung? Auf wessen Initiative ging sie zurück? Welches Budget und wie viel Personal plant die CBG pro Jahr für die Klassifizierungen ein? Wie hoch ist der Aufwand? Mit wie viel Klassifizierungen rechnet die CBG? Was bezahlen Hotels, um sich klassifizieren zu lassen? Herr Haumann erwarb im April 2018 80 Prozent der Anteile an der CBG; im Februar 2019 übernahm der Dehoga-Landesverband die Anteile. Warum?

Bisher sind die Tarifverhandlungen zwischen Dehoga und NGG gescheitert. Sie machen die Gewerkschaft dafür verantwortlich – warum? In welchen Punkten liegen Sie inhaltlich vor allem auseinander? Die NGG hat eine Schlichtung vorgeschlagen. Wie war Ihre Reaktion?

In früheren Jahren verhandelte nach unseren Informationen ein Gremium seitens des Dehoga mit der NGG, jetzt nur noch der Präsident mit seiner Landesgeschäftsführerin. Stimmt das so? Wenn ja: Wer war früher dabei? Warum gab es die Veränderung? Was bedeutet die neue Konstellation für die Verhandlungen? Was bedeutet dieser tariflose Zustand für Ihre Branche? Wie geht es jetzt weiter?

Als Antwort schickte der Dehoga eine Presseerklärung vom 7. Februar zu den NGG-Verhandlungen. „Was Ihre weiteren Fragestellungen anbelangt, so laden wir Sie gern zu unserem nächsten Presse-Brunch am Dienstag, 21. Mai, 11 Uhr, hier in unsere Landesgeschäftsstelle nach Bad Kreuznach ein“, teilte die Landesgeschäftsführerin mit. Dabei gebe es gewiss einen „Zeitkorridor“ für offene Fragen. pie

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