Archivierter Artikel vom 17.07.2013, 09:52 Uhr

Udo Vetter: Zeugen sollten sich zurückhalten

Henrike Schemmers Nachbarin äußerte sich im Internet immer wieder zur Koblenzer Bluttat – vor und nach ihrer Aussage am Landgericht Koblenz. Der Düsseldorfer Strafverteidiger Udo Vetter (48), der im Internet den viel beachteten law blog betreibt, analysiert im Gespräch mit unserer Zeitung mögliche Folgen solcher Meinungsäußerungen.

Anwalt Udo Vetter.
Anwalt Udo Vetter.

Ist es problematisch, wenn sich der Zeuge eines Strafverfahrens öffentlich über den Gegenstand des Prozesses äußert?

Ein Zeuge unterliegt keiner besonderen Schweige- oder Zurückhaltungspflicht, wenn er seine Meinung äußert. Er muss sich nur an das Gesetz halten, darf zum Beispiel nicht verleumden. Trotzdem würde ich zur Zurückhaltung raten.

Warum?

Ein wichtiger Zeuge steht im Fokus des Gerichts, der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung – besonders wenn es um Doppelmord und lebenslange Haft geht. Wenn der Zeuge im Netz den Prozess kommentiert, macht er sich und seine Aussage angreifbar.

Welche Folgen kann das haben?

Je häufiger und ausführlicher sich ein Zeuge zu einer Sache äußert, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass kleine Widersprüche in seiner Aussage auftauchen. Also werden ihn die Prozessbeteiligten vor Gericht schärfer befragen. Bei einem geschwätzigen Zeugen steht auch immer die Frage nach dem Warum im Raum. Warum äußert er sich im Netz? Warum interessiert ihn der Fall so stark? Hat er Angst, dass man ihm nicht glaubt? Verfolgt er gar persönliche Interessen?

Reduziert es die Glaubwürdigkeit eines Zeugen, wenn er öffentlich andeutet, dass er den Angeklagten für schuldig hält?

Wenn er dabei emotional wird, auf jeden Fall. Ein Zeuge, der einen Angeklagten nicht leiden kann, entwickelt oft eine Belastungstendenz – das heißt, er übertreibt bei seiner Aussage bewusst oder unbewusst, um den Angeklagten möglichst stark zu belasten.

Wie viel Freiheit hat ein Gericht beim Beurteilen der Glaubwürdigkeit eines Zeugen?

Eine sehr große. Und das hat große Auswirkungen auf das Urteil. Zeugenaussagen sind der knetbarste Teil der Beweisaufnahme im Prozess. Weil dabei kein Wortprotokoll geführt wird. Und weil die Prozessbeteiligten die Aussagen von Zeugen oft interpretieren.

Das Interview führte Hartmut Wagner