Archivierter Artikel vom 29.06.2020, 06:00 Uhr
Mainz

Tempo 30: Drastische Geschwindigkeitsbegrenzung für Landeshauptstadt

Der 1. Juli wird die Verkehrslandschaft in Mainz grundlegend verändern: Als erste Stadt in Deutschland führt die Landeshauptstadt dann beinahe flächendeckend Tempo 30 in der Innenstadt ein – auch auf den Hauptverkehrsstraßen. Die Stadt argumentiert, damit könne sie ein Dieselfahrverbot in der Innenstadt verhindern, die Maßnahme bringe eine deutliche Reduzierung von Stickoxiden. Doch Experten sind skeptisch.

Von Gisela Kirschstein

Neue Schilder warten auf die Montage: Die Einführung einer fast flächendeckenden Tempo-30-Zone wird die Mainzer Verkehrslandschaft gravierend verändern. Auch wichtige Verkehrsachsen wie Rheinallee und Kaiserstraße sind davon betroffen.
Neue Schilder warten auf die Montage: Die Einführung einer fast flächendeckenden Tempo-30-Zone wird die Mainzer Verkehrslandschaft gravierend verändern. Auch wichtige Verkehrsachsen wie Rheinallee und Kaiserstraße sind davon betroffen.
Foto: Gisela Kirschstein

„Tempo 30 bringt nicht das, was man sich wünscht“, sagt Herbert Fuss vom ADAC in Koblenz: „Tempo 30 führt nicht unbedingt zur Reduzierung von Schadstoffen.“

Seit Oktober 2018 schwebte das Damoklesschwert eines Dieselfahrverbots über der Landeshauptstadt, das Verwaltungsgericht Mainz hatte damals verfügt: Mainz müsse ein Fahrverbot erlassen, denn in der Stadt wird seit zehn Jahren der EU-weite Grenzwert für Stickoxide zum Teil deutlich überschritten. Mainz kündigte deshalb die Einführung eines Fahrverbots zum 1. Juli an – dann kam die Corona-Krise und die Schadstoffe in der Luft sanken.

Mainz werde in diesem Jahr den Grenzwert einhalten können, verkündete Verkehrsdezernentin Katrin Eder (Grüne) nun, ein Fahrverbot sei unnötig. Doch um die Werte dauerhaft niedrig halten zu können, brauche es andere Maßnahmen. Mainz werde deshalb auch auf den wichtigen Innenstadt-Durchgangsrouten Tempo 30 einführen und könne damit den Stickoxidgrenzwert einhalten.

Bislang galt die Maßnahme als durchaus umstritten. So hatte das Landesumweltamt Baden-Württemberg 2012 festgestellt, dass Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen „nicht zwangsläufig zu einer Verminderung der Fahrzeugemissionen und damit zu einer Verbesserung der Luftqualität“ führt.

Entscheidend sei nämlich nicht die Geschwindigkeit an sich, sondern der Verkehrsfluss: „Bei den Stickstoffoxidemissionen führt gleichmäßige Geschwindigkeit zu niedrigeren Emissionswerten“, so das Fazit 2012. Ein Wechsel zwischen Beschleunigung und Abbremsen oder gar Stop-and-go-Verkehr habe sogar höhere Emissionen zur Folge.

Eder stützt sich nun auf neue Gutachten: Auf der Grundlage neuester Fahrzeugdaten des Bundesumweltamtes könnten durch Tempo 30 die Stickoxidwerte um 4 bis 6 Prozent sinken, errechnete das Ingenieurbüro Lohmeyer, das mache zwischen zwei und drei Mikrogramm pro Kubikmeter Luft aus.

„Aus unserer Sicht ergibt das auf jeden Fall Sinn“, sagte Gutachter Rowell Hagemann im Gespräch mit unserer Zeitung. Allerdings reiche das reine Absenken der Geschwindigkeit nicht aus, betonte auch Hagemann: Um eine Wirkung zu erzielen, müssten auch die Ampelschaltungen auf Tempo 30 angepasst werden. Tue man das nicht, könne der erwünschte Effekt ausbleiben, warnte Hagemann: „Wir haben extra darauf hingewiesen, dass bei Einführung einer Tempo-30-Regelung sicherzustellen ist, dass der Verkehr flüssig läuft.“

„Ich sehe nicht, dass die Rechnung aufgeht“, hebt ADAC-Verkehrsreferent Herbert Fuss hervor. „Man kann in geschlossenen Ortschaften ja gar nicht eine längere Strecke in einem Tempo durchfahren.“ Ein Problem könnten dabei auch die Schaltkreise sein: „Mit modernen Fahrzeugen kann man ohne Probleme bei Tempo 30 im dritten Gang fahren“, sagt Fuss, bei älteren sei das aber nicht unbedingt gegeben.

Im zweiten Gang stießen die Fahrzeuge aber auch mehr Schadstoffe aus – eine flächendeckende Reduzierung der Schadstoffe sei dann nicht mehr gegeben. Tempo 30 gehöre heute „in jedes Wohngebiet und in jeden schützenswerten Bereich“, betont der Verkehrsexperte. Hauptverkehrsstraßen seien aber für den Durchgangsverkehr gedacht und dienten dazu, Verkehr abfließen zu lassen, „die sollte man nicht durch Tempo 30 ausbremsen“.

Tempo 30 könne auch dazu führen, dass der Verkehr in Nebenstraßen ausweiche. Er mache auch den ÖPNV langsamer und damit unattraktiver, mahnt Fuss. „Ich bezweifele, dass eine merkbare Reduzierung erreicht wird.“