Ahrtal

Sportvereine treffen beim Wiederaufbau auf harte Gegner: Offensive im Flutgebiet wird immer wieder ausgebremst

Zerstörte Plätze, überflutete Vereinsheime, fortgespülte Anlagen: Die Flut hat den Sportvereinen im Ahrtal ein schweres Los hinterlassen. Um im Bild zu bleiben: Die Vereine treffen in der „Saison nach der Flut“ auf gleich vier schwere Gegner.

Von Frank Bugge
Lesezeit: 3 Minuten
Isabel Haunhorst, Vorsitzende des Vereins Ahrlotsen, unterstützt mit den freiwilligen Helfern ihrer Initiative die Aufbauarbeit von Markus Bleffert (SV Altenahr, links) und Christian Keuler vom Sportverein ABK 54 Ahrbrück.
Isabel Haunhorst, Vorsitzende des Vereins Ahrlotsen, unterstützt mit den freiwilligen Helfern ihrer Initiative die Aufbauarbeit von Markus Bleffert (SV Altenahr, links) und Christian Keuler vom Sportverein ABK 54 Ahrbrück.
Foto: Frank Bugge

Der erste ist die Zeit, die drängt. Teams und Einzelsportler, die in Wettkampfrunden antreten, müssen trainieren und Wettbewerbe bestreiten können. Im Breitensport vom Eltern-Kind-Turnen bis zum Seniorensport oder in den Trend- und Gesundheitssportangeboten besteht die Gefahr, dass Vereinsmitglieder zu intakten Nachbarvereinen abwandern.

Der zweite Gegner heißt Bürokratie. Die Flut spülte die unterschiedlichsten Strukturen hervor. Wer ist Eigentümer einer Sportanlage, wer ist nur Pächter oder Nutzer? Kommunen, Vereine, der Kreis? Das Thema bringt Gegner Nummer drei auf den Platz, der eng mit Gegner vier zusammenspielt. Wer hat das Planungsrecht, wer klärt oder übernimmt die Finanzierung? Was zahlen „private“ Vereinsversicherungen?

Schließlich baut sich dahinter noch eine Art „Ausputzer“ auf, der schnelle Offensiven weggrätscht: Es sind die hochwasserrechtlichen Vorschriften und die Wiederaufbaufinanzierung durch die ISB-Bank des Landes. Die hat noch nicht den Zuschnitt auf die innovativen Ideen im Sport gefunden. Hier muss die Bundes- und Landespolitik nachsteuern.

Als wäre das nicht genug. „Wir müssen auch an den Schulsport und die Kindergärten denken“, bremst Verbandsgemeindebürgermeisterin Cornelia Weigand die ungeduldigen Altenahrer Sportklubs. Ihre Verbandsgemeinde meldet Schäden von 1,29 Milliarden Euro an „öffentlichem Eigentum“. „Minimum 664 Maßnahmen“ stehen in den zwölf Ortsgemeinden an, darunter 13 Sport-, Tennis- und Bolzplätze. Ein erster Maßnahmenkatalog wurde jetzt vom Rat verabschiedet. Vereinssportanlagen kommen nicht vor; die sind Sache der Ortsgemeinden. Derweil ringen ESV Kreuzberg, SV Mayschoß oder der arg gebeutelte SV Dernau mit Fragen um Ort und Art eines Wiederaufbaus.

Ahrabwärts in Sinzig hat man bereits gerechnet: Der Wiederaufbau der Sporthalle kostet 10 Millionen Euro, für das Rhein-Ahr-Stadion mit Gebäude werden 4,1 Millionen Euro veranschlagt, für die Sportanlage Bad Bodendorf 2,1 Millionen Euro, für die Tennisplätze 800.000 Euro und für den Minigolfplatz gegenüber 400.000 Euro. Der Vereinswiederaufbau würde mit 100 Prozent bezuschusst. Aber die meisten Anlagen liegen jetzt im neuen Überschwemmungsgebiet.

Die Schäden durch die Ahrflut werden über zunächst geschätzte 25 Millionen Euro hinausgehen. Allein der Neubau des Hallenbades in Bad Neuenahr, unter anderem Stätte des Schwimmsports und bereits vor der Flut geplant, wird wohl die Summe erfordern.

Der Sportbund Rheinland (SBR) will die Führung des Wiederaufbaus zusammen mit dem Institut für Sportstättenentwicklung (ISE) in Trier und der Fachhochschule (FH) Koblenz mit einem „Masterplan“ übernehmen. Man hat früh Kontakt zu den 46 flutbetroffenen Vereinen unter den 174 Klubs im Sportkreis Ahrweiler mit mehr als 35.000 Mitgliedern aufgenommen. Denn der selbstverwaltete Vereinssport gibt nicht auf, macht Pläne, sucht Übergangslösungen.

„Der Teufel liegt im Detail“, berichtet die stellvertretende SBR-Geschäftsführerin Susanne Weber. Beispiele gefällig? Der TV Sin­zig 08 (1000 Mitglieder) benötigt ein „Dach über dem Kopf“. Das 300 Quadratmeter große Zelt kostet inklusive Beheizung rund 70.000 Euro. Beim großen BC Ahrweiler ist man mit einem 16-Sitzer mehr auf Achse, denn auf den Plätzen. „Wir sind in zwei Bundesländern, vier Kreisen und sechs Kommunen unterwegs, um auf acht Plätzen einen geregelten Trainingsbetrieb möglich zu machen“, erklärt ABC-Jugendleiter Gerd Treffer. Für einige Sportanlagen liegen zudem gar keine Baugenehmigungen mehr vor, die jedoch Grundlage für den Wiederaufbauzuschuss sind.

Weit vorn ist der HTC Bad Neuenahr, wo alles teurer wird als gedacht. Und: „Es ist schwierig, überhaupt Fachfirmen zu finden. Hinzu kommen die hohen Baustoffpreise“, schildert der Vorsitzende Karl-Horst Gödtel.

Neues plant die SG Ahrtal in Hönningen, Insul, Schuld und Dümpelfeld. Sie will anstelle von vier Plätzen nur noch zwei „bessere“ aufbauen. Aber: Würde jeder Platz einzeln wieder errichtet, zahlt jeweils der Wiederaufbaufonds. Legt man dagegen die Plätze zusammen und spart damit Kosten, so kann das Gemeinschaftsprojekt nur die Förderung bekommen, die für den alten Platz an dieser Stelle notwendig wäre.

Aktuell werden einige Sportplätze noch als Lagerplätze oder Wohncontainer-Stellflächen wie in Walporzheim oder am Apollinaris-Stadion in Bad Neuenahr genutzt. „Eine zeitnahe Räumung ist nicht in allen Fällen zu erwarten“, so SBR-Frau Weber. In den vergangenen drei Monaten sei man mit dem „Masterplan“ im Ganzen nicht weitergekommen, klagt sie. Der SBR hofft nun, vom Kreis Ahrweiler den Auftrag für eine engstens mit den Klubs und weiteren Akteuren abgestimmte Gesamtplanung zu bekommen, um den Bedarf zu erheben, planen, koordinieren und die Finanzierung eines „Sport-Wiederaufbaus plus“ beantragen zu können.

Wie an vielen Stellen in der Flutbewältigung wächst auch hier die freiwillige Selbsthilfe. Denn die Bürokratie mit ihren Sackgassen und Entscheidungsschleifen nervt, entkräftet und zermürbt die ehrenamtlichen Sportfunktionäre. Quasi zur „Belastungssteuerung“ bietet der Hilfsverein Ahrlotsen seine Unterstützung an. Er hat die Initiative #vereintdievereine ins Leben gerufen, die die Arbeit des SBR ergänzt. Einige Vereine sind als Mitbegründer dabei. „Wir bieten ein Kontakt- und Gesprächsforum, bringen praktische Aktionen und aktuelles Wissen zusammen, helfen selbst vor allem bei Zuschussanträgen“, sagt die Vorsitzende Isabel Haunhorst. Man kann ihr dabei nur ganz sportlich viel Erfolg wünschen. Frank Bugge

Archivierter Artikel vom 15.01.2022, 14:00 Uhr