Archivierter Artikel vom 13.05.2022, 13:04 Uhr

Scharfsinniger Diagnostiker oder völkischer Antisemit?

Mit dem Namen des Künstlers und Lithografen A. Paul Weber werden heutzutage viele nichts anfangen können, sein populärstes Werk dürfte aber den meisten bekannt sein, denn „Das Verhängnis“ hat es in zahlreiche Schulbücher geschafft. Die Radierung stammt aus der Broschüre „Hitler – ein deutsches Verhängnis“, erschienen 1932, und zeigt eine willenlose Menschenmasse, die Hakenkreuzfahnen schwenkend über einen Abgrund in einen mit dem Symbol der NS-Diktatur gezierten Sarg marschiert.

Vor allem dieses Bild hat A. Paul Weber den Ruf eines scharfsichtigen Diagnostikers seiner Zeit eingebracht. Doch dieser Ruf ist durch neuere historische Forschungen ins Wanken geraten. Zwar gehörte Weber dem „Widerstandskreis“ um den Nationalbolschewisten Ernst Niekisch, Herausgeber der besagten Broschüre, an. Doch, so der Hamburger Germanist Thomas Dörr, „das war kein Widerstandskreis, sondern faschistische Konkurrenz“. Hitler und die Nazis wurden aus diesem Kreis eher als zu zahm und bürgerlich kritisiert, was 1937 zur Verhaftung Niekischs und wenig später auch Webers führte.

Anders als Niekisch, der zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt wurde und bis 1945 inhaftiert blieb, kam Weber jedoch nach einem halben Jahr KZ-Haft wieder frei. Er arrangierte sich nun offensichtlich mit den neuen Machthabern, für die er kriegstreibende Propagandabilder, besonders gegen Großbritannien, zeichnete.

Vorgeworfen wird A. Paul Weber außerdem seine Zugehörigkeit zur völkischen Bewegung in den 1920er-Jahren und bereits in dieser Zeit durch Zeichnungen antisemitische Stereotype bedient zu haben. So zeichnete er ein Bild des jüdischen Schriftstellers Kurt Tucholsky als aufgespießte Laus sowie die Titelillustration des antisemitischen Bestsellers „Die Sünde wider das Blut“ von Artur Dinter. mif