Archivierter Artikel vom 09.07.2021, 21:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Rheinland-pfälzischer Kassenärzte-Chef im Interview: „Ungeimpfte dürfen nicht mehr reisen“

Der rheinland-pfälzische Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) hat jüngst im Interview mit unserer Zeitung bereits den Druck auf Impfmuffel und Impfskeptiker erhöht: Er deutete an, dass etwa Discobesuche im Herbst für Nicht-Geimpfte faktisch wegen dann fehlender Testmöglichkeiten nicht mehr möglich sein werden. Jetzt geht der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz, Dr. Peter Heinz, noch einen Schritt weiter. Im Gespräch mit unserer Zeitung fordert er deutliche Freiheits- und Reisebeschränkungen für Nicht-Geimpfte. „Die Nicht-Geimpften haben nicht die Freiheit, ihre Maske abzulegen. Sie dürfen nicht ins Stadion, nicht ins Schwimmbad und nicht ohne Maske im Supermarkt einkaufen. Ungeimpfte dürfen nicht mehr reisen.“ Das Interview:

Von Christian Kunst

Nur wer doppelt geimpft ist, darf noch in den Urlaub fahren: Das fordert der rheinland-pfälzische Kassenärztechef Dr. Peter Heinz.  Foto: dpa
Nur wer doppelt geimpft ist, darf noch in den Urlaub fahren: Das fordert der rheinland-pfälzische Kassenärztechef Dr. Peter Heinz.
Foto: dpa

Haben auch die niedergelassenen Ärzte Probleme mit Impfschwänzern? Was halten Sie von Strafen, wie sie Karl Lauterbach fordert?

In den Praxen haben wir damit kaum Probleme. Das sind Einzelfälle. Denn viele Patienten haben eine besondere Beziehung zu ihren Ärzten. Viele trauen sich daher gar nicht, einen Termin einfach nicht wahrzunehmen. Ausfallentschädigungen für eine geschwänzte Impfung zu verlangen, ist rechtlich kaum möglich. Und der Aufwand, eine solche Entschädigung einzufordern, würde wohl in keinem Verhältnis zu der Höhe der späteren Entschädigung stehen. Bestrafen kann ich nur jemanden, der ein Vergehen begangen hat. Das Wort „Strafen“ halte ich in diesem Zusammenhang für völlig deplatziert.

Ist es also einfacher, einen Termin in einem anonymen Impfzentrum abzusagen als beim Arzt?

Ja. Es war immer klar: Die Impfzentren können geschlossen werden, wenn niemand mehr hingeht. Natürlich ist jede Struktur wichtig, die beim Impfen hilft, aber jetzt gehen viele lieber zu ihrem Hausarzt und schwänzen Termine im Impfzentrum. Die Menschen stimmen mit den Füßen ab.

Das dürfte aber ja nicht er einzige Grund dafür sein, dass viele einen Impftermin schwänzen.

Nein. Es gibt auch jene, die den zweiten Impftermin schwänzen, weil sie glauben, dass sie schon nach dem ersten Piks ausreichend geschützt sind. Sie scheuen die Nebenwirkungen und vertrauen auf den Schutz der Einmalimpfung. Die Zahl dieser Menschen nimmt zu, weil der Druck für die Zweitimpfung gesunken ist. Studien zeigen ja, dass der Immunschutz auch schon nach der ersten Impfung teilweise vorhanden ist. Diesen Menschen muss man klarmachen, dass sie von der Gesellschaft nicht als geschützt angesehen werden und dadurch Nachteile haben. Sie dürfen dann nicht so behandelt werden wie ein Geimpfter.

Dr. Peter Heinz
Dr. Peter Heinz
Foto: privat

Was würde das für nicht zweifach Geimpfte bedeuten? Welche Freiheiten hätten sie dann nicht?

Die Nicht-Geimpften haben nicht die Freiheit, ihre Maske abzulegen. Sie dürfen nicht ins Stadion, nicht ins Schwimmbad und nicht ohne Maske im Supermarkt einkaufen. Und man darf Ungeimpften und jenen mit nur einer einfachen Impfung nicht mehr gestatten, in den Urlaub zu fahren. Ungeimpfte dürfen nicht mehr reisen. Die Geimpften dürfen all das. Wenn wir das so klar trennen, dann werden wir die Herdenimmunität durch das Impfen erreichen.

Also sollte es vor Urlaubsreisen kein Freitesten mehr geben?

Nein. Das Freitesten schützt ja nicht. Wer zum Beispiel auf eine Insel mit einem negativen PCR-Test fährt, kann sich dort sehr wohl anstecken, fährt wieder nach Hause und ist Virusträger. Uns muss es um eine Durchimpfung gehen und nicht darum, Tests zu verkaufen. Freitesten ist kein Instrument, um eine Pandemie zu knacken.

Wie knacken wir die Pandemie?

Indem man sagt, dass es eine pandemiebedingte Notwendigkeit gibt, sich zweifach zu impfen. Wer das nicht macht, bekommt seine Freiheiten nicht zurück. Wer die Freiheiten nur den Geimpften gibt und den Nicht-Geimpften nicht, schafft keine Zweiklassengesellschaft, sondern überzeugt die Menschen von der Impfung und bekämpft die Pandemie.

Ist das gerecht, weil sich noch nicht alle impfen lassen konnten?

Pandemien sind nie gerecht. Pandemien töten und zerstören Existenzen. Wenn die Politik meint, Menschen mit moralischen Appellen zur Corona-Impfung bewegen zu wollen, dann irrt sie. Das bringt nichts. Eine Pandemie bedroht alle. Das ist ungerecht. Gerechtigkeit entsteht nur, wenn sich möglichst viele impfen lassen.

Ist das nicht eine Impfpflicht durch die Hintertür?

Es gibt viele Politiker, die aktuell über eine Corona-Impfpflicht nachdenken. Ich halte auch das für eine Bevormundung. Freiheiten nur Geimpften zurückzugeben, ist aus meiner Sicht keine versteckte Impfpflicht, sondern eine zwangsläufige Schlussfolgerung aus einer pandemischen Lage, die Menschen bedroht.

Unter Nicht-Geimpften sind viele Skeptiker. Was bewegt sie?

Es gibt im Unbewussten das tief verwurzelte Bedürfnis, etwas Unbekanntes nicht in sich hinein zu lassen. Man befürchtet das sogenannte maligne Introjekt – die Angst, dass etwas Böses in mich hineingegeben wird, um etwas Böses zu bekämpfen. In unserem tieferen Inneren sind wir davon überzeugt, dass nur etwas Böses das Böse bekämpfen kann. Das wird dadurch verstärkt, indem diese Menschen Meldungen aus sozialen Netzwerken aufgreifen, die ihre schon vorhandenen tiefen Zweifel an der Impfung scheinbar rational bestätigen. Tatsächlich haben ihre Zweifel aber tiefere Wurzeln. Die falsche Logik lautet: Eine Impfung, die zu 95 Prozent wirkt, muss auch einen großen Nachteil haben. Fakt ist aber, dass es keine so gut verträgliche und hochwirksame Impfung wie mit mRNA-Impfstoffen gibt.

Wie erreicht man diese Skeptiker? Oder muss man sie letztlich dann doch verloren geben?

Nein. Sie sind durchaus gut erreichbar – vor allem von Menschen, die diese Mechanismen kennen: Das sind wir Ärzte. Im persönlichen Gespräch schaffen wir es relativ schnell, einen Skeptiker vom Impfen zu überzeugen.

Wie geht das?

Indem wir ihm die Zusammenhänge der Impfung erläutern und erklären, welche Vorteile mit der Impfung verbunden sind. Das geht aber nicht für 20 Euro, die wir derzeit für eine Impfung bekommen. Überzeugungsarbeit ist aufwendig.

Sie wollen also mehr Geld für den Endspurt beim Impfen?

Ja. Die Ärzte müssen ordentlich für ihre Überzeugungsarbeit vergütet werden. Ich finde es absurd, dass jetzt dreistellige Prämien für Impfwillige gefordert werden, die dann auch jenen bezahlt werden sollen, die schon geimpft sind. Der Arzt bekommt 20 Euro, der Patient 100 Euro. Das ist doch eine verkehrte Welt. Natürlich kann man wie in den USA Impflotterien veranstalten, wenn man die Menschen weiter entmündigen möchte. Das ist aber nicht seriös. Seriös ist es anzuerkennen, dass ein Ungeimpfter eine Gefahr für die Gesellschaft ist und er daher nicht die gleichen Freiheiten wie ein Geimpfter bekommen darf. Und es ist auch seriös, alle Beschränkungen für Geimpfte aufzuheben.

Allerdings gibt es viele Menschen, die gar keinen Hausarzt haben oder von Ärzten schlecht erreicht werden. Wie bringen Sie diese Menschen in die Arztpraxen? Das Land plant Impfbusse oder mobile Impfteams in Problemvierteln.

Das sind alles gute Ideen. Aber das verkennt den Grundfehler, der gerade gemacht wird: Wer Ungeimpften Freiheiten zurückgibt, verspielt die Chance, alle Menschen mit der Impfung zu erreichen. Alle Bürger wollen frei leben. Ihnen muss man klarmachen: Ohne Impfung gibt es keine Freiheiten. Ohne diesen Druck werden wir die Menschen nicht überzeugen.

Ist es angesichts der Delta-Variante nicht problematisch, die Masken für Geimpfte fallen zu lassen?

Dass viele Menschen trotz Impfung an Covid-19 erkranken werden, ist bislang durch Studien nicht belegt. Aber natürlich wird es weiter Covid-19-Fälle bei Geimpften geben, weil die Wirksamkeit eben nicht bei 100 Prozent liegt. Damit können wir leben. Mit einer Wirksamkeit von 80 oder 90 Prozent wird diese Pandemie das Überleben der Menschheit nicht gefährden.

Das Gespräch führte Christian Kunst