Archivierter Artikel vom 20.06.2020, 11:30 Uhr

Probieren und diskutieren

Das Deutsche Weininstitut hat die besten Roséweine und -sekte der Republik gekürt – aus Virusgründen in der Bodenheimer Geschäftsstelle unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wir wollten wissen, was die Preisträger können, und haben die Probe nachgestellt: mit den Nachbarn im Garten und ein paar zusätzlich gekauften Kandidaten.

Die erste Feststellung war die überraschende Vielfalt. Die Weine hatten durchweg einen eigenen Charakter, aufgrund ihrer Verschiedenheit war für jeden Geschmack etwas dabei. Zweite Feststellung: Trotz unterschiedlicher Präferenzen waren sich die Tester – eine Runde aus Anlass- und Gelegenheitstrinkern – beim Qualitätsurteil auffällig einig. Die Gretchenfrage „Kaufen oder nicht?“ entschieden sie letztlich am Preis. Zu ihren Lieblingen kürten sie folgende Kandidaten:

Love and Hope 2019 vom Weingut St. Antony in Rheinhessen: „Das ist doch von diesem Straßenkünstler Banksy!“ Das Etikett mit dem Luftballonmädchen hat Wiedererkennungswert. Der Biowein ist überwiegend aus Blaufränkischtrauben und im Glas leicht trüb, auf der Zunge bitzelt's angenehm. Er ist fruchtig-frisch („Das hat Trinkfluss“) – das alkoholische Äquivalent zur Erdbeer-Rhabarber-Schorle (9,90 Euro).

Der Rosé 2018 Braunewell Dinter vom Weingut Braunewell in Essenheim (Rheinhessen): Die trockene Cuvée aus Spätburgunder und kleinen Anteilen an St. Laurent und Merlot war als einziger Wein der Runde mit einem Korken verschlossen. Damit zeigt der Winzer einen gewissen Anspruch, der Anklang fand. „Weich“, „süffig“, „Den kann ich gut trinken!“, parierten die Tester. Zuerst steigt zarter Blütenduft in die Nase, dann aber ein Maul voll Wein: Der hat Grip am Gaumen, Frucht, Säure, einen angenehmen Hauch Süße, mehr von einer Sommerwiese als von Parfüm. So schmeckt die Provence. Als Ticket in den Kurzurlaub geht der Preis in Ordnung, meinte die Jury in Sehnsucht nach Seesalzluft und gegrillten Meeresfrüchten über den DWI-Testsieger (25 Euro).

Pinot rosé Sekt brut 2013 vom Weingut Kaufmann in Hattenheim, Rheingau: Die getönte Flasche und das schlichte Etikett hätten die Tester im Regal nicht zugreifen lassen. „Erinnert irgendwie an Tatort oder das Kaufland-Logo“, „Die Schrift ist doch Märklin, oder?“ waren die Reaktionen. Im Glas die Versöhnung: „Aber die Farbe ist schön, und die Kohlensäure fühlt sich im Mund gut und nicht so ruppig an.“ Eine elegante, unaufdringliche Erdbeernote, frisch geröstetes Weißbrot von der Hefe, auf der der Spätburgundersekt fünf Jahre lang lag. Geschmacklich ist dieser Gentleman klarer Favorit unter den Sekten (15 Euro).

Rosé 2019 von Günther Jauch, abgefüllt in Bernkastel-Kues, Mosel: „Der Name kostet bestimmt Aufschlag“, fürchtet eine Jurorin. „Der hat's aber nicht nötig, seinen Namen für minderwertige Ware herzugeben“, glaubt der Nachbar. Geprägtes Etikett, goldener Schriftzug und die Signatur des Moderators auf dem Etikett – das wird wohl teuer. Wein, Kapsel, Etikett, alles rosa – und so schmeckt's auch: satt fruchtig nach Erdbeeren und Himbeeren. Endlich ein Wein, der nicht trocken ist, dieser Typ gefällt. Auch weil er so lässig dahin plätschert, im Plauderton gewissermaßen, gefallen und unterhalten will und dabei kein bisschen anstrengend ist. „Ach, den gibt's bei Aldi? Also den merk ich mir“ (4,99 Euro). nim