Archivierter Artikel vom 13.09.2017, 17:57 Uhr
Rolandseck

Oliver Kornhoff: „Wichtige Stimme im Konzert der Kunstmuseen“

Ein niederschwelliges Angebot und ein Kunstmuseum, das für sich beansprucht, mit den besten und größten Häusern am Rhein mitzuhalten? Da will irgendwas nicht so recht zusammenpassen. Meint man.

Oliver Kornhoff, seit 2009 Direktor des Arp Museums, ist mit seinem Arbeitsplatz und den Erfolgen des Hauses glücklich. Foto:  Jan Lindner
Oliver Kornhoff, seit 2009 Direktor des Arp Museums, ist mit seinem Arbeitsplatz und den Erfolgen des Hauses glücklich.
Foto: Jan Lindner

Oliver Kornhoff, seit 2009 Direktor des Arp Museums in Rolandseck, sieht das gänzlich anders. Er spricht von einer Niederschwelligkeit im „positivsten Sinne. Unser Museum ist kein Elfenbeinturm, sondern ein Kunsttempel, der transparent und für alle da ist.“ Für Kunstexperten, Interessierte, Laien und Kindergartenkinder. Gleichzeitig macht er klar: „Was die Qualität angeht, gehen wir nie einen Schritt zurück.“

Im Interview erklärt der 48-Jährige die zehnjährige Erfolgsgeschichte des Arp Museums, dessen Stellenwert in der Riege der internationalen Kunstmuseen und spricht über die künftige Ausrichtung.

Herr Kornhoff, vor fast zehn Jahren wurde das Arp Museum Bahnhof Rolandseck eröffnet. Haben Sie Grund zum Feiern?

Ja, wir haben allen Anlass, groß Geburtstag zu feiern. Unsere Sehnsüchte und Erwartungen sind wahr geworden. Es ist ein glückliches Haus mit motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem glücklichen Direktor. Wir sind froh über das Erreichte und freuen uns auf ein großes Fest.

Was hat das Museum in zehn Jahren erreicht?

Im Konzert der großen Kunstmuseen am Rhein zwischen Basel und Rotterdam sind wir eine wichtige Stimme, ein Antriebsort. In Rheinland-Pfalz sind wir das größte und erfolgreichste Kunstmuseum. Es ist ein großer Erfolg, dass sich Besucher bei dieser Auswahl für uns entscheiden und uns als immer noch jungem Haus diese Aufmerksamkeit widmen. Wir möchten auf einem hohen Niveau die Kunstleidenschaft in Deutschland bereichern und bieten Kunst aus 1000 Jahren an: von den alten Meistern der Sammlung Rau bis hin zu Arp und Moore. Konkurrierende Museen sind nicht unsere Gegner. Wir arbeiten alle daran, dass bildende Kunst eine Rolle spielt. Aber klar ist auch: Alle sind ihrem Geldgeber verpflichtet und fischen im selben Becken.

Diesen Stellenwert erarbeitet man sich nicht mal eben im Vorbeigehen.

Es hat gedauert, bis wir uns in die Kunstwelt, in den Markt hineingearbeitet haben. Ich habe immer gesagt: Gebt uns Zeit, und wir zeigen, wie hochkarätig das Angebot der Wechselausstellungen und die Kunst Hans Arps und Sophie Taeuber-Arps ist. Als wir ab 2009 zudem Werke der Sammlung Rau für Unicef ausstellen konnten, war das ein wichtiger strategischer Mehrwert. Denn diese Sammlung ist auch für andere Museen sehr attraktiv.

Wo sehen Sie das Arp Museum im internationalen Vergleich?

Durch unsere Kooperationen mit wichtigen Museen in England, Schweiz, Frankreich, Dänemark oder den Niederlanden sind wir fest auf der internationalen Landkarte verankert. Außerdem sind wir ein sehr gefragter Leihgeber. 2020/21 beispielsweise sind wir in London, New York und Bern Leihgeber für Werke von Sophie Taeuber-Arp. Ein starkes Zeichen für unseren internationalen Stellenwert.

In zehn Jahren feiert man nicht nur Erfolge. Welche Tiefpunkte hat das Arp Museum erlebt?

Die gibt es immer mal, wenn man viel Liebe, Klugheit und Engagement in eine Ausstellung steckt, die Erwartungen dann aber nicht erfüllt werden. Einzelheiten möchte ich nicht nennen.

Im Gegensatz zu den Museen in den Metropolen liegt das Arp Museum auf dem Land und halb im Wald. Ein Vor- oder Nachteil?

Die Einbettung in diese großartige Landschaft ist beides, Fluch und Segen. Es heißt ja, bei schlechtem Wetter geht man ins Museum. Aber zu uns geht man nicht mal eben hin, die Besucherinnen und Besucher müssen sich auf den Weg machen. Und dies meist bei gutem Wetter, weil sie viel Landschaft miterleben können. Sie verbringen mindestens einen halben, oft einen ganzen Tag bei uns. Und bekommen immer vier Ausstellungen gleichzeitig zu sehen.

Und seit Ende Mai auch die Großplastiken des englischen Bildhauers Henry Moore ...

... einem Superstar der Kunst.

Der endgültige Ritterschlag für das Arp Museum?

Absolut. In dieser konzeptuell, finanziell und logistisch äußerst komplexen Ausstellung bündelt sich die ganze Kompetenz, Qualität und Internationalität, die wir uns erworben haben. Es ist ein starkes Zeichen, wie wir mit dieser Ehre und Bühne umgehen: inhaltlich, organisatorisch und hinsichtlich der Künstlerberühmtheit. Mit Fug und Recht ist das unsere Geburtstagsausstellung. Aber es ist vielmehr ein ganzes Jubiläumsjahr.

Inwiefern?

Dieses Jahr ist unseren künstlerischen Wegbegleitern, unsern Besucherinnen und Besuchern und auch dem Museum selbst gewidmet. Wir feiern mit unseren alten Freunden Arp, Moore, Klotz und Co., setzen all unsere Stärken auf eine Karte und sind glücklich, wenn der Plan aufgeht.

Durch den Hauspatron Hans Arp stellt man sofort eine Assoziation her und wird vielleicht auch in der Szene greifbarer wahrgenommen. Wie sehr wird das Arp Museum durch seinen Patron eingeengt?

Es kann zu einer Sackgasse führen. Patronatshäuser leben mit der Gefahr, sich immer nur selbst bespiegeln zu wollen. Aber: Wir sind kein Mausoleum, sondern ein lebendiges Museum und wollen Arps Erbe und Ideen lebendig halten.

Wie sehr ist das Arp Museum in der Region verankert?

Inzwischen sehr. Die Vermittlung von Kunst ist als Beitrag für die Region unverzichtbar. Stadt, Kreis und unsere Unterstützer sind sehr gute Partner. Wenn man uns besucht, muss man keine Angst vor dem moralischen Zeigefinger haben. Wir bieten kluge Kunst von klugen Künstlerinnen und Künstlern. Wir sind für alle da – vom Kindergartenkind bis zum Kunstexperten – und wollen Kunst aus verschiedenen Richtungen erlebbar machen, andocken an persönlich Erlebtem. Wir sehen und heben Schätze, thematisieren Themen wie Dada, die man sonst in ihrer Relevanz vergäße. 2016 haben wir fast 1000 Vermittlungsangebote offeriert. Vermittlung ist uns sehr, sehr wichtig.

Wollen Sie das Angebot weiter ausbauen?

Unbedingt, das ist eines unserer großen Ziele für die Zukunft. Schulen und Kindergärten im Kreis Ahrweiler haben wir gut abgedeckt. Demnächst strecken wir unsere Fühler über die Landesgrenze nach NRW aus. Wir sind ein Lernort und gestalten die Lebenswirklichkeit mit, mit der Kulturbrille auf. Inklusion und Integration von Flüchtlingen sind bei uns schon lange Thema.

Das Arp Museum ist in den vergangenen Jahren immer mal wieder von der Politik als Spielball benutzt worden. Ihnen wurde vorgeworfen, Steuergelder zu verschwenden. Gibt es diese Vorwürfe immer noch?

Das hat stark abgenommen. Politiker, die uns immer wieder angreifen, machen sich auf Dauer unglaubwürdig. Weil es erstens nicht stimmt, da wir seriös und konservativ arbeiten, verantwortungsvoll mit Steuergeldern umgehen. Und wir zweitens das transparenteste Museum überhaupt sind. Ich habe das Gefühl, dass jetzt alle in die gleiche Richtung segeln: Stadt, Kreis, Mainzer Politik und wir.

Was steht 2018 im Arp Museum an?

Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck im Rausch der Farben. Das Jahr beginnt mit einer Ausstellung des berühmten deutschen Malers Gotthard Graubner. Seit den 1970er-Jahren war er dem Künstlerbahnhof Rolandseck eng verbunden. Wie kein Zweiter setzte Graubner sich mit Farbe auseinander und erschuf großformatige Farbraumkörper, in die wir eintauchen. Den farbigen Bogen schlagen wir zeitlich bis in die Vergangenheit. In der Kunstkammer Rau zeigen wir ab März das Thema Farbe im Wechsel der Jahrhunderte vom Mittelalter bis in die Moderne. Unser Farbenjahr wird ab August durch die Ausstellung „Japonismus – Impressionsmus“ in der Kunstkammer Rau gekrönt. Der Einfluss Japans auf die europäische Kunst verändert entscheidend unser modernes westliches Natur- und Farbverständnis. Die großen französischen Impressionisten waren die ersten, die sich am Ende des 19. Jahrhunderts mit den farbenfrohen japanischen Holzschnitten auseinandersetzten. Bei uns blickt man in ihre Ateliers, lernt die Japansammlungen Claude Monets kennen und entdeckt deren Einfluss in den nahezu abstrakten Arbeiten von ihm und seinen Zeitgenossen. Darauf freuen wir uns schon heute und sagen Konnichiwa 2018.

Das Interview führte Jan Lindner