Archivierter Artikel vom 19.10.2020, 06:30 Uhr
Rheinland-Pfalz

Nach brutalem Angriff von Andernach: Auf der Streife fährt die Angst mit

Der äußerst brutale Angriff auf einen Polizeibeamten (36) in der Andernacher Rheinstraße erschüttert immer noch Menschen – nicht nur seine Familie und Kollegen. Ein Andernacher (29) hatte den Beamten mit solcher Wucht gegen den Kopf getreten, dass der Polizist intensivmedizinisch behandelt werden musste – wegen eines Schädel-Hirn-Traumas sowie mehrerer Frakturen im Gesicht.

Von Ursula Samary
Vor allem Polizisten in ländlichen Gebieten in Rheinland-Pfalz fühlen sich auf Streife oft allein. Bis Verstärkung kommt, kann es mitunter dauern. Dieses mulmige Gefühl hat sich nach der Gewalteskalation in Andernach, bei der ein Beamter schwer verletzt wurde, verstärkt. Foto:  dpa
Vor allem Polizisten in ländlichen Gebieten in Rheinland-Pfalz fühlen sich auf Streife oft allein. Bis Verstärkung kommt, kann es mitunter dauern. Dieses mulmige Gefühl hat sich nach der Gewalteskalation in Andernach, bei der ein Beamter schwer verletzt wurde, verstärkt.
Foto: dpa

Erleichtert kann Polizeisprecher Ulrich Sopart inzwischen berichten, dass der Kollege auf dem Weg der Besserung ist. Aber ihm stehen wohl noch mehrere Operationen bevor.

Der Andernacher Angreifer, der wegen des dringenden Tatverdachts des versuchten Totschlags in U-Haft sitzt, schweigt. Wie Oberstaatsanwalt Rolf Wissen sagt, hofft man aber trotzdem, ihn sehr zügig anklagen zu können – wohl auch zur Abschreckung. Der Koblenzer Polizeipräsident Karlheinz Maron kündigt an, auch Beleidigungen in den sozialen Netzwerken zu verfolgen, die das Opfer nach dem Angriff auch noch verhöhnten.

Lage eskaliert heute schnell

Seit der Tat grassiert unter den Beamten im Streifendienst ein mulmiges Gefühl, nicht nur am Wochenende nachts fährt immer häufiger auch Angst in der Streife mit. Denn Andernach kann überall sein: „Wenn wir jetzt nachts gerufen werden, fahren wir mit einem noch schlechteren Gefühl raus als vorher“, sagt ein Polizist aus der Region. „Man weiß ja nie, an wen man gerät. Schon eine Verkehrskontrolle oder eine Personenkontrolle kann sich hochschaukeln.“ Diese gesellschaftliche Entwicklung könne sich auch aufs Kontrollverhalten vor allem in ländlichen Gegenden auswirken, befürchtet der Beamte.

Auch in Andernach wird am 10. Oktober wohl zunächst an Routine gedacht, als die Polizei gegen 3.15 Uhr wegen einer Schlägerei in der Nähe einer Gaststätte in die Rheinstraße gerufen wird. Die ist zwar bereits beendet, als die Streife eintrifft. Aber den Beamten schlägt eine aggressive Stimmung entgegen, wie das Präsidium berichtet. Ein Beamter wird ins Gesicht geschlagen. Als der dann den zu Boden gebrachten Angreifer kniend fixieren will, wird er von dem jetzt in U-Haft sitzenden Mann „aus vollem Lauf und mit voller Wucht gegen den Kopf“ getreten. Mit einem Faustschlag soll der 29-Jährige dann noch einem anderen Polizisten einen Nasenbeinbruch zugefügt haben.

Wie das Präsidium berichtet, sind in der Nacht vier Polizisten und Polizistinnen ausgerückt, zudem noch eine zum Streifenteam gehörende Studentin der Polizeihochschule als Praktikantin. „Sie blieb körperlich unverletzt“, heißt es. Dabei bleibt im Unterton die Frage offen, wie ihr die brutalen Szenen seelisch zusetzen. Die erste unterstützende Streife kann in Andernach „bereits nach fünf Minuten eintreffen“. Es folgen noch weitere sowie zwei Diensthundeführer, ehe sich schließlich bei der Kriminaldirektion eine 19-köpfige Soko bildet. In Andernach sind in dieser Nacht neun Beamte im Dienst. Verstärkung können sie in den nahe gelegenen Städten Neuwied und Koblenz anfordern. Aber nicht alle Dienststellen sind nachts so gut besetzt wie die in Andernach – und vor allem liegen sie nicht so zentral.

„Wenn in der Koblenzer Innenstadt etwas passiert, sind innerhalb weniger Minuten mehrere Streifenwagen da. Den Luxus gibt es auf dem Land nicht“, sagt ein Polizist aus der Region und nennt als Beispiel die Polizeiinspektion St. Goarshausen, die ein riesiges Gebiet abdecken müsse. „Wenn in Nastätten etwas passiert, würde es ewig dauern, bis Verstärkung aus Diez, Bad Ems oder Lahnstein kommen kann, vorausgesetzt, dort ist nicht auch gerade ein Einsatz. Da kommen einem Minuten wie eine Ewigkeit vor“, schildert der Beamte die Lage.

Zur Frage, wie die Inspektion zum Beispiel in St. Goarshausen abends und nachts besetzt ist und wie lange es in der Regel dauert, bis Kollegen aus anderen Dienststellen anfahren müssen, schweigt das Polizeipräsidium. „Leider kann ich diese Frage nicht beantworten, da wir aus naheliegenden Gründen gehalten sind, grundsätzlich keine Angaben über Zusammensetzung und Stärke von Polizeikräften zu machen“, erklärt Sprecher Sopart nur. Im Innenministerium heißt es: Die durchschnittliche Besetzung von Dienststellen variiere je nach ihrer Größe.

Dünne Besetzung auf dem Land

Beamte, die ihren Namen nicht lesen wollen, berichten, dass ländliche Dienststellen abends und nachts oft nur über eine einzige Streifenwagenbesatzung verfügen. Aber bei einer gemeldeten Ruhestörung an einer Grillhütte könne heute die Lage schnell eskalieren. „Und du weißt, wenn etwas ist, dann bist du auf dich allein gestellt“, sagt ein Polizist.

Kann er mit dem Landeshaushalt 2021 hoffen, dass Streifen personell verstärkt werden? Eindeutig ist dies nicht zu beantworten. Wie das Ministerium mitteilt, sind im Etatentwurf 180 neue Stellen für die Polizei vorgesehen. Das zusätzliche Budget liege bei rund 6,87 Millionen Euro. Darin enthalten seien 62 Planstellen für Polizeikommissare nach der Ausbildung. Aber der Nachwuchs werde nicht nur im Streifendienst eingesetzt. Auch in den Bereichen Technik und IT, Kriminalpolizei oder für Tätigkeitsfelder wie Wirtschaftskriminalität, Forensik und Cybercrime werde er gebraucht.

Seit 2013 steigen, so das Ministerium, die Einstellungszahlen. Das Ziel: bis zu 9600 ausgebildete Polizisten im Jahr 2021, rund 10.000 bis Ende 2024. Das wäre dann „der stärkste Polizeikörper, den Rheinland-Pfalz je hatte“. Zum Schutz gegen Gewalt seien zudem verstärkt Bodycams sowie Spuckschutzhauben, Schutzwesten oder Distanz-Elektroimpulsgeräte (Taser) angeschafft worden.

Polizeipräsident Maron hat angekündigt, Gewalttaten wie in Andernach nicht zu tolerieren. „Das wird nicht zuletzt auch an einer verstärkten Präsenz für die Allgemeinheit deutlich werden.“ Dabei geht Kollegen des schwer verletzten Beamten im Streifendienst aber ein Gedanke nicht aus dem Kopf: „So ein Angriff wie in Andernach könnte eben jeden treffen.“

Von Ursula Samary