Archivierter Artikel vom 27.08.2015, 17:16 Uhr

Kommentar: Niemand braucht ein Netzwerk voller Pack und Proleten

„Das Internet und die sozialen Medien werden Versöhnung und Frieden bringen“, sagte Facebook-Boß Marc Zuckerberg Anfang des Jahres. Viele Konflikte entstünden aus Missverständnissen, die durch mehr Kommunikation vermieden werden könnten. Mit fast eineinhalb Milliarden Mitgliedern weltweit, grob geschätzt einem Viertel der erwachsenen Weltbevölkerung (!), bringt Facebook dazu gute Voraussetzungen mit. Doch in Deutschland wird momentan das Gegenteil von Zuckerbergs frommem Wunsch Wirklichkeit: Blanker Hass und Menschenverachtung breiten sich wie ein Steppenbrand auf Facebook aus. Aktueller Anlass: die Flüchtlinge.

Jochen Magnus kommentiert.
Jochen Magnus kommentiert.

Der Journalist Thomas Lückerath hatte bereits Anfang des Monats die Probe aufs Exempel gemacht und Facebook um die Entfernung einiger extremen und zu Gewalttaten aufrufenden Äußerungen gebeten. Jedesmal erhielt er die Antwort, „wir haben geprüft … und keinen Verstoß gegen die Gemeinschaftsstandards festgestellt“. Ob die Wiedereröffnung von KZ gefordert wurde oder das Erschießen von Flüchtlingen, all das steht im Einklang mit Facebooks Richtlinien? Das erlaubt nur einen Schluss: Facebooks Verantwortliche sind ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Entweder haben sie zuwenig qualifizierte Mitarbeiter, die solchen Beschwerden nachgehen oder unklare Richtlinien. Für ein Unternehmen mit 15 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz, das Nummer Eins der Branche sein will, ein Armutszeugnis!

Jeder Betreiber eines Leserforums, also zum Beispiel ein Medienhaus wie unseres, kennt aus jahrelanger Erfahrung seine Pflicht: Man muss zwar nicht rund um die Uhr nach Rechtsverstößen in den Leserkommentaren suchen, wird man aber auf einen aufmerksam (gemacht), muss man tätig werden, sonst drohen Bußen.

Wegweisendes Google-Urteil dürfte auch Facebook treffen

Nun sehen sich die großen Internetkonzerne lieber als rein technische Plattformen, über die Nachrichten und Meinungen ausgetauscht werden. Das ist aber ein doppelter Trugschluss, wie Google vergangenes Jahr erfahren musste: Erstens: Der Europäische Gerichtshof hat – zunächst für Suchmaschinenbetreiber – ganz klar eine Verantwortung für die ausgelieferte Information festgestellt: Google musste eine Möglichkeit schaffen, Links zu personenbezogenen Daten unter Umständen zu löschen.

Zweitens: Diese Verantwortung gilt auch außerhalb des Sitzes des Dienstanbieters: wer bei uns Geld verdient, muss sich auch an unser Recht halten.

Das Recht, zu gehen

Man darf das Jammern der Internetkonzerne, man sei schließlich international tätig und müsse die verschiedenen Kultur-Befindlichkeiten berücksichtigen, getrost ignorieren. Niemand zwingt die Unternehmen dazu und vor allem: niemand hindert sie daran, für jeden Kulturkreis und jedes Rechtssystem die passenden Fachleute einzustellen – einmal abgesehen davon, dass ein Aufruf, mit dem Lkw in eine Menschenansammlung zu fahren oder Flüchtlinge “einfach" zu erschießen, in jedem Land dieser Erde ein Verbrechen sein dürfte. Facebook wäre gut beraten, das Problem endlich ernst zu nehmen und vom hohen Roß zu steigen. Sonst könnten die „Gutmenschen“ vielleicht mit den Füßen abstimmen. Wer braucht schon ein Netzwerk voll von Proleten und Nazi-Idioten? Wer besucht schon deren Stammtische?