Archivierter Artikel vom 10.02.2018, 12:00 Uhr

Interview mit Vertretern des Renneroder Karnevalsvereins

Seit 99 Jahren gibt es in Rennerod nachweislich Rosenmontagszüge. Was bedeutet diese lange Tradition für die Fastnachter im Hohen Westerwald? Unsere Zeitung sprach mit Zugmarschall Peter Müller, dem früheren Zugmarschall Michael Franz und mit Thomas Grahl, dem Vorsitzenden des Renneroder Karnevalsverein (RKV).

Im Jahr 1903 hatte Rennerod sogar eine eigene Karnevalszeitung.
Im Jahr 1903 hatte Rennerod sogar eine eigene Karnevalszeitung.
Foto: wez

Was bedeuten 99 Jahre Rosenmontagszug für die Karnevalisten in Rennerod?

Thomas Grahl: Es ist für uns ein Ansporn alte Traditionen fortzuführen.

Peter Müller: Das bedeutet Spaß und Freud für jedermann. Karneval verbindet. Wir machen beim Karneval keinen Unterschied, ob Mann oder Frau, katholisch oder evangelisch, schwarz oder weiß, alt oder jung. Beim Schunkeln oder einer Polonaise greift man automatisch zum Nachbarn. Es bedeutet aber auch, dem Alltag zu entfliehen und einmal in eine andere Rolle schlüpfen.

Mit welchem personellen und materiellen Aufwand ist es verbunden, jedes Jahr aufs Neue solch einen Zug auf die Beine zu stellen?

Peter Müller: Der Aufwand für den Umzug hinter den Kulissen ist schon enorm und reicht von der Planung und dem Einkauf der Wurfmaterialien übers Verpacken bis hin zur Zugplanung bzw. zum Aufstellen des Zuges. Das Wurfmaterial für die Teilnehmer wird bei uns übrigens kostenlos zur Verfügung gestellt. Wir nehmen auch kein Zuggeld. Die Organisation der Straßensperrungen sowie die Absicherungen der Straßen und der Aufbau von Umleitungen, um nur einiges zu nennen, wären ohne die Unterstützung und gute Zusammenarbeit von Feuerwehr, Polizei, Ordnungsamt, Stadt Rennerod, Landesbetrieb Mobilität und Kreisverwaltung gar nicht möglich.

Lief in 99 Jahren alles immer pannenfrei oder gab es Ausnahmen? Könnten Sie uns auch ein paar Anekdoten schildern?

Michael Franz: Im Jahr 1991 wurde der Zug wegen des 1. Golfkrieges abgesagt. So weit, wie ich mich als Zugmarschall erinnern kann, musste der Zug wegen Dauerregen oder Kälte insgesamt drei Mal vorzeitig abgebrochen. Hier und da kam es auch zum Ausfall von Zugfahrzeugen, wodurch Verzögerungen im Ablauf entstanden. Bei einem Rosenmontagszug in Rennerod wurden übrigens einmal Minus 22 Grad gemessen.

Thomas Grahl: Apropos Anekdoten. Adam Immig, der in den 1970er-Jahren als Sitzungspräsident fungierte, hatte einmal eine Wette verloren. Ihm wurde an Rosenmontag vom Stadtfriseur am Zug die gesamte Haarpracht geschoren.

Peter Müller: Nach dem Straßenkarneval ging es damals in die Alte Post zum Tanzen. Bis Anfang der 1990er-Jahre gab es am Rosenmontag morgens den Umzug, dann fand das gesellige Treiben in der Westerwaldhalle statt. Den Abend ließ man mit dem Rosenmontagsball ausklingen. Man versuchte stets, den Zug bei Wind und Wetter durchzuführen. Bei einem Schneesturm wurde die Strecke gekürzt, aber er lief.

In manchen Orten des Westerwaldes ist eine gewisse Karnevalsmüdigkeit festzustellen. Wie sieht es diesbezüglich in Rennerod aus?

Peter Müller: Von Karnevalsmüdigkeit kann bei uns keine Rede sein. Wir hatten beispielsweise immer einen tollen und gut besuchten Altweiberball. Klar liegt es an der Planung und Musik, dass die Veranstaltung ins Schwanken geraten ist. Der Ball wurde immer gerne als Selbstläufer angesehen. Der Kartenvorverkauf für die Sitzung jedoch zeigt, dass die Leute Karneval noch gerne feiern. Wenn man zudem betrachtet, was aus der Idee der Vereinsgründung im Jahr 1999 wurde, so blickt man heute auf einen starken Verein und sieht Tanzgruppen, Gardisten und den Elferrat. Man kann also sehen, in der Karnevalshochburg Rennerod feiert man gern.

Thomas Grahl: Von Karnevalsmüdigkeit kann in Rennerod und der Umgebung ganz sicher nicht die Rede sein. Es herrscht eher Aufbruchstimmung!! Warum das so ist, das ist ganz einfach: Im Hohen Westerwald ist Karneval ein Miteinander, kein Neid und kein „wir sind besser als die anderen“. Zu Karnevalsgesellschaften in der Region besteht schon seit vielen Jahren eine enge Freundschaft; hier wird sich gegenseitig unterstützt und geholfen. So pflegt der Renneroder Karnevalsverein schon lange traditionelle Freundschaften nach Frickhofen zum „Närrischen Gardechor“, nach Willmenrod und zum alten und neuen Elferrat des Pottumer „PCC“. Freundschaftliche Bande bestehen auch nach Hellenhahn zu den „Latze Bejster“ sowie zu den Karnevalisten in Liebenscheid, Irmtraut, Seck, Waldmühlen, Driedorf, Waldernbach und Höhn. Wo Vereine mit den gleichen Zielen sich unterstützen können, tun sie es auch. Selbst wenn es einem Verein einmal schlecht gehen sollte, springt man mit in die Bresche und hilft, so gut man kann. Wann ich karnevalsmüde bin...? An jedem Morgen danach!

Was würden Sie den Menschen gegen Karnevalsmüdigkeit empfehlen?

Michael Franz: Das ist ganz einfach: Den Hintern aus dem Sessel heben, vor die Tür gehen und nicht nur vor der Glotze hocken.

Die Fragen stellte Michael Wenzel