Kreisstadt

Für andere da sein: Annalena Di Carlo und Dittmar Baumung verschenken ihre Zeit

Bad Neuenahr-Ahweiler. Liebe hat viele Gesichter, steht auf einem Plakat, das an einer Wand der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (Okuja) der Kreisstadt hängt. Eines dieser Gesichter gehört Annalena Di Carlo und sitzt direkt neben dem Plakat. Ein anderes Gesicht ist zwei Mal wöchentlich in der Grundschule in Bad Neuenahr anzutreffen, das von Dittmar Baumung. Die beiden trennen viele Jahre. Die 21-Jährige ist gerade erst am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn, der 64-Jährige schon seit Langem am Ende. Eines haben sie aber gemeinsam: Sie verschenken ihre Freizeit. Ehrenamtlich widmen sie sich liebevoll den Kindern der Region.

Von Sofia Grillo
Lesezeit: 5 Minuten
Annalena Di Carlo arbeitet bei der OKUJA ehrenamtlich. Sie widmet ihre Freizeit der Kinder- und Jugendarbeit.
Annalena Di Carlo arbeitet bei der OKUJA ehrenamtlich. Sie widmet ihre Freizeit der Kinder- und Jugendarbeit.
Foto: Sofia Grillo

Es klopft an der bunt bemalten Glastür der Okuja: Die kleine Ruika und ihre Schwester Lava stürmen in die Räume und umarmen die ehrenamtlichen Mitarbeiter überschwänglich. Ruika steuert sofort auf Annalena zu, schnappt sich ein Spiel aus dem Regal und setzt sich mit der 21-Jährigen auf ein graues Sofa. Annalenas Aufmerksamkeit gehört ganz Ruika – und ihre ganz dem Kartenspiel. Auf runden, gelben Kärtchen sind Symbole zu sehen. Zwei Karten liegen nebeneinander. Diejenige, die am schnellsten das Symbol findet, das auf beiden Karten gleich ist, hat die Runde gewonnen. „Kleeblatt“, ruft Ruika, die Runde geht an sie. Keine Chance, das kleine Mädchen schlägt Annalena Runde um Runde. „Gespenst“, ruft nun die 21-Jährige. Endlich war sie schneller und hat einen Lauf: „Blitz“, „Schneeflocke“.

Um Worte geht es auch, wenn Dittmar Baumung jeden Mittwoch um 8 Uhr die Grundschule besucht. „Luise spielte mit Jakobs Spielsachen, sie hopste auf seinem Bett“, liest die siebenjährige Mia dem 64-Jährigen vor. Dittmar schaut mit der Zweitklässlerin ins Lesebuch. Seine Aufmerksamkeit gehört ganz Mia – und ihre den Sätzen auf dem Papier. Mia zieht die Worte lang, liest langsam und ist konzentriert. Als sie „komischer Hund“ vorlesen soll, stockt sie. Schaut genauer hin, überlegt und bekommt es dann schließlich heraus: „Koooomischer Hund.“ Dittmar lächelt, nickt und sagt: „Ja schön!“.

Wie die kleine Mia kann auch Ruika sich über Erfolg freuen. Sie hat Annalena im Spiel geschlagen. Sie ist regelmäßig in der Okuja im Kindertreff, der Dienstag bis Freitag jedem Kind in der Kreisstadt nachmittags offensteht. Annalena hilft bei der Betreuung der Kinder regelmäßig aus. Versteht sich, dass sie auch beim Weihnachtsfest des Kindertreffs dabei ist. So ruhig wie in Dittmar Baumungs Lesestunde geht es bei diesem Fest für Annalena nicht zu. Überall wuseln Kinder, sie wollen spielen, sie wollen malen, etwas fragen, umarmt werden. „Achtung“, ruft die Ehrenamtlerin. Und hebt in der Sekunde den kleinen Bruder von Ruika hoch, der gefährlich nah mit seinem Kopf an den Stangen des Tischkickers steht. Auch wenn sie noch jung ist, Annalena ist routiniert. Seit sie 14 Jahre alt ist ,engagiert sie sich in der Okuja. Inzwischen studiert und wohnt sie in Wuppertal, widmet aber jede freie Zeit weiterhin der Kinder- und Jugendarbeit in der Kreisstadt. Sie betreut als Gruppenleiterin die Ferienfreizeiten, arbeitet in der Jugendbeteiligung und organisiert einmal jährlich die Jugendversammlung der Okuja.

Dittmar Baumung arbeitet seit einem Jahr als ehrenamtlicher Lesepate an der Grundschule Bad Neuenahr. Schon seit sieben Jahren engagiert er sich für den guten Zweck.
Dittmar Baumung arbeitet seit einem Jahr als ehrenamtlicher Lesepate an der Grundschule Bad Neuenahr. Schon seit sieben Jahren engagiert er sich für den guten Zweck.
Foto: Sofia Grillo

Eine ähnlich lange Liste von ehrenamtlichen Tätigkeiten kann auch Dittmar vorweisen. Sieben Jahre lang hat er im Kinderschutzbund Ahrweiler als Schatzmeister mitgewirkt und hilft bei Projekten, Veranstaltungen und Aktionen für Kinder. Außerdem leitet er einen Computer-Treff für Senioren im Mehrgenerationenhaus. Im Vorstand des Kinderschutzbundes ist er nun nicht mehr, die Arbeit mit Kindern gehört aber weiterhin zu seinem Alltag. Als Lesepate arbeitet er nun seit einem Jahr an der Grundschule. Es geht darum, Kindern, die noch nicht so gut lesen können, außerhalb des Klassenverbands etwas Zuwendung zu schenken und ihnen damit Spaß und Sicherheit am und im Vorlesen zu geben. „Wau bellte der Hund“, liest Mia vor, die inzwischen schon fast am Ende der Geschichte angekommen ist. Sie ist mit jedem Absatz sicherer geworden, liest schon etwas schneller und spricht die Worte nicht mehr so langgezogen aus. „Danke“, sagt ihr Dittmar, als sie ihm die Geschichte komplett vorgelesen hat. Die beiden schauen sich an und lächeln sich zu.

Annalena schaut auf zehn verschiedene Stellen gleichzeitig. Inzwischen sind auch viele andere kleine Gäste und ihre Eltern beim Weihnachtsfest eingetroffen. Am Basteltisch sitzen drei Kinder, die Holzweihnachtsbäume bemalen wollen. Doch die Bäume müssen erst hergestellt werden. Eine Kollegin sägt die Bäume aus, Annalena klebt sie zusammen. Gleichzeitig muss sie auch drauf achten, dass alle Kinder Kittel tragen. Vom Kleben wendet sich Annalena also immer wieder ab und stülpt einem Kind einen Kittel über den Kopf. Dann wendet sie sich wieder dem Kleben zu, um in der nächsten Sekunde sich wieder in Richtung der Kinder zu drehen, und ihnen neue Farbe zu mischen. Annalena bräucht nun ein paar Arme mehr, um mit den Kindern mitzuhalten.

Die nächste Vorleserin von Dittmar weiß hingegen nicht so ganz wohin mit ihren Armen. Sie kann sich nicht konzentrieren, zappelig, fummelt an ihrem Schal herum oder setzt sich auf ihre Hände. „Leg doch bitte die Hände auf den Tisch“, sagt Baumung ihr mit sanfter Stimme. Er strahlt eine immense Ruhe aus. Kein Problem, dass er die Schülerin noch fünf Mal bitten muss, mit dem Finger die Worte entlangzufahren, anstatt nervös am Schal zu fummeln – Hauptsache sie bekommt Spaß am Lesen. Sie liest die gleiche Geschichte wie Mia zuvor und stolpert schon zu Anfang über den Namen Luise. Immer wieder liest sie stattdessen „Lucy“. Irgendwann muss Dittmar kichern. „Der Name Luise gefällt dir nicht, was?“. Dann sagt er aber: „So viele Fehler machst du gar nicht mehr. Ganz toll!“ Das Mädchen strahlt über dieses Lob.

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Und das ist der schönste Lohn, den sich Dittmar Baumung für seine Arbeit vorstellen kann. „Das Strahlen der Kinder macht mir Freude und erfüllt mich“, sagt der Ehrenamtliche. Und die Fortschritte, die sie machen, seien eine große Motivation weiterzumachen. Immer wenn er den Klassenraum betritt, melden sich fast alle Kinder und wollen mit ihm lesen. Ein Junge konnte bei der ersten Lesezeit mit Dittmar gerade so die Überschrift der Geschichte entziffern, erzählt der Lesepate. Trotzdem kommt der Junge jedes Mal auf Dittmar zu und will wieder lesen. „Inzwischen schaffen wir schon acht Zeilen“, sagt der ehemalige Soldat. Habe man einmal angefangen, sich sozial zu engagieren, könne man nicht mehr aufhören. Er kann sich jedenfalls kein Leben ohne seine ehrenamtlichen Aufgaben mehr vorstellen.

So geht es auch Annalena. Die Kinder schenken ihr viel Zuneigung und gutes Feedback. Auch die Eltern bedanken sich immer wieder bei ihr. Verbringt sie mal wegen ihres Politik- und Erziehungswissenschaften-Studiums längere Zeit in Wuppertal, vermisst sie ihre Arbeit in der Okuja. Und in die Zukunft blickt sie mit einer Sorge: „Wenn ich irgendwann Vollzeit arbeite, kann ich hier nicht mehr so viel helfen.“ Dann muss der Nachwuchs ran, den Annalena mit ihrer Begeisterung für ihr Ehrenamt immer wieder anwerben kann. „Kinder, die ich betreut habe, sind inzwischen schon so weit, dass sie die Gruppenleiterschulung für die Ferienfreizeiten mitmachen“, sagt sie sichtlich zufrieden.

„Was macht dich besonders?“ steht auf einem Zettel, der an einer anderen Wand der Okuja hängt. Darunter stehen Antworten der Kinder wie: „Ich kann Herzen malen.“ Würden Annalena Di Carlo und Dittmar Baumung darauf antworten, würde eine lange Liste zusammenkommen, auf der allemal zu lesen sein würde: Ich schenke anderen meine Zeit, meine Zuwendung, meine Liebe.

Von unserer Reporterin Sofia Grillo
Archivierter Artikel vom 24.12.2019, 06:00 Uhr