Archivierter Artikel vom 20.09.2015, 19:34 Uhr

Einwurf: Reden ist wichtiger als Händeschütteln

Der Handschlag, eine der großen kulturellen Errungenschaften des Westens, ist vom Aussterben bedroht. In den großen Städten fallen sich die Leute ohnehin meist um den Hals, oder es wird gleich gebusselt, bei uns läuft in den Kliniken eine Kampagne gegen das Händeschütteln, das, als Einfalltor für bösartige Keime gebrandmarkt, dem Griff ans eigene Herz weichen soll: Touch Hearts, not Hands.

Von Dietmar Telser

Schon Anfang des Jahres hat das Verwaltungsgericht Gera dem Händegeben einen weiteren empfindlichen Rückschlag verpasst, indem es entschied, dass es keinen Rechtsanspruch auf einen Handschlag gibt. Ein NPD-Politiker hatte geklagt, da ihm ein Oberbürgermeister die Geste verweigerte.

Wenn man sich jemals ernsthaft Sorgen um den Handschlag in diesem Land machen musste, dann ist der Zeitpunkt spätestens jetzt gekommen. Dabei ist der deutsche Handschlag ein wahrer Tausendsassa. An dessen Stärke kann man in Deutschland den Charakter und die Willenskraft eines Menschen bestimmen, damit können Verträge besiegelt werden, Politiker lieben ihn, um flüchtige Allianzen kamerawirksam festzuhalten, in der DDR schaffte die SED dem Handschlag als Parteisymbol ein Denkmal, und in seiner verweigerten Ausführung gilt er als Zeichen des Affronts. Der deutsche Handschlag ist ein bisschen wie Mercedes. BMW. Thomas Müller. Der Rhein. Deutscher Wein. Oder Julia Klöckner.

Der rheinland-pfälzischen Königin des Handschlags ist nun derselbige verweigert worden. Also eigentlich nicht direkt. Bei einem Besuch einer Idar-Obersteiner Flüchtlingsunterkunft wollte sie auch den dort helfenden Imam der Moschee sprechen. Der ließ ausrichten, dass er dabei allerdings lieber auf den Handschlag verzichten wolle. Der Verzicht, einer fremden Frau die Hand zu geben, kommt unter frommen Muslimen vor, ist aber durchaus nicht Konsens. Selbst im Vorstand der islamischen Gemeinde in Idar-Oberstein gibt es dazu sehr unterschiedliche Ansichten. Klöckner jedenfalls, so wird kolportiert, drehte sich erbost ab: „Dann ist er wohl im falschen Land.“ Ein solch patriarchales Agieren könne sie nicht akzeptieren, sagte sie der Kollegin der Nahe-Zeitung.

Nun muss man daraus nicht gleich ein Politikum machen. Aber Klöckners Reaktion macht einen nicht gerade zuversichtlich, was das künftige Zusammenleben in diesem Land angeht. Ein Handschlag taugt nicht als Gradmesser der Integrationswilligkeit der Muslime. Ein Handschlag ist nicht das Abendland. Er hätte aber ein großartiger Anknüpfungspunkt sein können, sich darüber zu unterhalten, welches Signal hierzulande ein verweigerter Händedruck aussendet, wie lange für die Gleichstellung der Geschlechter gekämpft wurde und was es deshalb für eine Frau bedeutet, einen Handschlag verweigert zu bekommen. Und der Imam hätte erklären können, dass es für ihn kein Zeichen des fehlenden, sondern eben des größeren Respekts sei. Darüber hätte man diskutieren können, ohne am Ende der gleichen Meinung zu sein.

Und wäre Klöckner auch noch etwas vorbereitet gewesen, hätte sie vielleicht die Gelegenheit genutzt und den Imam gefragt, warum gerade aus seiner Moschee Menschen zum Kampf nach Syrien aufgebrochen sind. Der Imam hätte darüber sprechen können, wie schwierig es für eine Moschee sein kann, auf Radikalisierungstendenzen richtig und zeitig zu reagieren. Das alles hätten sie besprechen können. Wenn sie sich unterhalten hätten. Und nicht schon an einer lächerlichen Begrüßungszeremonie gescheitert wären.