Archivierter Artikel vom 06.05.2022, 16:43 Uhr
Altenkirchen

Durch den FC Köln „schockgeprüft“: Lothar Wieler gibt persönliche Einblicke

Ohne Masken oder größeren Abstand: So sitzt RKI-Chef Lothar Wieler beim Gesprächstermin im Vorfeld seines Vortrags im Kulturwerk, begleitet von Bruder Helmut, mit der heimischen Presse und Landrat Peter Enders am Tisch in dessen Büro zusammen.

Von Michael Fenstermacher

Auf den Punkt beantwortet Lothar Wieler die Fragen aus der Presserunde.
Auf den Punkt beantwortet Lothar Wieler die Fragen aus der Presserunde.
Foto: Kreisverwaltung

Die neue, alte Lockerheit macht dem obersten Risikobewerter der Republik offensichtlich nichts aus – angesichts der verbesserungswürdigen, aber doch hohen Impfquote von 75 Prozent und einer Omikron-Variante, die „eine deutlich geringere Krankheitslast hat“. „Natürlich muss man dann deeskalieren, und man kann das auch guten Gewissens, weil einfach die Gefahr deutlich geringer ist als vor zwei Jahren“, betont Wieler. Wie man das mache, dass sei – wie auch bei den Einschränkungen des öffentlichen Lebens in der Hochphase der Pandemie – „Sache des Landrats, denn er hat das alles umzusetzen“. „Auch die Bundeskanzlerin kann Herrn Enders nicht sagen, wie er seinen Job zu machen hat“, sagt er mit Blick auf seinen Gastgeber.

Entspannt wirkt Wieler, als er auf die Fragen aus der Presserunde beantwortet – unter anderem ...

... ob die Pandemie denn nun vorbei ist?

„Nein, die Pandemie ist natürlich nicht vorbei. Wir werden im Sommer geringere Fallzahlen haben, weil es ein Virus ist, das saisonale Effekte hat. Aber im Herbst werden die Fallzahlen wieder ansteigen. Wir können aber nicht wissen, welches Virus im Herbst da sein wird, weil es sich ständig verändert. Unsere Empfehlung lautet daher, dass die bekannten Werkzeuge – Maske tragen, Kontaktbeschränkungen, Lüften, Impfen – so bereitgehalten werden, dass sie sofort wieder hochskaliert werden können.“

... zu möglichen weiteren Virus-Mutationen und dem viel kritisierten Ausspruch seines Dienstherrn, Gesundheitsminister Karl Lauterbach, über eine denkbar „Killervariante“:

„Es ist völlig plausibel, dass das Virus sich immer mehr an den Menschen anpasst. Frettchen und Hamster, die wichtigsten Versuchstiere, können wir mit der jetzigen Variante kaum noch infizieren. Es muss aber nicht zwingend sein, dass die Krankheit dabei immer milder wird. Es kann auch, sein dass das Virus sich anpasst und trotzdem wieder schwerere Krankheitsverläufe auslöst. Das ist der Grund, warum wir uns auch auf ein Worst-Case-Szenario vorbereiten, weil wir wissen, dass auf jeden Fall die Zahlen hochgehen, aber nicht, welches Virus dahintersteckt.“

... über die Begleiterscheinungen seiner plötzlichen Prominenz mit Beginn der Pandemie:

„Ich hatte noch nie so ein eintöniges Leben. Ich musste aus Sicherheitsgründen morgens mit dem Auto ins Büro fahren und abends mit demselben Auto nach Hause. Dazwischen war ich außer auf Toilette nirgendwo als in meinem Büro. Es gibt Menschen, die mit einem Gesicht bestimmte Dinge verbinden, auch wenn die vielleicht gar nicht zusammenhängen, es gab Drohungen, Beschimpfungen, Beleidigungen, es gab aber zum Glück nie eine physische Interaktion. Viele dieser Drohungen sind aber nicht zu mir gekommen, sondern die haben meine Mitarbeiter abfangen müssen – zum Beispiel am Telefon.“

... zu eigenen Fehler als RKI-Chef während der Pandemie:

„Zunächst haben wir eine sehr einseitige Informationspolitik gemacht, die vor allem auf Zahlen ausgerichtet war. Die wurden nicht gut genug in den Kontext gestellt. Als die Krise zunehmend politischer wurde, war ich für viele Fragen auch nicht mehr der richtige Adressat, weil ich ja nur Politikberatung mache. Eine wichtige Änderung war es dann, in die Bundespressekonferenz zu gehen, wo die politischen Fragen von den politisch Verantwortlichen beantwortet werden konnten.“

... über die langsame Rückkehr von Normalität in seinen Alltag:

„Es wird deutlich besser – vor allem, dass ich wieder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren kann, ist mir sehr wichtig. Und die Tage sind auch wieder vielfältiger. Seit 1. Mai können wir uns auch im Haus wieder treffen.“

... zum 1. FC Köln, dessen Mitglied er ist:

„Der FC hat schon viele Jahre nicht mehr so viel Freude gemacht. Der FC ist aber auch ein Grund, warum ich diese Verantwortung gut tragen kann, denn wenn man von Kindesbeinen Fan eines solchen Vereins ist, ist man sehr schockgeprüft. Live habe ich zuletzt allerdings nur die Auswärtsspiele bei Union Berlin gesehen, und die haben sie alle drei verloren.“