Archivierter Artikel vom 27.11.2020, 17:58 Uhr

Dieses TV-Lagerfeuer wärmt nicht: Anke Mersmann schaltet nicht mehr ein

Ich bin eine Abtrünnige. Vom „Tatort“-Fan zu jemandem, der müde mit den Achseln zuckt, wenn es um Mord und Totschlag am Sonntagabend geht. Das so viel gelobte letzte TV-Lagerfeuer – mich wärmt es nicht. Das war mal anders. Zu WG-Zeiten in Münster gehörte der Sonntag ab 20.15 Uhr den Ermittlern. Das war Konsens in unserem Altbau. Womöglich war es auch den Zimmerantennen geschuldet.

Anke Mersmann
Anke Mersmann

Das Münchner Team mochte ich, das Kölner auch. Und die Fälle mit Borowski, dem fabelhaften Axel Milberg. Und natürlich Thiel und Prof. Boerne aus Münster. Das waren gute Abende. Und ein Sonntagsritual, das ich auch noch beibehielt, als die Stadt und die WG schon lange passé waren, bis mich der „Tatort“ zu langweilen begann. Zu viele stereotype Figuren, bräsige Geschichten, wie mit dem Vorschlaghammer psychologisierte Plots, und irgendwie war es doch ohnehin immer jemand aus dem nächsten Umfeld des Opfers. Überschätzter Kult. Abgeschaltet. Und nur selten wieder ein.

Mir ist bewusst, dass ich deshalb mal eine filmische Perle verpasse: Was Ulrich Tukur spielt, kann nur gut sein. Zurück auf die „Tatort“-Spur konnte aber auch er mich nicht bringen, weil jenseits seiner Experimente zu oft erzählerische Langeweile gähnt. Wobei ich honoriere, dass der „Tatort“ dazu beiträgt, die Gesellschaft in ihren Facetten abzubilden, eine ähnliche Funktion hatte nur „Die Lindenstraße“. Die Serie wollten letztlich zu wenige noch sehen. Der „Tatort“ kennt diese Gefahr des langsamen Todes nicht, bei den Fällen aus Münster schalten im Schnitt 12,8 Millionen Menschen ein. Ich gehöre nicht mehr dazu.

E-Mail an den Autor: anke.mersmann@rhein-zeitung.net