Archivierter Artikel vom 07.09.2020, 16:31 Uhr

Der Publikumsliebling: Mario Adorf ist einer der ganz Großen des deutschen Films

Mit einer Rolle hat Mario Adorf Fernsehgeschichte geschrieben: „Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast“, sagt er im breitesten Dialekt als stinkreicher rheinischer Kleberfabrikant Heinrich Haffenloher in Helmut Dietls Kultserie „Kir Royal“. Doch ihn auf diesen Part zu verkürzen, wäre zu wenig. Adorf ist einer der großen deutschen Schauspieler und spielte in actionreichen Westernstreifen ebenso mit wie im sozialkritischen Neuen Deutschen Film oder in Komödien. Wenn er am Dienstag seinen 90. Geburtstag feiert, kann er auf eine beachtliche Reihe von Rollen zurückblicken, im Film ebenso wie auf der Bühne.

Seinen Ruhm verfestigte Adorf unter anderem auch in einer weitere Literaturverfilmung: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ , in der er 1975 an der Seite von Angela Winkler spielte.
Seinen Ruhm verfestigte Adorf unter anderem auch in einer weitere Literaturverfilmung: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ , in der er 1975 an der Seite von Angela Winkler spielte.
Foto: dpa

Dabei hatte die Karriere des jungen Mannes seinerzeit holprig begonnen. Beim Vorsprechen an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule war Adorf nämlich von der Bühne gestürzt. „Es war eigentlich ein Misserfolg“, gibt er im Dokumentarfilm „Es hätte schlimmer kommen können“ von Dominik Wessely aus dem Jahr 2019 zu, noch bis Ende Oktober in der Mediathek der ARD. Der damalige Kammerspielintendant war trotzdem neugierig geworden. „Er hat zwei Dinge, die mir aufgefallen sind: Er hat Kraft und Naivität“, nennt Adorf ein Zitat Hans Schweikarts, das ihm später überliefert wurde.

1953 startete Adorf also an der Schule und traf dort den legendären Schauspieler und Regisseur Fritz Kortner, der ihn stark beeindruckte. Bis 1962 blieb er an den Kammerspielen. Seinen Durchbruch vor der Kamera hatte er bereits 1957, als Frauenmörder in Robert Siodmaks Krimi „Nachts, wenn der Teufel kam“. Just mit dieser Rolle, die das Sprungbrett für seine Karriere war, hadert Adorf heute: die des Massenmörders Bruno. Das erschreckende Porträt eines ebenso naiven wie mörderisch-gefährlichen jungen Mannes in der Zeit des Nationalsozialismus geriet zu seiner ersten großen künstlerischen Leistung. Kritiker haben sie immer wieder mit der von Peter Lorre in Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ verglichen. Heute wissen wir, dass Bruno Lüdke wahrscheinlich keinen einzigen der ihm angelasteten Morde begangen hat. In einem Interview mit der „Zeit“ hat Adorf daher seine Schuldgefühle zum Ausdruck gebracht: „Ich habe als Schauspieler diesem Bruno Lüdke unrecht getan.“

Das ist redlich. Und Mario Adorf zählt zu Recht zu den beliebtesten deutschen Schauspielern. Und zu den fleißigsten. In mehr als 200 Filmen hat er mitgewirkt. Als er 1957 die Rolle des Massenmörders Bruno annahm, war das schon die elfte Filmrolle innerhalb von nur drei Jahren. Seinen ersten Kinoauftritt hatte er in dem deutschen Spielfilm „08/15“ im Jahr 1954.

Mario Adorf gehört zu den beliebtesten deutschen Schauspielern, die Zahl seiner Rollen ist beachtlich. Er spielte in mehr als 200 Filmen mit, darunter in der Literaturverfilmung „Die Blechtrommel“ (unten rechts). Das Foto zeigt Adorf 1979, wie er mit David Bennent, dem damals zwölfjährigen Hauptdarsteller, herumalbert. Der Autor der Romanvorlage, Günter Grass, schaut ihnen zu.
Mario Adorf gehört zu den beliebtesten deutschen Schauspielern, die Zahl seiner Rollen ist beachtlich. Er spielte in mehr als 200 Filmen mit, darunter in der Literaturverfilmung „Die Blechtrommel“ (unten rechts). Das Foto zeigt Adorf 1979, wie er mit David Bennent, dem damals zwölfjährigen Hauptdarsteller, herumalbert. Der Autor der Romanvorlage, Günter Grass, schaut ihnen zu.
Foto: dpa

Und es sollten viele Rollen folgen. In Volker Schlöndorffs oscarprämierter Literaturverfilmung „Die Blechtrommel“ war er Vater Matzerath. In Rainer Werner Fassbinders Wirtschaftswundersatire „Lola“ gab er den Baulöwen Schuckert, und für Helmut Dietl trat er als Promiwirt auf in der Gesellschaftssatire „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“. Und er drehte mit berühmten Regisseuren wie Claude Chabrol oder Billy Wilder. Auch in zahlreichen Mafiafilmen und Western spielte er mit, darunter viele Italowestern, sowie in dem Karl-May-Film „Winnetou 1“, wo er als Schurke Santer zu sehen war. Er gehörte zu den Schauspielern, die in den 50er-Jahren den Mief dieser Zeit aus dem deutschen Kino jagten. Und er gehörte zu den wenigen, die auch international Fuß fassen konnten. In Hollywood spielte er schon 1964 in Sam Peckinpahs Western „Major Dundee“ – wenn auch seine Rolle durch die Kürzungen des Studios damals arg dezimiert wurde. Gleichzeitig gab es auch immer wieder Theaterauftritte. Adorf hatte ja in den 50er-Jahren an den Münchner Kammerspielen begonnen und die Liebe zum Theater nie verloren.

Apropos Liebe: Im französischen Nobelort Saint-Tropez lernte der Schauspieler seine spätere Ehefrau Monique Faye kennen, die mit der legendären Brigitte Bardot befreundet war. „Ich hatte zuerst nur Augen für die Bardot“, gab Adorf später zu. Doch dann fiel ihm irgendwann Monique auf, ihre Lebendigkeit. „Und da begann die ganze Geschichte zwischen uns.“ Eine Liebe, die auch Jahrzehnte später noch halten sollte, anders als die Kurzbeziehung zur mittlerweile verstorbenen Schauspielerin Lis Verhoeven, mit der er die Tochter Stella-Maria Adorf hat, ebenfalls eine Schauspielerin. Mehrere Jahrzehnte lebte Adorf auch in Italien, der Heimat seines Vaters, zu dem er aber kaum Kontakt hatte.

„Jede Einstellung, jede Bühne betritt er mit der Wucht einer Naturgewalt“, schrieb 2010 die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ über Adorf, der unter anderem den Grimme-Preis, das Bundesverdienstkreuz sowie den Deutschen und den Bayerischen Filmpreis erhalten hat. Auch die Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz hat er bekommen. Der Gewürdigte selbst sieht rückblickend manches kritischer: „Es sind sicher Wünsche offengeblieben, aber ich war mit meinem Leben und dem, was ich erreicht habe, im Ganzen zufrieden“, sagt er. „Das Besondere am Beruf des Schauspielers ist, dass er im Gegensatz zu vielen Menschen ein zwar unsicherer, aber frei gewählter und geliebter Beruf ist. Es ist ein Beruf, der es erlaubt, über die Kindheit hinaus ein Leben lang zu spielen.“

Im vergangenen Jahr verabschiedete sich Adorf von der Bühne – mit einer letzten Tournee. Nun hat er wie alle anderen auch mit den Umständen der Pandemie zu tun. „Es geht mir gut, wenn auch das vergangene halbe Jahr wegen des Coronavirus nicht zum Jubeln war“, sagt er. „Das müssen wir mit Vernunft und der Bereitschaft angehen, Regeln zu akzeptieren und zu befolgen. Ohne das geht's nicht.“ Auch die Pläne für seinen 90. Geburtstag sind davon betroffen. Wie er feiern wird? „In Anbetracht der Corona-Krise im allerkleinsten Kreis“, verrät er. Und er sagt: „Ich habe keinen großen Wunsch mehr, eher viele kleine.“