Koblenz

Das böse I-Wort: DGB-Bezirkschefin erklärt die Preis-Lohn-Spirale

Wenn man als Gewerkschafterin derzeit auftritt und mit Menschen aus Politik, Gesellschaft und Medien zusammenkommt, landet man – neben den Krisenthemen Corona und Ukraine – recht häufig bei dem bösen I-Wort. I wie Inflation.

Von Susanne Wingertszahn

Gemüse im Supermarkt
Viele Deutsche sparen sich wegen der hohen Inflation die Bio-Lebensmittel.
Foto: DPA

Als Gewerkschafterin ist man dann im Anschluss meist schnell mit dem Schreckgespenst eines angeblich unumstößlichen Wirkungszusammenhangs konfrontiert – besonders hartnäckig und sehr eindringlich von Arbeitgeberseite: die Preis-Lohn-Spirale.

Ja, es stimmt: Eine Inflationsrate von mehr als 7 Prozent ist alles andere als gut und wirtschaftlich sinnvoll. Die Menschen spüren die Belastungen tagtäglich, an der Supermarktkasse, im Baumarkt, an der Zapfsäule. Aber wir leben gerade in sehr besonderen Zeiten mit sich überlagernden und ineinander verschachtelten globalen Krisen. Die Inflation darf und wird nicht dauerhaft auf derart hohem Niveau bleiben. Die Bundesregierung hat mit dem Entlastungspaket dafür gesorgt, dass den Bürgerinnen und Bürgern – gerade denen mit geringeren Einkommen, die am stärksten unter den Preissteigerungen zu leiden haben – ein wenig Luft verschafft wurde. Allerdings hat die Ampelkoalition dabei ein Viertel der Bevölkerung vergessen, nämlich die Rentner und Rentnerinnen. Da sollte dringend nachgebessert werden – im Übrigen auch bei Auszubildenden und Studierenden.

Die Gastautoren im Wirtschaftsteil der Rhein-Zeitung

Wie sehen Expertinnen und Experten aus der Wirtschaft, aus Kammern und Verbänden, den Gewerkschaften und der Wissenschaft die immer komplexeren und gleichzeitig schneller wirkenden Themen unserer Zeit? Sind schnelle Antworten, die oft aus der Politik kommen oder – auch von den Medien – von der Politik gefordert werden, immer das Mittel der Wahl? Mitunter hilft auch der zweite, ausgeruhtere Blick bei einer Einordnung.

Eines ist jedoch ein Irrglaube: Die Preise steigen nicht zwingend, wenn die Löhne steigen. Die Verantwortung für die hohe Inflation liegt nicht in der Tarifpolitik der Gewerkschaften. Denn erstens haben die Löhne an der hohen Inflation – wenn überhaupt – nur einen minimalen Anteil. Zentraler Treiber sind die Energiepreise. Die Auftragsbücher sind voll, oft stocken jedoch die Lieferketten. Gleichzeitig steigen die Renditen der Unternehmen. Davon müssen auch die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen profitieren. Statt Lohnverzicht muss nun Gewinnverzicht das Gebot der Stunde sein.

Die rheinland-pfälzische DGB-Bezirkschefin Susanne Wingertszahn erklärt, warum die Preis-Lohn-Spirale ein unbegründetes Schreckgespenst ist.
Die rheinland-pfälzische DGB-Bezirkschefin Susanne Wingertszahn erklärt, warum die Preis-Lohn-Spirale ein unbegründetes Schreckgespenst ist.
Foto: DGB

Zweitens betreiben die Gewerkschaften eine verantwortungsvolle und kreative Tarifpolitik. Das hat sich während der Corona-Krise genauso gezeigt wie schon vor Jahren in der Finanzmarktkrise. Ein aktuelles Beispiel ist gerade mal einen Monat alt: Die IG BCE ist auf Sicht gefahren und hat für die Beschäftigten in der vom Erdgas besonders abhängigen Chemiebranche eine Brückenzahlung von 1400 Euro verhandelt. Wenn im Herbst die Sicht klarer ist, dann kann weiter verhandelt werden.

Schwierigkeiten bei Export

Drittens darf die Verantwortung für die Krisenbewältigung nicht bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern abgeladen werden. Ein massiver Verlust an Binnennachfrage wäre in der jetzigen Situation – mit Schwierigkeiten beim Export und fehlenden Lieferketten – mehr als kontraproduktiv. Deshalb muss die Bundesregierung weitere inflationssenkende Instrumente entwickeln. Der DGB hat dazu viele gute Ideen: das Energiepaket auch für Rentner und Studierende, das Mobilitätsgeld, ein dauerhaft günstiger ÖPNV und dessen massiver Ausbau in klimafreundliche Alternativen sowie der massive Ausbau erneuerbarer Energien.

Ja, die Inflation bereitet – wie so vieles momentan – Sorgen. Aber nein, die Gewerkschaften werden sich den Schuh dafür nicht anziehen. Wir dürfen nun nicht an den falschen Stellschrauben drehen. Es gilt, Ungleichgewichte zu vermeiden, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden. Es braucht – gerade in diesen Zeiten – eine solidarische Gesellschaft.

Zur Person

Susanne Wingertszahn ist seit November 2021 Vorsitzende des DGB Rheinland-Pfalz/Saarland. Wingertszahn war davor mehr als zwei Jahrzehnte in verschiedenen Funktionen für den DGB in der Bezirksgeschäftsstelle Mainz tätig. Sie studierte Erziehungswissenschaften an den Universitäten Koblenz-Landau und Mainz und schloss ihr Studium mit dem Gutenberg-Stipendium der Stadt Mainz als Auszeichnung ab. Der DGB-Bezirk Rheinland-Pfalz/Saarland ist der Dachverband der acht Mitgliedsgewerkschaften des DGB. Er vertritt die Interessen seiner Mitglieder gegenüber Landesregierung, Parteien und Verbänden. Der DGB hat in Rheinland-Pfalz und im Saarland mehr als 400.000 Mitglieder. Die neun DGB-Bezirke bilden die landespolitische Lobby der Gewerkschaften.