Westerwald/Cloppenburg

„Behandlungsmöglichkeiten sind schlecht“: Anwalt von Rolf D. kritisiert Mangel an Therapien für Straftäter

Reinhard Nollmann ist ein erfahrener Jurist: Bereits seit 1975 hat er seine Zulassung als Rechtsanwalt. Viele spektakuläre Fälle hat er in dieser Zeit erlebt, unter anderem als Nebenklageanwalt im Prozess um den mehrfachen Kindermörder Ronny Rieken.

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Jurist Reinhard Nollmann
Jurist Reinhard Nollmann
Foto: picture alliance / dpa

Doch auch die Gegenseite kennt der Advokat aus dem niedersächsischen Cloppenburg bestens, vertrat er doch vor 25 Jahren den Kindermörder Rolf D., der bis wenige Wochen vor seinem letzten Mord an der zehnjährigen Kim Kerkow im Westerwald wohnte, vor Gericht als Verteidiger. „Das war selbstverständlich ein spektakulärer Fall“, erinnert sich Reinhard Nollmann und ergänzt: „Es war eine Tat, die die Bevölkerung aufgewühlt und mitgenommen hat. D. war schon ein Fall, der außergewöhnlich war, vor allen Dingen in der Person des Täters.“

Der heute 59-Jährige habe ja bereits 1979 ein Tötungsdelikt mit sexuellem Motiv begangen. „Und da muss man sich ernsthaft fragen, ob da nicht schon eine Behandlung in der JVA versagt hat“, findet Reinhard Nollmann heute. Nach der Verurteilung D.s im Dezember 1997 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wurde nach 15 Jahren 2012 ein Antrag seines Mandanten auf vorzeitige Freilassung aus der Haft von der zuständigen Strafvollstreckungskammer abgelehnt. Wann der Rechtsanwalt mit dem markanten grauen, schulterlangen Haar einen zweiten Antrag auf vorzeitige Haftentlassung für Rolf D. stellen wird, dazu will sich Nollmann derzeit nicht äußern.

Deutlicher wird er aber, wenn er auf die generellen Therapiemöglichkeiten von Sexualstraftätern in deutschen Gefängnissen angesprochen wird: „Ich bin generell der Auffassung, dass entschieden zu wenig Therapiemaßnahmen ergriffen werden, nicht nur im Fall D., sondern grundsätzlich bei allen Straftätern, insbesondere bei Sexualstraftätern. Das ist keine Behandlung, sondern nur ein Wegsperren. Die Behandlungsmöglichkeiten sind einfach schlecht.“ Es fehle an Therapeuten und finanziellen Mitteln.

Im Urteil des Landgerichts Oldenburg von 1997 habe es unter anderem geheißen, dass eine Therapie des Angeklagten der Justizvollzug zu gewährleisten habe. Ein Wunschdenken, wie Reinhard Nollmann findet: „Was an Behandlungen durchgeführt worden ist, ist im Verhältnis zu den Wünschen des Gerichts null gewesen.“ Verurteilte Sexualstraftäter seien durchaus bereit, die Therapieangebote anzunehmen. Es scheitere allerdings daran, dass es an Fachleuten und Geld für die Justizvollzugsanstalten fehle, sagt Nollmann. aeg

Archivierter Artikel vom 10.01.2022, 13:07 Uhr