Archivierter Artikel vom 14.08.2021, 10:00 Uhr
Rheinland-Pfalz/Ahrtal

Bauingenieurin zum Wiederaufbau im Ahrtal: „Klimaanpassung ist mindestens so wichtig wie der Klimaschutz“

Für den Wiederaufbau der zerstörten Ahrregion stellen Bund und Länder die notwendigen Milliarden bereit. Was ist aber planerisch zu bedenken, um sich besser vor Wassermassen zu schützen? Wir sprachen mit der Bauingenieurin und Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Universität Siegen, Lamia Messari-Becker. Sie appelliert, mehr Grün anzulegen, das Wasser speichert, auch auf Dächern. Ihr ist „Klimaanpassung mindestens so wichtig wie der Klimaschutz“.

Von Ursula Samary
Prof. Lamia Messari-Becker  Foto: Santifaller
Prof. Lamia Messari-Becker
Foto: Santifaller

In der zerstörten Region warten viele Menschen noch aufs Nötigste wie Wasser, Strom und funktionierende Kläranlagen. Trotzdem geht der Blick nach vorn. Was raten Sie Planern, die auch unter Zeitdruck stehen?

Gigantisches Projekt Wiederaufbau: Dem Ahrhochwasser sind allein rund 60 Brücken zum Opfer gefallen. In Höhe der Winzergenossenschaft in Dernau (Kreis Ahrweiler) liegt eine davon in der Ahr. Insgesamt ist die Infrastruktur im Tal schwer getroffen oder komplett zerstört worden.  Foto: dpa
Gigantisches Projekt Wiederaufbau: Dem Ahrhochwasser sind allein rund 60 Brücken zum Opfer gefallen. In Höhe der Winzergenossenschaft in Dernau (Kreis Ahrweiler) liegt eine davon in der Ahr. Insgesamt ist die Infrastruktur im Tal schwer getroffen oder komplett zerstört worden.
Foto: dpa

Öffentliche Ratsschläge sind mehr Schläge als Rat, sagte schon Johannes Rau. Es ist eine harte Situation für Menschen, ihre Familien, Freunde und wirtschaftliche Existenzen verloren zu haben. Es ist ihnen ein Stückchen Heimat verloren gegangen. Ich weiß gleichzeitig auch um die Hilfe vieler Ingenieurkammern und Planungsbüros, die unbürokratisch und kostenlos Hilfe leisten.

Ein neues Viertel einer Stadt lässt sich als Schwammstadt konzipieren. Aber wir geht man mit dem Bestand um? Städte und Gemeinden sind ja schon gebaut.

Richtig. Die Herausforderung ist die Anpassung des Bestands. Hier müssen die Maßnahmen mehrere Ebenen adressieren. Beispielsweise am Gebäude, Stichwort Gründach oder Grün an Fassade, mehr natürliche Gärten anstatt Steingärten, mehr Grün, das Wasser speichert. Kommunen können Flächen entsiegeln und begrünen, das hilft gegen Hitze und Starkregen, Stichwort Flächen- und Wassermanagement. Aber all das muss koordiniert und gefördert werden.

Aber wie kann man auch in den kleinen Orten, beispielsweise im engen Tal, mehr mit der Natur statt gegen sie bauen? Was ist zu beachten und in der geografischen Lage möglich?

Die Bebauung richtet sich im Allgemeinen nach geologischen und geografischen Gegebenheiten: Wie tragfähig ist der Boden? Wie ist die Lage, an einem Tal, Hang, Fluss oder in einem Erdbebengebiet und so weiter. Für jede Situation sucht man dann Lösungen. Ein Blick ins Ausland: Große Teile Japans sind Erdbebengebiete, und die Hälfte der Fläche Hollands liegt unterhalb des Meeresspiegels. Ich will sagen, dass katastrophensicheres Bauen bis zu einem gewissen Punkt helfen kann. Manchmal sind aber die Risiken zu hoch oder die technischen Lösungen nicht ausreichend.

Die Menschen brauchen schnell eine Antwort auf die Frage „Bleiben oder Gehen?“. Sie haben in einem Interview gesagt, dass Gebäude nur so zu bauen sind, dass sie standhalten, „bis wir die Menschen auch schnell und sicher evakuieren“. Was heißt dies für die Statik, die Bauweise und die Materialien?

Wir wissen heute, dass Warnsysteme an einigen Stellen versagt haben. Deshalb: Mindestens so wichtig wie die Sicherheit der Gebäude und der Infrastruktur selbst, ist auch ein sicher funktionierendes Warnsystem. Und die Wassermengen, die da runterkamen, gepaart mit der Situation vor Ort, ließen den Menschen meines Erachtens keine Chance. Der Klimawandel und die Wetterextreme bedeuten für die Statik konkret neue „Lastenfälle“, etwa höhere Schnee- oder Windlasten. In bestimmten Lagen muss eine andere Gründungsart (Fundamente) her. Mehr Hitze bedeutet, dass wir massive Bauweisen benötigen, speicherfähige Materialien oder bei Leichtbau notfalls kühlen müssen.

Sollte auf eingeschossige Bauten verzichtet werden, um auf obere Etagen noch flüchten zu können?

Das kann man nicht pauschal sagen. Bei heftigen Stürmen und Orkanen wäre es gut, wenn sie nah am Boden sind. Mancherorts funktionieren Kellergeschosse als Überflutungsreserve, teils gegen den Auftrieb. Wie gesagt, jede Lage, jedes Risiko braucht abgestimmte Lösungen.

Muss auch der Brückenbau neu gedacht werden?

Wir müssen beispielsweise in bestimmten Lagen Brücken anheben oder verstärken, sie für mehr Lasten dimensionieren. Und wo es geht, bei der Lagerung ohne Stützen inmitten eines reißenden Flusses auskommen, um keine Angriffsfläche anzubieten. Aber es geht nicht nur um Brücken, es geht allgemein darum, dass Transport- und Evakuierungsrouten intakt bleiben.

Wie lässt sich auch an kleinen Flüssen mehr Schutz erreichen, wenn auch zulaufende Bäche bei lang anhaltendem Starkregen anschwellen? Wie kann Wasser in Ortschaften und Wohngebieten besser versickern?

Bei Kenntnis des Risikos an Bächen geht es womöglich um Deichbau, an Flüssen um Wasserbecken im Flussverlauf oder auch zwischen den Ortschaften. Man kann eine Menge tun, aber wenn eine Katastrophe droht und Wetterwarnungen vorliegen, geht es insbesondere um funktionierende Warnsysteme. Zusätzlich sollten wir Regenwasser in Gebäuden nutzen, es mithilfe von klimawirksamen Gründächern speichern, im Außenraum Mulden, Becken und Grünflächen vorsehen, Flächen als Rückzugsraum für Starkregen vorsehen und so weiter. Das ist gut für die Grundwasserbildung und entlastet auch die Kanalisation.

Sie haben darauf hingewiesen, dass in Deutschland nach Erfahrungen mit großen Hochwassern der Hochwasserschutz besser geworden ist …

Heute haben die Rhein-Main-Region oder Hamburg zu Beispiel ein hoch komplexes integriertes Hochwasserschutzkonzept, das stets überwacht wird. Die Flutkatastrophe jetzt zeigt uns aber, dass auch kleine Flüsse und Bäche zum Risiko werden können.

Wird der Wiederaufbau in der Ahrregion auch zum Forschungsobjekt? Denn Helfer, die bereits in ausländischen Krisengebieten waren, berichten, dass sie eine solch großflächige Zerstörung noch nicht erlebt haben.

In die Zukunft geblickt, geht es um die Frage, was wir besser machen können. Die Zukunft gehört der Anpassung. Wie können wir neben dem Klimaschutz auch Klimaanpassung betreiben, nämlich unsere Gebäude und Städte sicherer und lebenswerter zu machen, um Menschen und ihre Existenzen zu schützen? Mit Klimaschutz schützen wir unsere Kinder und Enkel, mit Klimaanpassung, also die Reaktion auf einen Teil des Klimawandels, der trotz aller Bemühungen verbleiben wird, schützen wir Menschen heute und hier – und durch die Anpassung natürlich auch unsere Kinder und Enkel. Aber auch der Katastrophenschutz muss besser werden, um schnell reagieren zu können.

In welchen Zeiträumen muss man beim Wiederaufbau denken? Viele Menschen leben noch in Notunterkünften, sind bei Verwandten und Freunden unterkommen. Welche Hoffnung ist realistisch?

Ich kann keine Prognose abgeben – aber es wird kein Spaziergang werden. Unsere Bauprojekte dauern ja allgemein viel zu lange. Wichtig ist beim Wiederaufbau, die richtigen Dinge zu tun. Es geht nicht darum, alles eins zu eins aufzubauen, also nicht um eine Reparatur, sondern um einen Neuanfang. Und hier ist eine sichere Infrastruktur das A und O. Das alles muss sorgsam geplant und ausgeführt werden.

Das Gespräch führte Ursula Samary