Trier

Austrittswelle bei Katholiken? Im Bistum Trier denkt jeder dritte Gläubige daran – Stimmungsbild erhoben

Die Austrittswelle in der katholischen Kirche könnte in den nächsten Jahren noch deutlich zunehmen: Wegen der Diskussionen um Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal und der bevorstehenden Strukturreform überlegt jeder dritte Katholik im Bistum Trier, aus der Kirche auszutreten. Am höchsten ist die Quote der Gläubigen, die auf dem Absprung sind, bei den 18- bis 35-Jährigen.

Von Ralf Seydewitz
Lesezeit: 2 Minuten
Protest gegen XXL-Pfarreien: Bereits vor einem Jahr erlebte die Bistumsleitung eine Demonstration mit 1500 Teilnehmern.  Foto: dpa
Protest gegen XXL-Pfarreien: Bereits vor einem Jahr erlebte die Bistumsleitung eine Demonstration mit 1500 Teilnehmern.
Foto: dpa

Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Kölner Marktforschungsinstituts ABH Market Research. Die bistumskritische Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ hatte die Studie in Auftrag gegeben, um zu erfahren, wie die knapp 1,4 Katholiken im Bistum Trier die bevorstehende Strukturreform bewerten.

Nach den Reformplänen soll es künftig nur noch 35 XXL-Pfarreien statt der derzeit in 172 Pfarreiengemeinschaften organisierten 887 Kirchengemeinden geben. Laut der Umfrage lehnt aber eine deutliche Mehrheit der Katholiken diese Großpfarreien ab. Zudem sagt mehr als jeder Dritte der insgesamt 160.000 ehrenamtlich tätigen Gläubigen, dass er sich in den künftigen Großpfarreien nicht mehr in der Kirche engagieren will.

Auf die Frage nach einem möglichen Kirchenaustritt antwortete nur jeder zweite Gläubige, daran keinen Gedanken zu verschwenden. Immerhin 400.000 Katholiken im Bistum denken darüber nach. Die Ursache sieht ABH-Geschäftsführer Gerd Heinemann zwar nicht nur in der bevorstehenden Strukturreform in Trier begründet, aber sie trage – neben der aktuellen Entwicklung in der Kirche – ebenfalls dazu bei. Im vergangenen Jahr haben 10.096 Katholiken aus der Diözese Trier der Kirche den Rücken gekehrt – 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Noch sind 54 Prozent der 2,4 Millionen Einwohner im Bistum katholisch.

Die Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ forderte den Trierer Bischof Stephan Ackermann am Freitag erneut dazu auf, die Reform zu stoppen. Andernfalls werde man in Rom dagegen klagen, sagte Sprecher Harald Cronauer.

Die größten Bedenken haben die Befragten demnach wegen der künftig eher zentralistischen Strukturen und des befürchteten Verlusts an Nähe und Gemeinschaft. 63 Prozent der Befragten glauben sogar, dass sich die regionale Kirche durch die Strukturreform letztlich selbst abschaffe.

Nach den Reformplänen sollen die ersten 15 der sogenannten Pfarreien der Zukunft am 1. Januar nächsten Jahres an den Start gehen. Erst vor wenigen Tagen hatte das Bistum Trier die personelle Besetzung der ersten Leitungsteams bekanntgegeben. Die künftigen Großpfarreien werden nicht mehr nur von einem Pfarrer allein geführt, sondern von einem Team, bestehend aus drei Hauptamtlichen und zwei Ehrenamtlichen.

Die bistumskritische Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ hatte die Reformpläne in der Vergangenheit bereits mehrfach heftig kritisiert. Die Reform beinhalte deutlich mehr Abbruch als Aufbruch, meint Sprecher Cronauer. Nach Angaben des Juristen und ehemaligen saarländischen FDP-Vorsitzenden hat die „sture Haltung“ des Bistums die Initiative dazu bewogen, eine eigene Umfrage in Auftrag zu geben.

Auch das Bistum selbst hatte in einer Anhörung kirchliche Gremien und Einzelpersonen zu der Strukturreform befragt. Mehr als ein Drittel der knapp 1800 Rückmeldungen war negativ; 32 Prozent äußerten sich eher positiv zu den Reformplänen. Auffallend bei der Bistumsanhörung: Auf überdurchschnittlich große Abneigung stießen die Umstrukturierungspläne ausgerechnet bei den Priestern.

Die Bistumsverantwortlichen wollten sich zunächst nicht zu den Ergebnissen der neuen Umfrage äußern, weil man sie noch nicht kenne, wie eine Sprecherin meinte. Pläne, die Reform auszusetzen, gibt es offenkundig nicht. Man sei „auf einem guten, wenn auch nicht spannungsfreien Weg“, sagte die Sprecherin unserer Zeitung.

Von unserem Mitarbeiter Ralf Seydewitz

Zentralistische Strukturen gefährden die Kirchenarbeit in der Gemeinde vor Ort.

Dieser Aussage stimmten 65 Prozent der Gläubigen zu.

Archivierter Artikel vom 04.10.2019, 16:30 Uhr