Archivierter Artikel vom 07.06.2011, 12:06 Uhr
Langenbach

Der Wärmemarkt ist ein schlafender Riese

Markus Mann, Geschäftsführer der Westerwälder Firmengruppe Mann Energie in Langenbach, hat die Zeichen längst auf Ökostrom gestellt. Der umweltbewusste Unternehmer mit einem sicheren Gespür für die Zukunft der Energiebranche und neue Geschäftsfelder fordert einen sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie.

Optimistisch blickt Markus Mann, Geschäftsführer von Mann Energie in Langenbach, in die Zukunft der Energieversorgung mit Ökostrom – auch aus unternehmerischem Interesse. Ein gewaltiges Potenzial hat für ihn auch das Heizen mit erneuerbaren Energien – etwa Holzpellets (rechts).
Optimistisch blickt Markus Mann, Geschäftsführer von Mann Energie in Langenbach, in die Zukunft der Energieversorgung mit Ökostrom – auch aus unternehmerischem Interesse. Ein gewaltiges Potenzial hat für ihn auch das Heizen mit erneuerbaren Energien – etwa Holzpellets (rechts).
Foto: dpa

Langenbach – Markus Mann, Geschäftsführer der Westerwälder Firmengruppe Mann Energie in Langenbach, hat die Zeichen längst auf Ökostrom gestellt. Der umweltbewusste Unternehmer mit einem sicheren Gespür für die Zukunft der Energiebranche und neue Geschäftsfelder fordert einen sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie. Ökologie und Ökonomie sind für den Unternehmer, der unter anderem Holzpellets zum Heizen herstellt, kein Widerspruch. Er ist sicher: Regenerativen Energien gehört die Zukunft.

Sehen Sie Chancen für eine Energiewende in der Region und in Deutschland?

Ja, wir müssen die Chance endlich wahrnehmen, die über viele Jahre blockiert und ausgebremst wurde. Jede Region muss hier auch die eigenen Hausaufgaben machen und die Energiequellen der Region nutzen. Wir dürfen nicht einfach mit dem Finger Richtung Nordsee zeigen, sondern müssen auch die Energieernte im Binnenland akzeptieren.

Hat die Atomkatastrophe in Japan den Abschied von der Kernenergie beschleunigt?

Ich hoffe, dass die Menschen endlich wach geworden sind. Es ist schlimm, dass es erst so weit kommen musste. Ich bin für eine sofortige Abschaltung aller Atomkraftwerke. Deutschland muss mit gutem Beispiel vorangehen, und viele Länder der Welt werden folgen. Unsere Handlungsweise wird viel mehr kopiert, als wir denken. So hatte Argentinien im Jahre 2002 beschlossen, den Ausbau der Atomenergie zu stoppen, weil Deutschland den Ausstieg geregelt hatte. Im Jahr 2010 wurden die Ausbaupläne wieder aus der Schublade geholt, weil Deutschland scheinbar einen Fehler gemacht hatte!

Können wir also ohne Atomstrom auskommen?

Eine Vielzahl von Fachartikeln bestätigt, dass bei einem sofortigen Abschalten der Atomkraftwerke die Lichter in Deutschland nicht ausgehen. Es gibt ausreichend Reserve- und Stand-by-Kapazitäten. Leider sind diese Kapazitäten fossil befeuert, und somit hat Deutschland vorübergehend ein Kohlendioxid-Problem. Effizienzsteigerung, Energieeinsparung und intelligente Stromnetze sind hier die Lösung. Gleichzeitig kann die Mitverbrennung von Biomasse in Kohlekraftwerken einen großen Beitrag zur Kohlendioxid-Reduktion leisten.

Gibt es im Ausland Vorbilder für die Energiewende?

Holland, Belgien, Dänemark und Schweden machen uns hier viel vor. Der Wärmemarkt ist der schlafende Riese im Bereich der Energieeinsparung, aber auch für die Kohlendioxid-Reduktion durch Holzpellets oder hocheffiziente Wärmepumpen. In Österreich wird heute schon etwa ein Drittel des Wärmemarktes durch Bioenergie gedeckt. In Deutschland sind wir leider lediglich bei 9 Prozent. Unser Holz wird in 18 Millionen Einzelfeuerungsstätten mit einem Wirkungsgrad von nur 50 bis 60 Prozent verbrannt. Wir brauchen eine Modernisierungswelle bei Holzfeuerungsstätten, ob handbeschickt oder per Pelletsystem, um Wirkungsgrade von mehr als 90 Prozent zu erreichen.

Können wir in Zukunft unseren Bedarf mit erneuerbaren Energien decken, oder müssen wir auf fossile Energieträger zurückgreifen?

100 Prozent erneuerbare Energie, das ist auch für einen Industriestandort wie Deutschland möglich. Optimisten sagen dies für 2030 voraus. Realistisch erscheint mir 2040 bis 2050.

Wie wird die Energieversorgung der Zukunft aussehen?

Wir werden unseren Energiebedarf langfristig zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen und mit dezentralen Versorgungsstrukturen decken. Es ist der Blumenstrauß der erneuerbaren Energien, der uns einen sicheren Mix bietet. Wind, Wasser und Sonne gehören dazu. Die Biomasse dient als Regulativ und planbare Energiequelle.

Welche Art der Energiegewinnung ist für Sie die zukunftsträchtigste?

Wenn wir von Strom reden, wird ziemlich sicher die Windkraft eine Hauptlast bei der Energiegewinnung tragen. Im Wärmesektor sind es Holzpellets und effiziente Wärmepumpen.

Inwiefern sind erneuerbare Energien ein Motor der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland?

Bereits heute sind in Deutschland im Bereich der erneuerbaren Energien 370 000 Menschen beschäftigt. Wertschöpfung im eigenen Land bedeutet Kaufkraft und das Verhindern von Kapitalabfluss ins Ausland, etwa durch Gasrechnungen, die an Russland bezahlt werden.

Wie setzen Sie vor diesem Hintergrund Ihre unternehmensstrategischen Schwerpunkte?

Während der vergangenen 20 Jahre hat unser Unternehmen kontinuierlich in den Ausbau der erneuerbaren Energien investiert. Wir sind dem Westerwald treu geblieben und haben durch das Angebot unseres Know-hows auch im Ausland die erneuerbaren Energien nach vorn gebracht. Wir möchten diese Strategie fortführen und für Wertschöpfung in der Region sorgen.

Wo steht Ihre Firma heute im Bereich regenerative Energie?

Westerwälder Holzpellets werden inzwischen in drei Werken produziert. „Mann Engineering“ hat aktuell ein Großprojekt in den Schweizer Bergen. Mehr als 600 Wohnungen, zwei Hotels und ein Wellness-Center werden im laufenden Jahr stufenweise an ein Fernwärmenetz auf Basis von Holzpellets angeschlossen. „Mann Strom“ wurde von der Stiftung Warentest unter die Top 10 gestuft, und jeden Tag geben sich immer mehr Menschen einen Ruck und schalten persönlich den Atomstrom ab. In der Mai-Ausgabe von „Ökotest“ sind wir unter 70 Unternehmen auf den ersten Rang platziert worden.

Welche Hemmnisse für den „Siegeszug“ der erneuerbaren Energien gibt es noch?

Hemmnisse gibt es in vielfältiger Art und Weise. Die politischen Rahmenbedingungen müssen stimmen, damit der Ausbau und die Nutzung der erneuerbaren Energien optimal und nachhaltig stattfinden können. Bauhöhenbeschränkungen für Windkraftanlagen und die Ausweisung von Vorrangflächen in schlechten Windzonen sind nur zwei Beispiele. Aber häufig ist es auch die Trägheit und die Angst, einen Fehler zu machen. Viele Verbraucher warten, bis der alte Heizkessel richtig kaputt ist. Das geschieht dann meistens im Winter. In der Not und in der Eile wird dann kurzfristig das vorhandene Öl- und Gasheizsystem eins zu eins ersetzt, statt auf Alternativen zu setzen. Die Folge: Der Gebäudebestand ist für die nächsten 20 Jahre der fossilen Energie verhaftet. Vorausschauende Planung wäre hier ein großer Vorteil.

Die Fragen stellte Stephanie Kühr