40.000
Aus unserem Archiv
Lahnstein

Vereine sind der soziale Kitt von Lahnstein

Die Deutschen und ihr Verein – das ist wie die Tausende Sorten Brot oder Wurst in unserem Land, wie der Kölner Dom und Neuschwanstein, wie Bier und Sauerkraut. Eben typisch deutsch – auch in Lahnstein.

Das Freizeitverhalten und damit auch das Vereinswesen in Deutschland verändert sich. Auch Lahnsteiner Vereine werden das in Zukunft noch weiter zu spüren bekommen. Ob es im Jahr 2030 zum Beispiel nur noch einen Karnevalsumzug in der gesamten Stadt geben wird, wer weiß. Das Foto zeigt den Fanfarenzug der TGO beim Rosenmontagszug vor drei Jahren. Archivfoto: Tobias Lui
Das Freizeitverhalten und damit auch das Vereinswesen in Deutschland verändert sich. Auch Lahnsteiner Vereine werden das in Zukunft noch weiter zu spüren bekommen. Ob es im Jahr 2030 zum Beispiel nur noch einen Karnevalsumzug in der gesamten Stadt geben wird, wer weiß. Das Foto zeigt den Fanfarenzug der TGO beim Rosenmontagszug vor drei Jahren. Archiv
Foto: Tobias Lui

Von Michael Stoll

Nun ist das teutonische Vereinswesen sicherlich ein spezielles, man mag dies belächeln, vielleicht sogar ablehnen, gleichwohl kommt niemand an der Erkenntnis vorbei, dass Vereine gerade in kleinen Städten und ländlichen Gebieten gesellschaftliche Aufgaben erfüllen, ohne die ein Vakuum entstehen würde. Beispielhaft seien die Freiwilligen Feuerwehren, das DRK, aber auch Sport- und Turnvereine genannt.

Wer wissen will, wie und wohin sich die Vereinswelt bis zum Jahr 2030 bewegt, der muss zunächst einmal die Gegenwart betrachten. Eine Studie der Stiftung für Zukunftsfragen (Initiative der British American Tobacco) aus dem Jahr 2014, für die über 3000 Bundesbürger ab 14 Jahren befragt wurden, ist im Internet zu finden und hilft da vermutlich weiter. Die Ergebnisse in Kurzform:

  • Es gibt rund 600 000 Vereine in Deutschland – seit 1970 hat sich diese Summe verfünffacht.
  • 44 Prozent der Deutschen geben an, mindestens in einem Verein Mitglied zu sein. 1990 waren es noch 62 Prozent, zehn Jahre später 53 Prozent.
  • Der Anteil der Landbewohner, die in einem Verein sind, bleibt relativ konstant, während der Anteil der Großstädter deutlich um zehn Prozentpunkte abnahm.
  • Zwar sind immer noch mehr Männer als Frauen Vereinsmitglied, gleichwohl geht ihr Anteil doppelt so stark zurück wie der der Frauen.
  • Nicht im Nachwuchsbereich und auch nicht bei den über 55-Jährigen, sondern im mittleren Alterssegment ist der Mitgliederschwund von Vereinen am höchsten.
  • Die höchsten Austrittszahlen müssen Vereine im Osten Deutschlands verkraften; sie haben in zehn Jahren rund ein Viertel ihrer Mitglieder verloren. Im Westen war der Rückgang dagegen nur halb so hoch.

Das ein oder andere hier skizzierte Problem und Phänomen kennen sicherlich auch Lahnsteiner Vereinsaktive. Aber wo liegen die Gründe für eine solche gesamtgesellschaftliche Entwicklung? Darauf gibt es nicht nur eine Antwort, sondern viele Erklärungsversuche: Immer mehr Menschen möchten sich nicht mehr fest an einen Verein oder eine Institution binden, sie sind, wenn überhaupt, dann bereit mitzumachen, wenn ihr Engagement von vorn herein nur auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt ist. Die Projektchöre sind für solche Angebote ein gutes Beispiel. Gleichzeitig gibt es immer mehr kommerzielle Angebote, angefangen vom Fernsehen über das Internet bis hin zu einer großen Auswahl an Kultur- und anderen Freizeitbeschäftigungen. Fernsehen, Radio und Telefon stehen in Sachen Freizeitbeschäftigung ganz hoch in der Gunst der Deutschen. Und der Siegeszug des Internet ist ebenfalls nicht mehr aufzuhalten. Wer sich fit halten will, muss nicht unbedingt Mitglied in einem Turnverein sein – das Fitnessstudio ist womöglich rund um die Uhr und auch an Wochenenden geöffnet. Statt zum Kegelverein geht's auf die Boulebahn, einen Tennisplatz kann man jederzeit auch ohne Club mieten.

Wie viele der soeben aufgezählten Möglichkeiten hat's auch die Faszination von Videospielen vor 20 oder 30 Jahren noch nicht gegeben. Die Domäne der Vereine als traditionelle Freizeitbeschäftigung bröckelt also; bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Bei Männerchören kann dies ein generelles Problem sein, schaut man sich die Altersstruktur an, bei Karnevalsvereinen nur punktuell, da ist das Interesse etwa am Tanzen womöglich groß, es fehlt aber an Rednern für die Bütt. Und die Qualität einer närrischen Sitzung wird vom Publikum unmerklich an dem gemessen, was professionelle Redner oder Comedians Tag für Tag im Fernsehen servieren.

Fragt man Menschen, warum sie sich nicht in einem Verein engagieren, so kommt als Antwort häufig: keine Zeit! Was durchaus stimmen mag, denn zum einen verdichtet sich unsere Arbeitswelt immer mehr, geht bei vielen längst über den gewöhnlichen Achtstundentag hinaus, denn wir müssen immer und überall erreichbar sein. Zum anderen wachsen die Ansprüche auch im Privaten, die eigenen wie die der Familie. Der sogenannte "Vereinsmeier", so die Prognose, ist ein Auslaufmodell.

Zunehmende Auflösung von sozialen Milieus

Auch in Lahnstein ist ein anderes Phänomen zu beobachten: Manch ein Verein, der in seinem Wirken auf einen Stadtteil oder eine gesellschaftliche Gruppe fixiert ist, kämpft mit der zunehmenden Auflösung von sozialen Milieus. Wenn zum Beispiel ein Umzug in einem Stadtteil über Spenden finanziert werden muss, hier aber immer weniger Alteingesessene leben, die Neubürger andererseits nicht für das Thema zu gewinnen sind, dann kommt man irgendwann an die Grenzen des Machbaren. Selbst ein Karnevalsumzug ist kein Selbstläufer mehr, wie sich auch in Lahnstein zeigt, wo die Aktiven an manchen Straßen teils die Zuschauer einzeln grüßen können. Und im sozialpolitischen Umfeld muss man kein Soziologe sein, um solche Entwicklungen zu analysieren: Gewerkschaft, SPD, Arbeiterwohlfahrt – dieser Kanon stimmt heute im Arbeitnehmermilieu ebenso wenig wie auf der anderen Seite die Gleichung Kirche, Caritas, CDU.

Nun ist die Begeisterung für Vereine durchaus verschieden ausgeprägt, auch das zeigt die Umfrage der Stiftung. Sportvereine sowie Hoby- und Interessenvereine stehen noch gut da. Traditions- und Heimatvereine haben schon mehr Probleme, kirchliche, karitative, humanitäre, gar politische Vereine dürften richtige Schwierigkeiten bekommen.

Totsagen aber will die Vereinskultur niemand. Es gibt ja auch Hoffnung: Denn von denen, die noch Mitglied in einem Verein sind, sind immer mehr auch tatsächlich darin aktiv, wobei sich dies in den meisten Fällen wohl darauf beschränkt, die Angebote zu nutzen. Professor Dr. Ulrich Reinhardt, Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung, bewertet das wie folgt: "Ob nun aktives oder passives Mitglied in einem Verein – gemeinschaftliche Erfahrungen verbinden. Daher sehe ich die Chance, dass Vereine zu einer Art sozialem Kitt in unserer Gesellschaft werden: Bieten sie doch schon heute Angebote für junge wie alte Mitbürger, Einheimische wie Ausländer oder einkommensstarke wie einkommensschwache Deutsche. In einem Verein verfolgen schließlich alle Mitglieder dasselbe Ziel."

Vereine gehen Herausforderungen an

Viele Vereine haben die Herausforderungen der Zukunft schon angepackt: Wo zu wenig Fußballer zusammenkommen, gibt es Spielgemeinschaften. Aus Männerchören werden gemischte Ensembles, Projekt-, Kinder- und Jugendchöre sind aktiv, andernorts stellen Chorleiter das Repertoire um, damit jüngere Menschen für das Thema interessiert werden. Andernorts haben Möhnen Nachwuchssorgen; in Lahnstein konnte dank eines quirligen Vereinslebens gerade ein junger Vorstand gebildet werden. Turn- und Sportvereine bieten immer wieder neue Fitnessprogramme an – das Wort "Zumba" etwa ist binnen Kurzem in aller Munde.

Die Angebote an neue Bedürfnisse ausrichten, Zielgruppen genauer anvisieren, das wird eine Möglichkeit sein, wie Vereine die Zukunft meistern. Die Verantwortung dafür aber haben Ehrenamtliche in den Vorständen. Sie zu motivieren, ihnen über Ehrenamtsbörsen kompetente Helfer an die Seite zu stellen, neue, kollektive Führungs- und Organisationsstrukturen zu bilden – dies alles wird in Zukunft ebenso wichtig und womöglich eine Initiative sein, bei der die Stadt auch finanziell Hilfestellung geben könnte. Auch im Rathaus weiß man ja, dass ohne die Vereine wenig geht: keine Kirmes, kein Karneval, kein Kulturfest.

Aber lassen wird abschließend noch einmal Professor Reinhardt sprechen: "Der demografische Wandel wird das Vereinsleben ebenso beeinflussen wie die ständig wachsende Zeitkonkurrenz zwischen Arbeit und Alltag, Konsum und Kommerz, Familie und Freunden, Medien und Mußebedürfnis. All dies wird zu einem Umdenken in den Vereinen führen: Von einer neuen Angebotsstruktur über eine stärkere Berücksichtigung der Bedürfnisse älterer Mitglieder bis hin zu neuen Ansätzen beim ehrenamtlichen Engagement. Wichtig ist zudem eine Loslösung von der Vereinsmeierei der Vergangenheit. Die Mitglieder der Zukunft wollen sich weder verpflichten noch festlegen, sondern flexible Angebote nutzen, die ihnen zeitlich und inhaltlich ebenso zusagen wie auch zwischenmenschlich passen. Wenn dies passiert, werden Vereine eine große Zukunft haben."

Lahnstein 2030: Tourismus
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Online regional
Markus Eschenauer Markus Eschenauer (me)
Online regional
Tel. 02602/160474
E-Mail
Anzeige
Regionalwetter
Donnerstag

16°C - 31°C
Freitag

10°C - 23°C
Samstag

9°C - 20°C
Sonntag

14°C - 21°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
epaper-startseite