Peshawar

Pakistan braucht lange Hilfe – Helft uns Leben sammelt Spenden

Die Flutkatastrophe hält Pakistan noch immer in Atem. Hunderttausende stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Unzählige sind auf der Flucht, werden von Seuchen bedroht. Mittendrin hilft der Mainzer Arzt Gerhard Trabert, die schlimmste Not zu lindern.

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Peshawar – Die Flutkatastrophe hält Pakistan noch immer in Atem. Hunderttausende stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Unzählige sind auf der Flucht, werden von Seuchen bedroht. Mittendrin hilft der Mainzer Arzt Gerhard Trabert, die schlimmste Not zu lindern.

Die pakistanische Stadt Peshawar, nicht weit von der afghanischen Grenze gelegen, gilt als Hochburg der Islamisten. Ausgerechnet hier leistet der Mainzer Arzt Gerhard Trabert medizinische Nothilfe für Opfer der Jahrhundertflut. Der Sozialmediziner ist Teil eines sechsköpfigen Teams der internationalen Hilfsorganisation „humedica“. Eine Mission, bei der ständig pakistanische Sicherheitskräfte mit Kalaschnikows oder Sturmgewehren in der Nähe sind. Wir haben in Peshawar Gerhard Trabert über ein Satellitentelefon erreicht und ein Interview mit ihm geführt.

Wie schlimm sind die Auswirkungen der Flutkatastrophe?

Peshawar liegt ziemlich weit im Norden. Dort ist das Wasser langsam zurückgegangen. Es gibt viele Zeltdörfer mit Flutopfern, die medizinische Hilfe, Trinkwasser und Nahrung brauchen. Ähnlich wie in Haiti und anderen Katastrophengebieten hat es ausgerechnet die Menschen getroffen, die ohnehin arm sind. In Charsadda, einem unserer Einsatzorte, sind die Zerstörungen noch gut zu sehen. Das Wasser hat in der Stadt meterhoch gestanden. Überall sind Schlammreste, Unrat, zerstörte Hütten, zusammengefallene Häuser. Und im Süden ist die Lage noch schlimmer.

Wo muss konkret geholfen werden?

Viele Pakistani haben alles verloren. Kurzfristig geht es nur ums Überleben. Langfristig müssen die Flutopfer sich ein neues Zuhause aufbauen können. Das geht nur mit nachhaltiger Hilfe.

Wo kann Ihr medizinisches Team Nothilfe leisten?

Wir fahren dorthin, wo die Flutopfer untergebracht sind: in Schulen, Zeltdörfer, öffentliche Einrichtungen. Dort bieten wir so etwas wie medizinische Sprechstunden an. Dabei behandeln wir täglich 250 bis 300 Patienten. Das geht bei jedem von uns bis an den Rand der Erschöpfung.

Wie sieht der Alltag im Katastropheneinsatz aus?

Der ist extrem stressig. Oft müssen wir improvisieren. Ich behandele vor allem Frauen und unzählige Kinder. Abszesse müssen aufgespalten, Durchfallerkrankungen und Diabetes behandelt werden. Bei muslimischen Frauen ist direkter Hautkontakt verboten. Da brauche ich eine Assistentin. Und im Fastenmonat Ramadan ist es geradezu gesundheitsgefährdend, dass die Zucker-Patienten so konsequent auf Essen verzichten. Aber gesundheitliche Aufklärung ist in einer anderen Kultur oft schwierig. Mir selbst fällt es schwer, vor all den fastenden Menschen etwas zu essen und zu trinken. Ein Bonbon und etwas Flüssigkeit müssen häufig genügen.

Drohen Seuchen?

Wir hatten schon ein paar Patienten mit Verdacht auf eine ernste Durchfallerkrankung. Doch eine Diagnostik ist nicht möglich. Wir behandeln auf Verdacht. Verbessern sich die Befunde nicht, schicken wir die Patienten ins nächste Krankenhaus. Generell gilt: Die hygienischen Bedingungen sind schlecht, viel zu viele Menschen leben auf engstem Raum. Da ist die Seuchengefahr generell groß.

Wie sind die Arbeitsbedingungen?

Wir arbeiten hier bei 40 Grad im Schatten. Die Luftfeuchtigkeit ist extrem hoch. Alles ist voller Fliegen. Das Arbeiten ist anstrengend, aber noch lange nicht unerträglich.

Was hat Sie besonders berührt oder schockiert?

Wie arm die Menschen hier sind, wie viel Unrat und Dreck hier überall rumliegt. Zudem hat mich schockiert, wie der Ramadan praktiziert wird. Tagsüber werden keine Augentropfen, keine Atemsprays und sowieso keine Tabletten eingenommen. Dabei erlaubt der Koran, den Ramadan im Krankheitsfall zu unterbrechen. Aber das wissen viele nicht. Selbst Schwangere praktizieren den Ramadan.

Wie ist die Sicherheitslage?

Instabil. In Pakistan gibt es keinen sicheren Ort. Vor wenigen Tagen gingen in Peshawar Bomben hoch. Es gab Tote. Wir werden von einer Polizeieskorte begleitet. Sie haben das AK-47 im Anschlag und den Finger am Abzug. Trotzdem steht das gesamte Team hinter dem Einsatz. Das Leben ist ein Risiko.

Wie hilft der Staat, wie das Militär?

Das Militär ist kooperativ, hilft uns aber nicht aktiv. Die Polizei hingegen ist sehr um uns bemüht und besorgt. Dolmetscher werden uns teilweise vom Staat bereitgestellt.

Wie groß sind die Flüchtlingsströme?

In Peshawar normalisiert sich alles langsam. Wir planen, wenn möglich, noch einen Umzug in die Stadt Sukker, die 1300 Kilometer südlicher liegt. Dort sind noch weite Gebiete von den Fluten überschwemmt. Dahin kommen wir wohl nur mit einem Helikopter.

Kann diese Katastrophe die pakistanische Gesellschaft verändern?

Schwer absehbar. Die Bevölkerung registriert sehr wohl das Engagement von ausländischen und inländischen Helfern. Das Militär kann sich hier im Norden – nach den brutalen Vertreibungsaktionen der Taliban mit vielen zivilen Opfern – wieder positiver profilieren. Zudem bietet sich die Chance, den Dogmatismus der Religionen zu reduzieren, indem der Westen aktiv etwas für pakistanische Muslime und Christen tut.

Das Gespräch führte Dietmar Brück

Die Aktion HELFT UNS LEBEN unserer Zeitung sammelt Spenden für die Flutopfer: Konto 1313 bei der Sparkasse Koblenz (BLZ 570 501 20) oder der SEB Bank (BLZ 570 101 11), Stichwort „Pakistan“, oder online unter www.helftunsleben.de