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    Sibirien

    "Väterchen Zug": Ein Traum auf Schienen

    Reisen mit der "Transsibirischen Eisenbahn" - ein Erlebnis! Sie führt von Moskau zum Pazifik. Unser Autor hat einige Tausend Kilometer im Zug "Zarengold" zurückgelegt und dabei viele spannende Eindrücke in Russland gesammelt.

    Am Baikalsee erfüllen sich für die Fans der Transsibirischen Eisenbahn lang gehegte Träume. Wer auf der Lok mitfährt, kann besonders tolle Fotos schießen.
    Am Baikalsee erfüllen sich für die Fans der Transsibirischen Eisenbahn lang gehegte Träume. Wer auf der Lok mitfährt, kann besonders tolle Fotos schießen.
    Foto: Stefan Kieffer

    Halb drei morgens. Plötzlich hellwach. Irgendetwas stimmt nicht mit dem Bett. Das ist groß, weich und unbeweglich, dabei sollte es wackeln, rütteln und schaukeln, als wollte es mich abwerfen. Dann fällt’s mir ein. Nach fünf Tagen und Nächten im Zugabteil schlafen wir im Hotel Irkutsk in der gleichnamigen Stadt, acht Stockwerke im Baustil der Sowjetzeit. Statt der inzwischen gewohnten Zuggeräusche hält uns eine lautstarke Hochzeitsfeier noch nach Mitternacht wach, bis hinauf ins oberste Stockwerk, ehe ungewohnte Ruhe einkehrt. Daran muss man sich erst mal gewöhnen.

    Bahnlinie von Moskau zum Pazifik

    5000 Kilometer haben wir auf Schienen zurückgelegt, vom Kazaner Bahnhof in Moskau immer in Richtung Osten, auf der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn. Wir haben mächtige Ströme überquert, die Wolga bei Kazan, den Jenissei bei Krasnojarsk, den Ob bei Nowosibirsk, die Angara bei Irkutsk. Alexander III., der vorletzte der russischen Zaren, forcierte zum Ende des 19. Jahrhunderts den lange gehegten Plan, eine Bahnlinie von Moskau durch Sibirien bis zum Pazifik zu führen, um den Fernen Osten des Riesenreiches zu erschließen – für die Siedler, denen es in der alten Heimat zu eng wurde, für die Industrie, die sich auf die reichen Bodenschätze stürzte, und für die Straflager, deren Insassen für acht Monate Eisenbahnbau ein ganzes Jahr Zwangsarbeit erlassen bekamen.

    Kurz nach der Jahrhundertwende erreichten die Gleise Wladiwostok im äußersten Osten Russlands. Heute führen mehrere Trassen von Moskau nach Kazan und vom Baikalsee zum Pazifik, der Abzweig durch die Mongolei bis nach Peking wurde erst 1950 in Betrieb genommen.

    194 Touristen aus 18 Nationen haben sich auf diese große Abenteuertour begeben, die die Fantasie der Fernwehsüchtigen seit fast zwei Jahrhunderten entzündet und die Reisefreudigen in zwei Lager spaltet. „Warum soll ich mir zwei Wochen lang Birkenwälder aus dem Zugfenster betrachten?“, hat Kristas Mann gesagt und seine Ehefrau allein auf die Reise geschickt. Nun hat die Österreicherin im Sonderzug „Zarengold“ ein Abteil für sich allein, 1,90 auf 1,82 Meter groß, mit zwei 68 cm schmalen Betten, die tagsüber als Sitzfläche dienen.

    Im Abteil nebenan wohnt Anne, die fröhliche Rheinländerin, deren Ehemann ebenfalls zu Hause geblieben ist und lieber Tochter Katrin mit auf die Reise geschickt hat. Gut, dass die beiden sich gut verstehen, denn zu zweit in einem Abteil kommt man sich ziemlich nahe im „Zarengold“, dem Sonderzug nur für Touristen, den der Hamburger Reiseveranstalter Lernidee im Sommer von Moskau nach Peking und in umgekehrter Richtung auf die Gleise schickt.

    Transsibirische Reiseberichte aus vergangenen und heutigen Tagen berichten von olfaktorischen Grenzerfahrungen in überfüllten Waggons, von wodkaseligen Begegnungen mit Einheimischen und den endlosen Weiten der sibirischen Taiga – Stichwort Birkenwälder –, bis aus gepflegter Langeweile mit der Zeit eine Meditationsübung der besonderen Art wird. Doch im „Zarengold“ wird weder exzessiv getrunken noch meditiert, wenn man mal von Katrins morgendlichen Yoga-Übungen absieht.

    Schließlich sind wir nicht (nur) zum Vergnügen unterwegs. „Wer so eine Reise unternimmt, der will ja auch ein bisschen Bildung mitnehmen“, sagt Ute, die in den 1980-ern mehrere Jahre in der Sowjetunion gelebt und gearbeitet hat und mit ihrem Mann Andreas schon damals als Rucksacktouristin bis zum Baikalsee vorgedrungen ist. Das Programm ist umfangreich, für Langeweile bleibt wenig Zeit. Der Zug rollt vor allem nachts, tagsüber besichtigen wir sibirische Städte, hasten vom Bus in die nächste Kathedrale, zum örtlichen Lenindenkmal, und was es sonst zu bestaunen gibt, und wieder zurück. Für die nötige Motivation sorgt unsere russische Reiseleiterin Olga, wenn sie uns erinnert: „Wir sind Helden der touristischen Arbeit.“

    Um uns die Arbeit zu erleichtern, hat der Reiseveranstalter Wochen vor dem Start allerlei Gedrucktes verschickt, angefangen beim 500 Seiten starken „Transsib-Handbuch“, das Lernidee-Gründer Hans Engerbding eigenhändig verfasst hat, bis zum Bordbuch, das den Zarengold-Reisenden wertvolle Tipps zum Duschen und Essen, Trinken und Rauchen im Zug gibt. Zudem versorgt uns die rührige Chef-Reiseleiterin Anke unterwegs per Bordmikrofon mit Wissenswertem über Kosaken und Tataren, Verbannte und Vergessene. Von den fünf Schmökern, die ich mir eingepackt habe, schaffe ich nicht mal einen. Die Biografie des letzten Zaren lese ich erst zu Ende, als wir sein verlorenes Reich längst hinter uns gelassen haben.

    Abenteuer Gruppendynamik

    Das wahre Abenteuer für die „Zarengold“-Reisenden hat weniger mit Einsamkeit zu tun als mit Gruppendynamik. Die Touristen im Zug sind nach Sprache, Herkunft und Reisekategorie in elf Gruppen eingeteilt, die jeweils gemeinsam Mahlzeiten, Besichtigungen und Bordveranstaltungen absolvieren. Dass unsere „silberne Gruppe“ mit Abstand die harmonischste, netteste und lustigste ist, liegt nicht zuletzt an unserer Reiseleiterin. Olga führt ihre Silbernen mit Herzblut, Einfühlungsvermögen und einem Schuss pädagogischer Strenge.

    Wer will schon nach einem Zwischenstopp die Abfahrt des Zuges verpassen und mit langem Gesicht auf dem Bahnhof von Vekovka oder Barabinsk zurückbleiben? „Das kommt regelmäßig alle zwei bis drei Touren vor“, warnt das Bordbuch, „meist bei Journalisten.“ Ich habe die Warnung verstanden und verpflichte mich zu größtmöglicher Gruppendisziplin, mit dem Erfolg, dass ich zumindest in dieser Hinsicht nicht negativ auffalle.

    Unter Olgas mal strenger, mal nachsichtiger Führung wächst unsere multilinguale Gruppe (bayerisch, schwäbisch, rheinisch, berlinerisch, thüringisch, österreichisch und Schweizerdeutsch) schnell zu einem verschworenen Haufen zusammen, aus zufälligen Gemeinsamkeiten wird im Laufe der zwei Wochen ein Gemeinschaftsgefühl und in manchen Fällen Freundschaft. Zumindest für die Dauer der Reise. Olga beantwortet alle Fragen, hilft aus jeglichen Nöten, und wenn in Nowosibirsk, Krasnojarsk oder Irkutsk die örtlichen Reiseleiter das Kommando übernehmen, verteilt Olga Briefmarken und sammelt die Ansichtskarten ein. Denn: „Ich weiß, wo hier ein Briefkasten steht.“

    Am einzigen besichtigungsfreien Tag, den wir komplett auf Schienen verbringen, zwischen Jekaterinburg und Nowosibirsk, hält sie uns mit einer Wodkaprobe bei Laune, bei der wir einiges über russische Trinksitten („Der Russe trinkt stets mit Sinn und Verstand“) und das Verhältnis zwischen Frauen (immer treu) und Männern (meistens untreu) erfahren. Weniger erfolgreich endet ihr Bemühen, uns wenigstens mit den Grundbegriffen des russischen Alphabets vertraut zu machen. Immerhin lernen wir, dass in Moskau und Sankt Petersburg dasselbe Russisch gesprochen wird wie in Omsk und Wladiwostok – eine Sprache ohne Dialekte.

    Mit Dixieklängen gen Osten

    Zu Beginn scheint unser gemeinsames Abenteuer auf Schienen unter unglücklichen Vorzeichen zu stehen. Noch bevor wir im Zug sitzen, ist eine Nase gebrochen und ein Fuß beinahe. Damit aber genug der Katastrophen. Nach einer Nacht und einem (Besichtigungs-)Tag in Moskau empfängt uns nachmittags am Bahnhof eine Jazzkapelle, die uns mit Dixieklängen in Richtung Osten verabschiedet.

    Wir können es kaum erwarten, unsere Neugierde zu stillen. Wie eng sind die Abteile wirklich, wird es uns gelingen, uns auf knapp vier Quadratmetern heimisch zu fühlen? Der erste „Kulturschock“, vor dem uns Reiseleiterin Olga gewarnt hat, ist schnell verflogen, und während wir bemüht sind, irgendwie das Gepäck zu verstauen, rollt der „Zarengold“ durch die Moskauer Peripherie in die Nacht, die sich für die meisten Reisenden eher ungemütlich gestaltet. Ich habe jedenfalls niemanden getroffen, der auf Anhieb durchgeschlafen hat. Das Bett ist eng und beweglich, der Zug rattert, schaukelt und lärmt, wie wir es uns von einem heimischen Intercity niemals gefallen lassen würden. Außerdem werden uns auf der Fahrt durch sechs Zeitzonen ebenso viele Stunden geklaut, jeden Abend müssen wir die Uhr um eine oder zwei Stunden vorstellen. Doch wir sind uns einig: Nachtschlaf ist überbewertet, meistens tut es auch ein Nickerchen morgens im Bus oder im Abteil vor dem Abendessen.

    Nach einer schlafarmen ersten Nacht im Zugabteil rollen wir am frühen Morgen in den Bahnhof von Kazan ein, knapp 800 Kilometer östlich von Moskau. Die Sonne strahlt vom wolkenlosen blauen Himmel auf den Kreml von Kazan, wo direkt neben der Maria-Verkündigungs-Kapelle mit ihren goldenen Zwiebeltürmchen die Kal-Scharif-Moschee zum Gebet lädt – oder zur Besichtigung. Die zweitgrößte Moschee Russlands mit ihren vier Minaretten wurde zwischen 1996 und 2005 erbaut und symbolisiert durch ihre Lage inmitten des Regierungsbezirks und in unmittelbarer Nachbarschaft des orthodoxen Gotteshauses die (mit-) beherrschende Rolle des Islam in der autonomen Republik Tatarstan.

    Hier machte Russland seine ersten Schritte zum Großreich; 1552 eroberte der Zar Iwan der IV., genannt der Schreckliche (warum wohl?), im dritten Anlauf das damalige Khanat (Fürstentum) Kazan, verleibte es seinem Herrschaftsgebiet ein und rückte in schrecklicher Herrschertradition erst mal den Andersgläubigen, also den Muslimen, zu Leibe.

    Erst die Zarin Katharina die Große verordnete den Tataren mehr als 200 Jahre später religiöse Toleranz. Heute vertragen sich Muslime und Orthodoxe, die jeweils etwa die Hälfte der rund 1,3 Millionen Einwohner stellen, bestens, wie uns Stadtführerin Alja versichert. Das mag mit dem Edikt der Zarin zu tun haben, vielleicht aber auch mit der jüngeren Vergangenheit. Im Sowjetreich war die eine Religion so verpönt wie die andere. Hat die gemeinsame Erfahrung der Unterdrückung und Verfolgung das Verständnis für andere Glaubensrichtungen gestärkt? Man möchte es gern glauben.

    Dass die Tataren einen üblen Ruf als blutrünstiges Kriegervolk genießen, haben sie übrigens nur zum Teil selbst zu verantworten. Als sich nämlich im 13. Jahrhundert, lange vor den russischen Expansionsgelüsten, die Mongolen anschickten, über den Ural vorzustoßen und Europa unsicher zu machen, da unterwarfen sie zunächst die Tataren. Aber statt die feindlichen Soldaten zu töten, schickten sie diese an die Front, um die eigenen Streitkräfte zu schonen.

    Heute wirkt Kazan wie eine moderne, weltoffene europäische Großstadt mit ausgedehnten Parks, architektonischen Besonderheiten wie dem Kochtopf-förmigen Standesamt am Ufer der Kazanka oder dem schwungvollen Fußballstadion und einer blitzsauberen Fußgängerzone. Stolz bezeichnet sich Kazan als „Russlands Sporthauptstadt“. Das liegt nicht nur an den erfolgreichen Fußball- und Eishockeyprofis Kazans, sondern auch an den rund 50 Sportkomplexen in der Stadt, wo jede denkbare Disziplin ausgeübt wird.

    Dreigangmenüs für 200 Gäste

    Zurück im Zug gibt’s erst mal Essen. Unsere Kellner Vladimir, Konstantin und Maxim servieren die dreigängigen Menüs, die das Küchenpersonal auf engstem Raum für fast 200 Gäste zusammenzaubert. Die Namen der Gerichte sind oft erfindungsreicher als die solide Zubereitung: Rindfleisch nach Tatarenart, Kohlrouladen à la Babuschka, Gemüsepotpourri „Wolgaschiffer“, Salat „Sibirische Gesundheit“, gefüllte Tomaten „Tundraglück“. Es ist jedenfalls niemand hungrig geblieben.

    29 Menschen arbeiten in der Küche und in den drei Bordrestaurants, das übrige Personal vom Zugchef über die Waggonschaffner bis zu den Technikern und Elektrikern umfasst 37 Personen. Der „Zarengold“ ist mit 21 Waggons, von denen 15 die Touristen beherbergen, rund 500 Meter lang. Die Waggons der gehobenen Klasse stammen aus der Zeit der „roten Zaren“, in ihnen reisten Chruschtschow und Breschnjew mit Gefolge höchst komfortabel durchs Land. Die etwas weniger luxuriösen Wagen der zweiten und dritten Klasse sind stilistisch den Luxuswaggons nachempfunden, die Reisenden verspüren einen Hauch von Orient-Express.

    Unser Waggon hat auch ein erstaunlich geräumiges Duschabteil mit sattem Strahl und warmem Wasser, für dessen viertelstündige Benutzung wir uns auf einer täglich erneuerten Liste eintragen. Wer Glück hat, schafft’s schon vor dem Frühstück. Die Waggonschaffner Ekaterina und Daniel sorgen dafür, dass es uns an nichts fehlt, sie machen abends unsere Betten, während wir beim Essen sind, und ziehen sie während des Frühstücks wieder ab, reinigen Abteile und Dusche und versorgen uns gleich nach dem Aufstehen mit einer heißen Tasse Tee, damit der Start in den Tag noch leichter fällt.

    In der Regierungszeit der beiden letzten Zaren wurde die Transsibirische Eisenbahn gebaut, als sie fertig war, kam die Revolution. Nikolai II. verlor nicht nur sein Amt, sondern auch sein Leben; die Bolschewiki töteten den letzten Zaren und seine ganze Familie in einem Keller in Jekaterinburg. Nach dem Ende der Sowjetunion, als überall im russischen Reich neue prunkvolle Kathedralen entstanden, um von der machtvollen Rückkehr des orthodoxen Katholizismus zu künden, wurde zur Erinnerung an die grausamen Morde die Kapelle „Auf dem Blute“ erbaut.

    Totenkult um die Zarenfamilie

    Im Gedenken an die hingerichtete Zarenfamilie blüht hier der Totenkult, überlebensgroße Plakate und Denkmäler zeigen den Letzten der Romanows und seine Angehörigen in idealisierter Darstellung, fromme Mütterchen weinen sich die Augen aus in Gebeten für den autokratischen Herrscher, der sich in bewegten Zeiten als unfähig und unwillig für Reformen erwies und letztlich den Revolutionären das Zarenreich quasi auf dem Silbertablett servierte. Wir staunen über ein Volk, das seine Diktatoren so in Ehren hält, die autokratischen Zaren ebenso wie Lenin, den Anführer der Revolution, dessen überlebensgroße Statue auch in sibirischen Städten die Plätze ziert. Vom allgegenwärtigen Putin ganz zu schweigen.

    Seit dem frühen 18. Jahrhundert, als Zar Peter der Große das russische Reich regierte, gilt der Ural als Grenze zwischen Europa und Asien. Der 2500 Kilometer von Nord nach Süd reichende Gebirgszug ist ein Zentrum der russischen Schwerindustrie. Vor den Toren von Jekaterinburg markiert ein symbolisches Denkmal den Übergang von Kontinent zu Kontinent. Unsere Reiseleiterin Olga beschreibt das Gefühl eines Volkes, das auf zwei Kontinenten lebt: „Wenn ich in Europa bin, fühle ich mich halb asiatisch, in Asien aber wie eine Europäerin.“ Als der „Zarengold“-Zug am Abend den Bahnhof von Jekaterinburg verlässt, ist die Richtung jedenfalls klar: Es geht gen Osten, also nach Asien.

    Hinein in den sibirischen Sommer, der heiß, trocken und sonnig daherkommt, mit Temperaturen von 30 Grad und mehr. Der blaue Himmel und die friedlich-gleichförmige Landschaft lassen kaum erahnen, mit welchen Entbehrungen die ersten Siedler und Verbannten vor fast 200 Jahren zu kämpfen hatten. Häufig waren es ja ihre besten Köpfe und Hände, die die Beherrscher Russlands, erst die Zaren, dann die Kommunisten, in die unendlichen Weiten des Ostens deportierten. Viele mussten mithelfen, das Land bewohnbar zu machen. Kaum vorstellbar, wie hart ein sibirischer Winter ausfällt. Die örtlichen Führer über-, besser unterbieten sich mit Furcht einflößenden Zahlen: minus 20, minus 25, ja sogar mehr als 30 Grad unter dem Nullpunkt sind zwischen November und April keine Seltenheit.

    Olga hat einen Kleidungstipp parat: „Wenn Sie mal in einer Kunststoffjacke eine halbe Stunde bei 30 Grad minus auf den Bus gewartet haben, kaufen Sie sich auch lieber einen Pelzmantel.“

    Im kurzen Sommer wird fast überall fleißig gebuddelt und gebaut in den sibirischen Städten – in gut vier Monaten muss alles erledigt sein. Die Menschen scheinen den Sommer mehr zu genießen als anderswo, wenn sie in T-Shirt und Minirock durch die Fußgängerzonen flanieren. Die Straßen und Gehwege sind peinlich sauber, Kaugummis, Bonbonpapierchen und Zigarettenkippen landen in den Mülleimern. Und die Autos, man mag es kaum glauben, halten auch auf den vierspurigen Boulevards an, um Fußgänger über die Straße gehen zu lassen. Bisweilen braucht es dafür nicht mal einen Zebrastreifen.

    Auf dem Weg nach Nowosibirsk, die heutige Hauptstadt Sibiriens, überqueren wir den Ob auf einer mächtigen Eisenbahnbrücke, die 1893 gebaut wurde und die Existenz der Stadt begründete. Der Bahnhof, wie alle Stationen auf unserer Strecke ein besonderes architektonisches Schmuckstück, hat die Umrisse einer Lokomotive und ist, wie es sich für die Hauptstadt gehört, der größte seiner Art in ganz Sibirien. Seine Eingangshalle gleicht mit Kronleuchtern und Topfpflanzen der Lobby eines Viel-Sterne-Hotels, doch die Züge fahren auch hier auf ganz normalen Schienen ein und aus.

    Vor dem Bahnhof empfängt uns eine Musik- und Tanzgruppe in regionaler Tracht; die Mädchen sehen gut aus, können singen und schleppen alsbald jeden, der nicht schnell genug die Kamera vor sein Gesicht reißt, zum Tanz ab. So manche(r) auch aus unserer „Silbergruppe“ offenbart ein ungeahntes Bewegungstalent. Die Stadt selbst ist überwiegend zu Sowjetzeiten entstanden, was keine architektonischen Wunderwerke erwarten lässt. Eindrucksvoll gleichwohl ist das spektakuläre Opernhaus auf dem Leninplatz, das 1945 vier Tage nach Kriegsende eingeweiht wurde.

    Kitschige Sowjet-Denkmäler

    Auch die Innenstadt von Krasnojarsk hat einige Denkmäler des einstmals real existierenden Sozialismus zu bieten, riesige Betonbauten, die auch heute noch den zweifelhaften Charme der unnahbaren Bürokratie verströmen und deren Fassaden der übliche Kommunisten-Kitsch ziert: Heldenhafte Arbeiter und Bauern rücken mit leuchtenden Augen und bewaffnet mit Hammer und Sichel dem Klassenfeind zu Leibe. Hier verbrachte Revolutionsführer Lenin um die Jahrhundertwende zwei Monate auf dem Weg in die sibirische Verbannung und schrieb seinen Klassiker „Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland“. Viele Jahre später, als Lenins grausame Nachfolger das Sowjetreich regierten, legten hier die Schiffe ab, die die Verbannten den Jenissei abwärts in die Straflager des Nordens verfrachteten.

    Die Tage im Zug zwingen uns nicht nur zu einer sparsamen Lebensweise auf engstem Raum, sondern auch zu einer speziellen Art der Fortbewegung. Auf dem Weg zum Speisewagen gilt es, die Balance zu halten, wenn der „Zarengold“ in die Kurve geht oder auf schlecht verlegten Gleisen ins Stolpern gerät. Beim Durchqueren der anderen Waggons sind außerdem Flexibilität und Diskretion gefragt, schlangenmenschengleich winden wir uns an den Entgegenkommenden vorbei und versuchen, nicht allzu neugierig in die Abteile der Mitreisenden zu starren. Denn rund um die Uhr verschlossen sind in der Regel nur die noblen Zellen in der teuersten, der Bolschoi-Klasse. Wir anderen haben nichts zu verbergen.

    In Irkutsk erinnert ein Museum an die ersten Exilierten. Eine Gruppe junger Offiziere, die Dekabristen, hatte Anfang des 19. Jahrhunderts gegen die unerbittliche Autokratie opponiert; der Aufstand wurde niedergeschlagen und die Anführer nach Sibirien verbannt, wo sie für ein bisschen Kultur und Organisation im wilden Land sorgten. Was auch an ihren Frauen lag, die stolz das Angebot des Zaren ausschlugen, unbehelligt von der Obrigkeit in St. Petersburg zu bleiben, und stattdessen lieber mit ihren Männern in die Verbannung gingen. „So treu sind nur die russischen Frauen“, verkündet Olga.

    Am Ufer der Angara grüßt majestätisch Alexander III. von seinem Denkmalssockel; die Fertigstellung der transsibirischen Bahnstrecke war die bedeutendste – fast möchte man sagen einzig lobenswerte – Regierungstat des vorletzten Zaren. Dahinter erstreckt sich eine ausgedehnte Parkanlage, in der junge Mütter der Welt ihren Nachwuchs präsentieren, an der Hand, im Kinderwagen oder im stolzgeschwellten Bauch. Manchmal ist auch ein Papa dabei, nicht weniger stolz. Die Nähe zum Baikalsee lockt zahlreiche Touristen in die 600 000-Einwohner-Stadt, die Atmosphäre ist fast südeuropäisch. Zumindest im Sommer.

    Von hier bringt uns ein Bus nach Listvankja ans Ufer des Baikalsees, wo unzählige Boote warten, um die Touristen ein Stück weit über das größte Binnenmeer der Erde zu schippern. Wir besteigen den Dampfer „Babuschkin“ und schauen uns ungläubig an: „Mensch, wir sind tatsächlich auf dem Baikalsee.“ Wenn auch nur auf einem winzigen Stücken dieses riesigen Gewässers, das mit einer Ausdehnung von mehr als 600 Kilometer Länge, zwischen 30 und 80 Kilometern Breite und bis zu 1600 Meter Tiefe das reichhaltigste Süßwasserreservoir der Erde ist. Auf der anderen Seite in Port Bajkal wartet unser Zug, der in gemächlichem Tempo die knapp 80 Kilometer entlang des Sees bis nach Sljudjanka rollt. Dieser Abschnitt der Transsibirischen Eisenbahn taugt nicht für den Durchgangsverkehr und steht deshalb exklusiv den Touristenzügen zur Verfügung. Wer will, darf gegen einen Obolus für den Lokführer ein Stückchen auf der Lokomotive mitfahren, um den unverstellten Blick auf den See und die reiche Vegetation zu genießen und natürlich zu fotografieren.

    Picknick mit Gesangseinlagen

    Dann stoppt der Zug, und während die Küchenhelfer des „Zarengold“ auf der Wiese ein üppiges Picknick aufbauen, nehmen die Touristen den See direkt in Augenschein – und nicht nur das. Zwar hat Olga gescherzt: „Für den See brauchen Sie eine Pelzbadehose“, doch die Mutigsten wagen ein paar Schwimmzüge im rund 13 Grad „warmen“ Seewasser und werden von der Reiseleitung mit einem Glas Wodka und einer Urkunde belohnt. Für uns andere, die höchstens mal die Füße reingehalten haben, gibt’s nichts.

    Beim Picknick kommen sich die Zuggäste aus verschiedenen Waggons näher, der eine oder andere zeigt, was er bei der Wodkaprobe gelernt hat, und alsbald findet unter Olgas Leitung eine Gesangsgruppe zusammen, die zu den Klängen einer Ziehharmonika seelen- und sehnsuchtsvolle russische Volkslieder zum Besten gibt. Andreas, unser Berliner, kennt aus seiner DDR-Vergangenheit auch das eine oder andere Stückchen und singt aus voller Kehle mit. Die Szene verwandelt sich schnell in eine ausgelassene Party, die Franzosen stimmen „Frère Jacques“ an, wir Deutschen kontern mit „Kein schöner Land in dieser Zeit“. Der Wodka befeuert die Sangeslust, fast wirkt es, als wollten die Sänger, die Tänzer und die Zuschauer angesichts der Nachrichten, die uns bruchstückhaft, aber deshalb nicht weniger verstörend aus Nizza und München, aus der Türkei und den USA erreichen, ein Zeichen setzen für Menschlichkeit, Toleranz und Verständnis: Wir sind alle von derselben Sorte, auch wenn wir verschiedene Lieder singen.

    Entschleunigt und entspannt steigen wir am Morgen in Ulan Ude aus dem Zug, dort, wo Russland buddhistisch ist. In der Hauptstadt der Republik Burjatien fühlen wir uns endgültig in Asien angekommen, die Burjaten sind den Mongolen verwandt und pflegen die religiösen Bräuche des Fernen Ostens. Hier lächeln fast alle, die Buddha-Statuen sowieso, und sogar Lenin, obwohl nur der überdimensionierte 42 Tonnen schwere Kopf des Revolutionärs das Podest auf dem Sowjet-Platz ziert. Die Ganzkörperstatue des Revolutionärs, so wird erzählt, erwies sich nach der Fertigstellung als zu schwer für den Transport. Lose Zungen lästern, die Mongolen hätten schon früher ihren Feinden gern den Kopf vom Rumpf getrennt.

    Als wir kurz hinter Ulan Ude nach Süden abbiegen, in Richtung Mongolei, und damit die traditionelle Transsibirische Route verlassen, haben wir etwas mehr als 5600 Kilometer zurückgelegt. Bis Wladiwostok, zum Endziel der Transsibirischen Eisenbahn, von wo es nur ein Katzensprung nach Japan ist, sind es noch mehr als 3500 Kilometer. Buddhismus und Schamanismus prägen auch die Mongolei, die auf etliche Mitreisende schon im Vorhinein die größte Anziehungskraft ausgeübt hat. Die Hügel wirken aus dem Busfenster und auch aus der Nähe betrachtet wie mit grünem Samt überzogen, Yak-Herden grasen friedlich, ziehen sich aber vornehm zurück, wenn ein Touristenbus mit fotowütigen Passagieren stoppt.

    Die Rache des Dschingis Khan

    Dem kleinen Land zwischen den Giganten Russland und China, „wie ein rohes Ei zwischen Mühlrädern“, sagen die Einheimischen, blieb im Kalten Krieg nichts anderes übrig, als sich dem sowjetischen Lager anzuschließen. Die Mongolen empfanden es vor allem als Demütigung, dass sie in ihrer „Volksrepublik“ 40 Jahre lang über ihren größten Helden schweigen mussten. Dschingis Kahn, dessen eroberungswütige Reiterhorden im 12. Jahrhundert Angst und Schrecken über Asien und Europa brachten und das größte Weltreich der Geschichte errichteten, nimmt heute lautstark Rache. Wirklich allem, was die Mongolen für bemerkenswert halten, drücken sie den Namen Dschingis Khan auf, seine überlebensgroße Statue auf dem zentralen Suchbataar-Platz lässt Lenin und die Zaren vor Neid erblassen. Auch der Hut, den ich unterwegs in einer Souvenir-Jurte erstehe, heißt natürlich Dschingis.

    Nach dem Ende des Sowjetreiches taumelte das Land, in dem drei Millionen Menschen und 57 Millionen Tiere leben, am Abgrund und überlebte nur dank hergebrachter Traditionen: „Die Nomaden haben uns gerettet, weil sie für die Nahrung sorgten“, erzählt unsere mongolische Reiseleiterin, „ohne sie hätten wir die große Umwandlung nicht geschafft.“

    Auf dem Land, wo auch heute noch jeder vierte Mongole als Nomade lebt, scheint die Zeit stillzustehen. Mit ihren Herden aus Pferden und Yaks wechselt eine Nomadenfamilie viermal im Jahr den Standort, die schulpflichtigen Kinder leben im Internat oder bei der Oma, außer in den Ferien. Im Nomadenzelt geht es eng zu, vor allem im kalten Winter, jeder Gegenstand hat seinen festen Platz, vor allem der Ofen, den die Hausfrau in Betrieb hält. Alle zwei Stunden muss die Nomadenmama auf die Wiese, Stuten melken. Die säuerliche Milch wird getrunken und zu Hartkäse verarbeitet, wir dürfen auch probieren. Für europäische Gaumen gewöhnungsbedürftig, aber Hauptsache, es macht satt.

    Doch vom Kapitalismus bleibt niemand verschont, auch die Mongolei sucht verzweifelt nach einem Platz in der globalisierten Welt. In den vergangenen Jahren haben Zehntausende Mongolen ihre Jurten zusammengepackt und sind zur Hauptstadt gezogen. Heute lebt jeder Dritte der drei Millionen Mongolen in Ulan Bataar, die Stadt ist von Jurtensiedlungen umgeben. Im Zentrum der Stadt verdrängen protzige Glaspaläste und gesichtslose Wohnsilos die traditionellen Gebäude, das größte Kaufhaus bietet auf sieben Etagen dicht gedrängt all die Waren, die kein Mensch braucht. Und ein Mongole schon gar nicht. „Wir bauen so viele Banken, dabei haben wir selbst kein Geld“, meint unsere Reiseführerin Tumee.

    Wir sind jedenfalls nicht traurig, als wir die berstende Hauptstadt im Bus verlassen, um die Nacht in einem Jurtencamp in den Bergen zu verbringen. Ich teile mir ein Zelt mit Sandro, meinem jungen Rauchkumpan aus der Schweiz, zwei Betten aus dem Billigmöbelhaus, ein Tischchen, ein paar Kleiderbügel, die Planen lassen wenig Nachtkälte herein. Spät sitzen wir noch für eine oder zwei Zigaretten draußen und genießen die Stille. Nur gedämpfte Schnarchgeräusche aus den Jurten und ein paar Hunde, die den hell strahlenden Vollmond am wolkenlosen Himmel anbellen – da fällt das Schweigen leicht.

    Zauberhafter Kehlkopfgesang

    Beim letzten Abendessen im Zug lauschen wir einem leibhaftigen Kehlkopfsänger, angeblich der berühmteste in der ganzen Mongolei, dessen zauberhafter mehrstimmiger Gesang begleitet von einer Pferdekopfgeige Töne und Melodien erzeugt, die mit den uns bekannten so gar nichts gemein haben.

    Einige Mitreisende haben statt der Weiterfahrt nach China eine Rundreise durch dieses faszinierende Land gebucht – ein weise Entscheidung. Die folgende Nacht ist unsere letzte im „Zarengold“. Zum Sonnenaufgang stoppen wir in der Wüste Gobi, wo es Sand und Kamele zu fotografieren gibt. Wir schauen uns an: „Mensch! Wir in der Wüste Gobi!“

    Dann gibt’s ein letztes Frühstück an Bord, ehe wir den Zug verlassen, der uns für zehn Tage zum Zuhause geworden ist, uns schweren Herzens von Olga verabschieden und zu Fuß ins Reich der Mitte einmarschieren. Dort warten komfortable Reisebusse statt des chinesischen Sonderzugs, den die Regierung kurzfristig für eigene Zwecke abgezogen hat, und bringen uns nach Peking, im Sommer wahrscheinlich die größte bewohnte Sauna der Welt, wo wir weitere touristische Heldentaten zu vollbringen haben. Aber das, würde Konfuzius sagen, ist eine andere Geschichte.

    Von unserem Redakteur Stefan Kieffer

    Anreise: Der Flug von Frankfurt oder München bis Moskau ist in den meisten Reiseangeboten enthalten.

    Angebote: Die beschriebene Reise mit dem „Zarengold“, die vom Veranstalter Lernidee durchgeführt wird ( www.lernidee.de), können Sie auch bei RZ-Reisen buchen ( www.rz-leserreisen.de). Hier ist für Abonnenten dieser Zeitung das Ausflugspaket Moskau kostenlos. Auskünfte über Reisetermine und Preise erteilt das RZ-Reisebüro, Telefon 0261/1000-400.

    Reisen mit der Transsibirischen Eisenbahn bieten auch andere Veranstalter an, so zum Beispiel Go East Reisen ( www.go-east.de). Dort können Sie mit dem Sonderzug „Katharina die Große“ fahren, aber auch individuelle Reisen beispielsweise mit russischen Regelzügen zusammenstellen. Auch bei www.knopreisen.de und bei www.ameropa.de finden Sie entsprechende Angebote.

    Beste Reisezeit: Juni bis August

    Unser Autor ist gereist auf Einladung von Lernidee.

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