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    Kleinkalibergewehr statt Regenschirm

    Alles fing an mit ein paar Glasflaschen, einem Regenschirm und einem Paar Inlineskates. Ich war zehn Jahre alt und das heimische Wohnzimmer war mein Biathlon-Stadion. Ich lag auf einer Strandmatte und zielte mit einem langen Regenschirm auf fünf Glasflaschen, die ich dort in einer Reihe aufgestellt hatte. Der Schirm zuckte vor und zurück, fiel eine Flasche um, jubelten meine Eltern, blieb sie stehen, quittierten sie dies mit einem enttäuschten „Ohhh“. Für jede Flasche, die stehen blieb, musste ich eine Strafrunde um den Wohnzimmertisch drehen.

    Foto: cno

    Als ich am Schießstand im österreichischen Seefeld auf dem kalten Boden liege, wünsche ich mir irgendwie die Glasflaschen herbei. Die Waffe liegt unbequem an meiner Wange, die Zielscheiben wirken unverschämt klein beim Blick durch den Diopter. 50 Meter trennen mich und die schwarzen Scheiben am Ende der Bahn elf, und ich muss zugeben: Ich dachte immer, das Visier vergrößert das Ziel für die Biathleten. Heute weiß ich zum ersten Mal, wie anspruchsvoll dieser populäre Sport wirklich ist.

    „Der Reiz von Biathlon besteht darin, dass es sich um zwei Sportarten handelt, die eigentlich nicht zusammengehören“, so beschreibt es mein Trainer Arvis Robalds. Der gebürtige Lette muss es wissen, er war selbst Biathlet. In der vierten Klasse fing er an, schoss und lief bis er 22 Jahre alt war. Nach eigenen Worten verpasste er die Teilnahme an den olympischen Spielen nur knapp. Wirklich traurig scheint er darüber nicht zu sein: „Als Spitzensportler muss man auf viel verzichten. Training. Regeneration – das müssen alle aus dem Umfeld mitmachen.“ Und Biathlon als Hobby sei vor allem eines: teuer. Eine Standardwaffe kostet rund 3000 Euro. Munition ist auf die Dauer auch nicht gerade billig. Deshalb zeigt Robalds nun anderen, wie sie ihr Geld verpulvern können.

    Als Trainer der Cross Country Academy in Seefeld gibt er Interessierten wie mir Einblick in den Biathlon-Sport. Bisher kannte ich den Sport nur vom Zuschauen im Fernsehen und einem Stadionbesuch in Oberhof, der sich dank zweistelligen Minustemperaturen quasi in mein Gedächtnis „gefroren“ hat. In Seefeld zeigt das Thermometer auch fast zweistellige Grade – allerdings im Plusbereich. Es hat seit Wochen nicht mehr geschneit, im niedriger gelegenen Umland dominiert schon das Grün. Doch die Pisten und weitläufigen Loipen auf dem Plateau sind immer noch weiß. Der Schnee ist essenziell für die Vermarktung der Tourismusregion Seefeld. Bereits im September werden die ersten Loipen gespurt, wie ich bei einer Sternenwanderung erfahren konnte. Als wir im Taschenlampenlicht durch den verschneiten Wald im benachbarten Mösern stapften, verriet uns der Guide das Geheimnis des frühen Schneespaßes. Das kostbare Weiß wird in Schneelagern über den Sommer gebracht. Versteckt im Wald, wo die Sonne kaum hinkommt und mit einer Decke aus Holzhackschnitzeln bedeckt, sollen nur 10 Prozent des Schnees verloren gehen. So bekommt der Spruch „Alles Schnee von gestern“ eine ganz neue Bedeutung.

    Um auf dem übersommerten Schnee ihre Runden zu drehen, kommen Sportler aus halb Europa nach Seefeld. Darunter auch viele Biathleten, wie beispielsweise die deutsche Medaillienjägerin Laura Dahlmeier. 2019 findet die Nordische Skiweltmeisterschaft in Seefeld statt, worauf unter anderem eine große, rot leuchtende Anzeige in der Ortsmitte hinweist und die verbleibenden Tage bis zum Event runtergezählt. Ich selbst habe erst einmal auf Langlaufskiern gestanden, zum ersten mal in meinem Leben versuche ich mich jedoch in der im Biathlon mittlerweile üblichen Skating-Technik. Während sich bei den klassischen Skiern eine aufgeraute Fläche auf der Unterseite findet, hat der Skatingski von oben bis unten eine glatte Fläche. Im Gegensatz zum klassischen Langlauf kommt es beim Skaten viel auf das Gleiten an. Statt in vorgefertigten, parallel laufenden Spuren bewegt man sich auf einer freien, plattgewalzten Schneebahn. Zu Beginn lässt mich mein Langlauftrainer jedoch in der Spur üben – allerdings immer nur mit einem Bein, während ich mich mit dem anderen an die Schritttechnik herantaste. Was dort noch gut klappt, stellt sich ohne die helfende Spur als mühselige Arbeit heraus. Weder meine Inlineskating- noch Schlittschuherfahrung helfen dabei. Gleiten und der richtig terminierte Stockeinsatz ist Übungssache und definitiv nichts, was man ohne Vorkenntnisse in zwei Stunden lernen kann.

    Dementsprechend abgekämpft stehe ich nach einer rutschigen Fahrt schließlich mit Arvis Robalds am Schießstand. Mein Puls dürfte ähnlich hoch sein, wie der der Biathleten, die ins Stadion kommen. Erstaunlicherweise erklärt mir Robalds, dass ein höherer Puls sogar wünschenswert ist: „Ist er zu niedrig, dann spürt man jeden Herzschlag, die Waffe wippt auf und ab“. Fünf Scheiben, fünf Schüsse mit Bleimunition. Im stehenden Anschlag beträgt die Trefferfläche 115 Millimeter, im liegenden Anschlag 45 Millimeter. Ich ziele, betätige den Abzug und spüre kaum einen Rückstoß. Ein Knall sagt mir, dass der Schuss sein Ziel gefunden hat: die erste Scheibe wechselt von schwarz auf weiß. Nachladen. Anvisieren. Treffer. Doch als ich bei der vierten Scheibe angekommen bin, sind plötzlich alle wieder schwarz. „Tja, das passiert, wenn man so langsam schießt“, sagt Robalds und grinst. Das nächste Mal also etwas schneller. Im Liegendanschlag treffe ich nun drei von fünf Scheiben. Der stehende Anschlag ist jedoch etwas ganz anderes: Präzisionsschießen und Reaktionsschießen, erklärt mir Robalds den Unterschied: „Wenn du stehend im Ringkorn etwas Schwarzes siehst, drückst du ab“. Ich versuche, seinem Rat zu folgen. Die Scheiben tanzen vor meinen Augen auf und ab, Stillhalten ist unmöglich. 500 Gramm Abzugsgewicht. Ich feuere einen Schuss nach dem nächsten ab, bis das Magazin leer ist. Immerhin ein Treffer. Doch das bedeutet: vier Strafrunden à 150 Meter. Ich blicke seufzend hinab auf meine Skating-Ski und stoße mich unbeholfen mit den Stöcken ab. Die Runden um den Wohnzimmertisch gingen irgendwie schneller vorbei.

    Von unserer Redakteurin Christina Nover
     

    Wissenswertes für Reisende:

    Anreise:
    Seefeld in Tirol liegt etwa zehn Kilometer entfernt von der deutschen Grenze und ist gut mit dem Auto und dank ICE-Anschluss auch mit der Bahn zu erreichen. Der nächstgelegene Flughafen befindet sich im nahe gelegenen Innsbruck. 


    Zielgruppe:
    Eine Reise nach Seefeld eignet sich vor allem für Freunde des Wintersports – insbesondere für Langlauf-Fans.

Beste Reisezeit: Winter: Oktober bis Februar

    Unsere Ausflugstipps:

    • Ein Besuch der 2,5 Kilometer langen Naturrodelbahn Hoher Sattel bei Leutasch und anschließende Einkehr im Naturwirt
    • Pferdeschlitten-/Kutschfahrt um den Seefelder Wildsee
    • Sternenwanderung im Schnee rund um das „Friedensdorf“ Mösern, in dem es unter anderem die größte Glocke von Tirol zu bestaunen gibt
    • Beim Snow-Rafting der Skischule Seefeld geht es mit einem Schlauchboot eine steile Piste hinunter.
    • Fahrt mit der Seefelder Bergbahn zur Rosshütte und zum Seefelder Joch (2080 Meter) mit Panorama

    Unsere Autorin hat übernachtet im Hotel Eden in Seefeld.
    Diese Reise wurde unterstützt von Tirol Werbung.

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