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    Insel Jersey: Wo die Kartoffeln in der Steillage wachsen

    Für jeden Anrainer von Rhein und Mosel und erst recht für einen Westerwälder ist es unfassbar: In Großbritannien sind die Kartoffeln von Jersey so begehrt, dass sie dort sogar in Steillagen angebaut werden. So wie sonst nur der Wein! Oberhalb des sehenswerten Hafenörtchens Gorey, über dem auf der anderen Seite der Bucht das Mont Orgueil Castle thront, gibt es zum Beispiel solche Steiläcker, die die Insulaner Côtils nennen. Dort treffen wir William Church. Er ist mittlerweile im Vereinigten Königreich ein bekannter Fernsehstar – dank Lidl und den Kartoffeln namens Jersey Royals.

    Mächtig thront auf der Kanalinsel Jersey das Mont Orgueil Castle über dem idyllisch in einer geschützten Bucht gelegenen Hafenörtchen Gorey. Auf den Feldern links werden in Steillage die berühmten Jersey Royals angebaut. Nach prächtigem Gedeihen in geschützter, sonnenreicher Lage landen die Kartöffelchen dann direkt in den Restaurants am Kai auf dem Teller. 
    Mächtig thront auf der Kanalinsel Jersey das Mont Orgueil Castle über dem idyllisch in einer geschützten Bucht gelegenen Hafenörtchen Gorey. Auf den Feldern links werden in Steillage die berühmten Jersey Royals angebaut. Nach prächtigem Gedeihen in geschützter, sonnenreicher Lage landen die Kartöffelchen dann direkt in den Restaurants am Kai auf dem Teller. 
    Foto: Markus Müller

    Denn auch der Discounter hat den Wert des Exportschlagers der Kanalinsel erkannt und mit dem Chef des größten Produktionsunternehmens einen Werbefilm gedreht, bei dem der Steillagenanbau demonstriert wird.

    Flut schwemmt den Dünger an

    Viele Erzeuger der Jersey Royals, für die die Setzkartoffeln schon im Januar in die Erde gebracht werden, verwenden zur Düngung ihrer Felder auch heute noch das von der auf der Insel bis zu zwölf Meter hohen Flut angeschwemmte Seegras, das sogenannte Vraic. Es wird am Strand gesammelt und auf die Felder gebracht. Dieser etwas archaischen Düngemethode steht die Ernte der Kartoffeln auf den recht klein parzellierten Äckern entgegen. „Diese wird, weil die Frühkartöffelchen nicht lange haltbar sind, mit riesigen Vollerntern aus Deutschland und Arbeitern aus Osteuropa vollzogen“, berichtet William Church. Am besten schmecken die frischen Kartöffelchen dann aber direkt unterhalb der Felder in den Restaurants am Kai von Gorey – natürlich serviert mit fangfrischem Fisch. Beides hat selbstverständllich seinen Preis.

    Neben der Vorliebe für die Kartoffel haben die Leute von Jersey noch eine andere interessante Beziehung zu uns Deutschen und dokumentieren das allenthalben (sogar auf der offiziellen Touristikseite im Internet, obwohl die historischen Gegebenheiten eigentlich gar nicht so schön waren): Die Kanalinseln waren der einzige Teil der Britischen Inseln, der im Zweiten Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht besetzt war. Die fünfjährige Besatzungszeit endete am 9. Mai 1945. Obwohl der Liberation Day immer noch alljährlich gefeiert wird, sehen die Insulaner offenbar die deutsche Besatzungszeit vor wenigen Jahrzehnten viel weniger dramatisch als die durch die Franzosen vor Hunderten von Jahren. Hitlers Auftrag hieß, die Insel zu einer uneinnehmbaren Festung auszubauen. Spuren dieser Befestigungen aus der Besatzungszeit sind noch heute auf der Insel zu finden, besonders in der St. Ouen’s Bay. Ein eindrucksvolles, fast futuristisch wirkendes Beispiel dieser deutschen „Bunkerbaukunst“ an der Küste ist der hohe und mächtige Beobachtungsbunker MP3.

    Vorfahrt für Wanderer und Radler

    Aber heutzutage geht es auf der Insel friedlich zu. Dazu tragen die insgesamt rund 80 Kilometer „Green Lanes“ bei. Dies sind kleinere Straßen, auf denen eine Höchstgeschwindigkeit von 24 Kilometern pro Stunde gilt und Wanderer, Fahrradfahrer und Reiter Vorfahrt haben. Das funktioniert meist gut, wenn da nicht gerade mal eine breite Nobelkarosse meist deutscher Produktion vorbeikommt. Und davon gibt es auf Jersey dank vieler reicher Leute im Steuerparadies mit eigenem Geld und eigenen Briefmarken doch reichlich.

    Einer der Jerseyaner, der bestimmt genug Geld hat, aber nicht viel Aufhebens darum macht, ist Vincent Obbard, aktueller Seigneur de Samarès, also Lord, der im Samarès Manor im Südosten der Insel residiert. Gerade kommt der 71-jährige Jurist mit einem prächtigen Pferd über den Hof seines kleinen Schlosses. Gern nimmt er uns mit in seine kleine Ausstellung landwirtschaftlicher Geräte, deren Verwendung er mit viel Leidenschaft erklärt, bevor er uns in die Begleitung einer Führerin entlässt, die uns durch seine kleine, aber prächtige Residenz führt.

    Die wahre Pracht beginnt dann aber hinter dem Herrenhaus: Gleich hinter einem Durchgang öffnet sich nicht nur einer der artenreichsten Kräutergärten Europas, sondern ein botanischer Garten, der bestens in die umgebende Landschaft integriert ist und von einem farbenprächtigen japanischen Garten ergänzt wird. Und wenn man die unzähligen Apfelbäume der unterschiedlichsten Sorten sieht, versteht man auch, wozu die riesige Saftpresse im Wirtschaftshaus von Samarès Manor einst gut war und einmal im Jahr immer noch ist.

    Auch Jerseys Black Butter, ein mehr oder weniger köstlicher Brotaufstrich, den aber die rund 100.000 Inselbewohner lieben, wird aus Äpfeln hergestellt. Noch beliebter aber sind Milch und die daraus hergestellte Butter des berühmten Jersey-Rindes, das als eine der ältesten Rinderrassen der Welt und als die schönste Kuh schlechthin gilt. Wer sich davon überzeugen will, muss nur Milchbauer Andrew Le Galais auf der Cawley-Farm besuchen. Auf grünen, fast parkähnlichen Weiden mit altem Baumbestand grasen rund 250 dieser kleinen honiggelben Kühe mit dem freundlichen Gesicht, die eine überaus fett- und eiweißreiche Milch geben. „In der Milch ist nur Sonnenschein und Gras drin“, lacht der Landwirt. „Klar, dass die Leute alle Speiseeis, Karamellbonbons und Schokolade daraus machen.“

    Roger Noel kennt seine Insel

    Aber machen wir uns mit dem kenntnisreichen Roger Noel von „Jersey uncovered“ auf eine letzte große Runde über die knapp 120 Quadratkilometer große Insel mit ihren sonnigen Stränden im Süden und imposanter Steilküste im Norden. Roger führt uns zu den Jersey-Türmen, die fast die gesamte Küste säumen, zu einem Naturschutzgebiet, wo einzigartige Orchideen blühen und der Marsh Harrier, die Rohrweihe, kreist; zur Kirche von St. Brelade und der kleinen Fischerkapelle; zu einem alten deutschen Bunker, in dem es heute Hummer und Austern gibt.

    Ja, und da wäre dann noch der passende Schlusspunkt: Ein Besuch auf dem 1827 eröffneten Green Street Cemetery in der Inselhauptstadt St. Helier. Der alte Friedhof ist wirklich eine grüne Lunge in der umtriebigen Stadt. Beim Spaziergang zwischen den fast überwucherten alten Grabsteinen könnte man fast vergessen, dass man sich auf einem noch genutzten Begräbnisplatz befindet, der Generationen von Stadtbewohnern als letzte Ruhestätte dient. Die Erinnerung an die Vorfahren halten die Inselbewohner noch auf ganz andere Art aufrecht: mit Ruhebänken, die den Verstorbenen gewidmet sind und das auf kleinen Schildern dokumentieren. An einem runden Geburtstag des Verstorbenen steht da auf der Bank ein Blumenstrauch in einer Blechdose. Auch ein schöner Brauch!

    Von unserem Redakteur Markus Müller
     
    Wissenswertes für Reisende:
    Anreise: Jersey und die Nachbarinsel Guernsey sind direkt samstags von Düsseldorf aus zu erreichen. Von dort und weiteren deutschen Flughäfen gibt es Verbindungen über englische Flughäfen wie London oder Manchester. Eine Autofähre fährt ab St. Malo/Frankreich.

Beste Reisezeit: Frühjahr bis Herbst. Die Kanalinsel ist die sonnenreichste Großbritanniens.
    Unsere Ausflugstipps:
    Jersey Zoo des englischen Autors („Meine Familie und anderes Getier“) und Forschers Gerald Durrell
    Festung Elisabeth Castle vor St. Helier, nur bei Ebbe oder mit dem Amphibienfahrzeug zu erreichen

    Unser Autor ist gereist mit Flybe und hat übernachtet im Beausite Hotel in Grouville. Diese Reise wurde unterstützt von Visit Jersey.

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