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    Hinter den Kulissen der Salzburger Festspiele: Die Rädchen der Festspielmaschinerie

    Hinter den Kulissen der Salzburger Festspiele verbirgt sich ein ganzer Kosmos. Unsere Reporterin hat einen Blick hinter den Vorhang gewagt und herausgefunden, wie viel Arbeit und Schweiß in den Produktionen der berühmten Sommerspiele stecken.

    Von unserer Reporterin Marta Fröhlich

    Salzburg ist eine eitle Diva - mal strahlend opulent, mal regnerisch verstimmt. Doch eines kann die österreichische Stadt nie lassen: Sie funkelt unentwegt - jetzt in der Festspielsaison noch viel mehr. Es scheint, als würden die goldenen Kugeln, die die Kirchentürme der Stadt zieren, zur Sommerzeit auf Hochglanz poliert. Salzburg putzt sich regelrecht heraus für die Tausenden Besucher, die in die Stadt an der Salzach pilgern, um die hohen Künste zu bestaunen. Wenn wallende Roben und feine Fräcke über die berühmte Hofstallgasse hinwegschweben und durch die Glastüren der Festspielhäuser schlüpfen, wenn sich das Champagnerglasklirren zur Premiere im Foyer am Marmor bricht, die samtbestückten Klappsessel besetzt werden - erst dann kehrt in den Festspielwerkstätten das erste Mal nach einem Jahr wieder so etwas wie Ruhe ein. Denn hinter dem Opern- und Schauspielzirkus verbirgt sich im Fels des Mönchsbergs - einer der drei Stadtberge Salzburgs - eine um ein Vielfaches größere Welt. Ein Kosmos, der die Aufführungen auf den elf Bühnen bis über die Stadtgrenzen hinaus erst möglich macht. Ein Kosmos geprägt von Fleiß und Arbeit.

    Steht der Besucher vor der größten der elf Bühnen im Großen Festspielhaus, schaut über die Sitzreihen aus Samt und Holz hinweg auf den von einem 34 Tonnen schweren eisernen Vorhang umrahmten Guckkasten, ahnt er kaum, welche Dimensionen sich dahinter auftun. Der Blick von der Bühne hinauf in den Schnürboden stößt auf 155 Zugeinrichtungen, an denen Kulissen auf die Bühne gelassen werden können. Hinter der Bühne, vorbei an Scheinwerfern, Kabeln, Stromkästen und einem zehn Meter hohen Skelett für eine aktuelle Produktion, steht der Besucher vor einer unscheinbaren, grauen Tür.

    Alle Gewerke einer Stadt vereint

    Dahinter verbirgt sich ein Katakombenlabyrinth, das nur durchdringt, wer den Festspielmythos lebt. Wie Ulla Kalchmair. Die Pressechefin arbeitet seit Jahrzehnten für die Salzburger Festspiele, liebt den Trubel, der hinter den Kulissen herrschst, wenn die Saison so richtig anläuft - wie in einem überdimensionalen Bienenstock. "Diese Welt, abgeschieden von dem, was da draußen passiert, packt einen einfach. Entweder man lebt dafür, oder man kann es lassen", sagt sie und eilt durch die engen Gänge, vorbei an tropfnassen Felswänden. "Wir haben hier alle Gewerke, die eine Stadt sonst am Laufen halten, in einem Haus. Uns fehlt es hier an nichts. Doch, eines fehlt: ein Bäcker", lacht sie.

    Als Ulla weitersprechen will, wird es plötzlich laut. Eine Säge fällt ihr ins Wort, und wir finden uns in einer Pfütze von Spänen wieder. In der Tischlerei entsteht gerade das Bühnenbild für die aktuelle "Faust"-Oper. Zollstöcke klappern, Bleistifte fliegen über riesige Platten, 15 Meter breite Kulissen stellen sich uns in den Weg, es riecht nach Holz und Verbranntem. Nebenan fliegen die Funken an Metallrohren. Wenig Glanz, mehr Fabrikcharme.

    Schweißen, sägen, schrauben: eigentlich unterscheidet sich die Arbeit bei den Salzburger Festspielen nicht von der in einer gewöhnlichen Werkstatt. Und doch - egal, wen man auch in diesem Mikrokosmos fragt, die Antwort ist immer gleich: Es ist etwas sehr Besonderes. Jede Festspielsaison, jede Woche, jeder Tag ist anders.

    Auch in der märchenhaften Welt der Schneiderwerkstatt: Unzählige Kisten und Kistchen, bestückt mit Perlen, Knöpfen, Garnrollen, Nadeln, füllen deckenhohe Regale. Wie Armeesoldaten in Gläsern stehen Dutzende Scheren an einer Durchreiche zum nächsten Raum aufgereiht, warten auf ihren Einsatz. An ein paar von ihnen ist der Metallbeschlag am Griff bereits leicht abgeplatzt. Hinter Bügeln mit perlenbestickten Kleidern und Plusterröcken, an denen kaum leserlich beschriftete Zettel baumeln, lugt eine Mitarbeiterin hervor.

    Wie ein Arzt sein Stethoskop hat sie ihr Maßband um den Hals gelegt und grüßt freundlich. Rasch beugt sie sich jedoch wieder tief über ihre Nähmaschine, sie arbeitet an einem aufwendigen Kleid. Ein leises Klackern des Pedals, ein Surren, und schon eilt die Nähnadel mit Tempo über den Stoff, tanzen die bunten Fäden über den Kopf der Schneidermeisterin hinweg. Ein prüfender Blick - zufrieden schnippt sie die losen Fäden ab. "Ich arbeite seit 15 Jahren hier. Und ich liebe es. Der Job ist sehr anspruchsvoll, aber auch sehr abwechslungsreich", erzählt sie.

    Die meisten fest angestellten Mitarbeiter der Werkstätten haben eine klassische Lehre hinter sich, viele mussten jedoch auch einen Meistertitel vorweisen. "Und man muss diesen Zirkus lieben. Wir haben ja praktisch keinen Sommer. Dann ist hier Hochsaison, und es gibt genug zu tun. Wir müssen alle anziehen, die auf den Bühnen stehen - vom Schauspieler des Einmannstücks bis zum Chor mit 100 Personen. Da muss man flexibel sein und die Vorstellungen der Regisseure und Kostüm- oder Bühnenbildner umsetzen. Kreativität schadet da nicht", bekräftigt die Schneiderin.

    Baumarkt als Requisitenquelle

    Das stellt auch die Hutmacherin der Festspiele unter Beweis. Zu ihrem Arbeitsfeld gehört das Anfertigen von Kopfschmuck aller Art, von Perücken über Hüte bis hin zu Masken und Fascinators. Schon am frühen Morgen hat sie die Utensilien für ihre Requisiten eingekauft. Wo sie so etwas bekommt? Im Baumarkt. Die Kassiererin ahnte sicher nicht, wofür ihre Kundin das Material aus Sanitär- und Baustoffbereich wohl brauchen würde.

    Ein paar Gänge weiter im Katakombenlabyrinth schleudern Waschmaschinen um die Wette. Filmplakatgroße Farbkarten und Stoffmuster geben einen Blick auf die bunte Farbwelt des Theaters frei. Hunderte Flaschen und Töpfe füllen bunt beschmierte Regale. Es riecht nach Terpentin und Waschmittel. Hier werden Stoffe für Bekleidung oder Requisite eingefärbt. Sogar Kunsthaar bekommt hier einen neuen Anstrich.

    Kaum ein Kostüm, das auf den Bühnen getragen wird, kann einfach so von der Stange eingekauft werden. Denn die Kleidung muss perfekt sitzen, mehreren Dutzend Aufführungen standhalten. "Das ist richtige Arbeitskleidung", erklärt eine Mitarbeiterin, die gerade ein barockes Robenungetüm auf eine Kleiderstange im Fundus wuchtet. "Wenn die Darsteller die Sachen häufig tragen, damit über die Bühne tanzen oder die Kleidung nach jeder Aufführung gewaschen werden muss, das muss halten. Da reicht es nicht, dass so ein Kleid aus 20 Meter Stoff nur gut aussieht." Bei circa 40 Produktionen allein für die Sommerfestspiele eines Jahres kommt da ganz schön was zusammen. Denn die meisten Kulissen und Kostüme werden aufbewahrt - und das seit den Gründerjahren um 1920.

    Damals hob der Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal gemeinsam mit Max Reinhardt und Richard Strauss die Salzburger Festspiele aus der Taufe, mit der Vision, einmal im Jahr die Stadt zur Bühne zu machen. "Die Atmosphäre von Salzburg ist durchdrungen von Schönheit, Spiel und Kunst", schwärmte Max Reinhardt einst. Heute, nach 96 Jahren Betrieb, platzt der hausinterne Fundus an der Hofstallgasse längst aus allen Nähten. Deshalb haben die Festspielmacher mehrere Hallen innerhalb und außerhalb der Stadt angemietet, in denen Unmengen an Kleidern, Requisiten und Kulissen lagern.

    Das Horten lohnt sich: Für eine aktuelle Produktion wurde ein Schwert gesucht. Da fiel einem langjährigen Mitarbeiter ein, man habe noch eines im Fundus - inklusive eines kleinen Details: Das gesuchte Schwert wurde bereits vor 50 Jahren in exakt diesem Stück geschwungen. Welches das war? Das müssen die Zuschauer selbst herausfinden, denn um die Produktionen und deren Inszenierungsdetails hüllt sich vor dem offiziellen Beginn der Festspiele ein dichter Nebel des Schweigens. Eine der vielen kleinen Geschichten, die die Salzburger Festspiele so geheimnisvoll funkeln lassen wie die Kirchtürme ihrer Stadt.

    Wissenswertes für Reisende:

    Anreise: Austrian Airlines und Eurowings fliegen von Köln/Bonn, Airberlin auch von Düsseldorf nach Salzburg. Die Lufthansa fliegt auch von Frankfurt aus.

    Unsere fünf Ausflugstipps:

    • Im Schlosspark Leopoldskron heiraten Paare vor großer Alpenkulisse. Naherholung garantiert. 
    • Wer den Salzburger Kitsch sucht, ist im Schloss Mirabell richtig.
    • Die Katakomben im Klosterkomplex St. Peter stammen bereits aus der Spätantike – sehenswert.
    • Wer Ruhe sucht, findet auf dem St. Sebastiansfriedhof einen Ort zum Durchatmen – und das Mozart-Familiengrab.
    • Kunstinteressierte dürfen das Museum der Moderne im „grauen Legostein“ nicht verpassen. 


    Unsere Autorin ist gereist mit Eurowings und hat im Hotel Amadeus übernachtet. Die Reise wurde unterstützt von salzburg.info

    Auf dem diesjährigen Festspielprogramm stehen Adès' "The Exterminating Angel", Becketts "Endspiel" sowie Konzerte zum 90. Geburtstag von György Kurtág. Die Festspielwerkstätten bieten auch öffentliche Führungen an.Weitere Infos unter salzburgerfestspiele.at

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