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Costa Rica: Der Kaffee stiftet viele Ehen auf den Plantagen

Stirnrunzelnd wendet Adolfo Bello das Blatt des Kaffeestrauchs zwischen den Fingern. Mitten im Dunkelgrün klafft ein gelb-bräunlich umrandetes Loch. "Ojo de Gallo", seufzt er resigniert. Hahnenauge – so heißt ein Pilz, der Kaffeesträucher befällt und den Ertrag der Pflanzen schmälert. Herkömmliche Kaffeebauern bekämpfen ihn mit Pestiziden, doch der Costa-Ricaner hat sich dem biologischen Anbau verschrieben.

Adolfo Bello und seine Frau Isabela (links) leben noch heute mit weiteren Familienmitgliedern in dem Holzhaus, das Adolfos Großvater Juan in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts errichtete.
Adolfo Bello und seine Frau Isabela (links) leben noch heute mit weiteren Familienmitgliedern in dem Holzhaus, das Adolfos Großvater Juan in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts errichtete.
Foto: Martina Koch

Von unserer Redakteurin Martina Koch

Er verwendet auf seiner im westlichen Bundesstaat Guanacaste gelegenen 40 Hektar großen Plantage ausschließlich biologische Mittel, die die Natur nicht belasten, zur Schädlingsbekämpfung – mit wechselndem Erfolg. In diesem Jahr hat das gefürchtete Hahnen-auge die Kaffeesträucher eines kompletten Feldes entblättert. Von Kahlschlag kann auf der Plantage ansonsten keine Rede sein: In den grünen Hügeln mitten im Trockenwald, der sich bis zur Halbinsel Nicoya zieht, wähnt sich der Besucher wie im Paradies. Avocados, Pampelmusen, Macadamianüsse, Kräuter, Gewürze wie Ingwer und Zimt – es gibt kaum etwas, was auf den Feldern der Familie Bello nicht gedeiht.

Dabei war es nicht die ökologische Vielfalt, die Adolfo Bellos Großvater Juan Bello Rodriguez Anfang des 20. Jahrhunderts von Gran Canaria nach Costa Rica lockte. Der Vorfahre wanderte 1919 zu Zeiten des Goldrausches ein. Im Fluss Abangares schürften Glückssuchende aller Länder nach dem Edelmetall, einige wurden dabei reich.

Als die Goldwäscher immer weniger des kostbaren Elements fanden, steckte sich Juan Bello Rodriguez 400 Hektar Land ab, heiratete eine einheimische Frau und begann Landwirtschaft zu betreiben. Zehn Kinder – sechs Jungen und vier Mädchen – gingen aus der Ehe hervor, unter denen Juan Bello seinen Besitz gerecht aufteilte. Adolfo Bello übernahm die 40 Hektar seines Vaters, der dort begann Kaffee anzubauen, und bewirtschaftet sie bis heute. Das niedrige Holzhaus mit der ausladenden Veranda, das sein Großvater 1927 errichtete, bewohnt die Familie bis heute.

Stolz führt der Kaffeebauer die Besucher über sein Land. An einem mit bräunlichen Klumpen befüllten Holzgestell macht er halt. Prüfend lässt er die Masse durch die Hände rieseln. Hier produziert Adolfo Bello seinen eigenen Humus aus Kaffeebohnenschalen und eigens aus den USA importierten Würmern, die die Schalen zersetzen. Drei Kilo Humus braucht ein Kaffeestrauch, solange die Beeren noch jung sind, zum Gedeihen. Auf künstliche Düngemittel kann Adolfo Bello verzichten.

Der Kaffeebauer ist einer von neun unter den 350 Landwirten der Kooperative, der auf biologischen Anbau setzt. Ursprünglich gab es in der Vermarktungsgemeinschaft 32 Biobauern, doch viele sprangen ab – zu unrentabel. Verglichen mit dem konventionellen Anbau, sind die Erträge deutlich geringer.

Umweltgerechter Pflanzenschutz hat auch seine Tücken

Dabei arbeiten die Biobauern mit allen Tricks: Gegen Ungeziefer spritzen Adolfo Bello und seine Kollegen ein Gemisch aus Wasser und dem Extrakt der Engelstrompete, einer Pflanze aus der Familie der Nachtschattengewächse. Dabei müssen sie allerdings Vorsicht walten lassen: Eingeatmet ist die Lösung auch für Menschen giftig und kann zu Wahrnehmungsstörungen bis zur Bewusstlosigkeit führen. "Einmal sprühte ich meine Pflanzen ein und sah auf einmal das ganze Feld auf mich zukommen und sich wieder entfernen. Da habe ich dann eine Pause eingelegt", erzählt Adolfo Bello.

Was die konventionellen und ökologischen Kaffeebauern Costa Ricas eint: Die Ernte der roten Beeren ist hier wie dort Handarbeit. Zur Erntezeit im Dezember haben die Kinder schulfrei, um auf den elterlichen Plantagen auszuhelfen. Aus dem ganzen Land strömen dann die Angehörigen zum Familiensitz der Bellos. Die Kaffeeernte ist keine bierernste Angelegenheit, die Stimmung ist ausgelassen, und es gibt kleine Wettbewerbe, wer seinen Korb am schnellsten mit Kaffeekirschen füllt. Ein geübter Pflücker braucht dafür in der Hauptsaison 25 Minuten.

Viele Ehepaare lernen sich während der Kaffeeernte kennen, erzählt Adolfo Bello: Die Pflücker stehen sich paarweise gegenüber und ernten nach und nach die Reihen ab. Auf diese Art und Weise verbringen sie den ganzen Tag miteinander – und manchmal auch den Rest ihres Lebens. Ob er seine Frau auch auf diese Art und Weise kennenlernte. "Nein, nein", winkt Adolfo Bello ab. Die Frage nach seiner persönlichen Liebesgeschichte sind dem hochgewachsenen stillen Mann sichtlich unangenehm.

Stromausfall funkte dem Paar beim Tanz dazwischen

Seine Ehefrau Isabela klärt die Gäste später beim Plausch auf der Veranda auf: Bei einem samstäglichen Tanz begegnete sich das Paar zum ersten Mal und verbrachte den Abend zusammen. Als dann der Strom ausfiel, lief Isabela erschrocken davon – das Gerede der Nachbarn … Als Adolfo am darauf folgenden Tag auf dem Hof der Familie auftauchte, wurden sie ein Paar. Neun Monate später wurde Hochzeit gefeiert, ihre fünf gemeinsamen Kinder sind inzwischen erwachsen. Auf der Kaffeeplantage arbeitete sich Isabela rasch ein. Mit ihren flinken Fingern erntet sie die kleinen Kirschen "como una máquina" – wie eine Maschine -, erzählt Alfonso stolz.

Es ist ein einfaches Leben, das die Familie auf ihrer Plantage führt, und gleichzeitig mangelt es an nichts. In der Küche wird noch über offenem Feuer in gusseisernen Töpfen gekocht. Eine Bananenstaude baumelt von der Decke, die Familie versammelt sich um den Esstisch.

In eine Staubwolke gehüllt knattert einer der Söhne auf dem Mofa zum sonntäglichen Mittagessen heran. Auf den Tisch kommt, was die Bellos auch ihren Besuchern auf der Veranda servieren: gebratene Bananen mit Sauerrahm, Käse, gefüllte Maisfladen, süßer Maniokkuchen. Und natürlich: Eine Kanne frisch gebrühten Kaffees aus den selbst angebauten Kaffeebohnen.

Wissenswertes für Reisende

Anreise: Iberia fliegt von deutschen Flughäfen aus über Madrid nach San José, Condor fliegt von Frankfurt aus mit Zwischenlandung in Santo Domingo in die costa-ricanische Hauptstadt. Diverse US-amerikanische Fluggesellschaften bieten Verbindungen über die USA an.

Zielgruppe: In Costa Rica kommen Naturliebhaber voll auf ihre Kosten, wer schillernde Metropolen sucht, ist hier aber fehl am Platz.

Beste Reisezeit: Die Trockenzeit dauert von Dezember bis April.

Unsere fünf Ausflugstipps:

  • Bootstour durch den Nationalpark Tortuguero am karibischen Meer
  • Wanderung über die Lavafelder am Vulkan Arenal
  • Canopytour durch den Nebelwald bei Monteverde – mit der Seilbahn durch den Wald zu rauschen, ist für Abenteurer wie Naturliebhaber gleichermaßen spannend
  • Meeresschildkröten am Pazifik bei der Eiablage beobachten
  • Besuch bei den Indianern vom Stamm der Bribri, die Touristen in einfachen Unterkünften Einblick in Alltag und Kultur bieten


Unsere Autorin ist gereist mit der Fluglinie Condor und hat unter anderem im Hotel Belvedere in Sámara übernachtet.

RZ-Reisejournal
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