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    Auf den Spuren des heiligen Franz

    Der Pilgerweg von La Verna nach Assisi führt durchs grüne Herz Italiens. Pilger, die auf dem Franziskusweg unterwegs sind, haben in Klosteranlagen die Möglichkeit, eine Herberge zu finden.

    Von unserer Redakteurin Martina Koch

    Mit einem gütigen Lächeln heißt Pater Francesco die Pilger im Hof der Klosteranlage La Verna willkommen. Es ist ein sonniger, aber frischer Morgen. Der Franziskanermönch schützt sich mit einer Fleecejacke, die er über seinem von einer weißen Kordel zusammengehaltenen Habit trägt, vor dem Wind, der hier auf 1228 Meter Höhe für toskanische Verhältnisse recht ordentlich bläst. Segnend hebt er die Hände für ein kurzes Gebet, dann deutet er den Pilgern an, ihm zu folgen. Schnellen Schrittes läuft er über den Hof, winkt freundlich einer Nonne zu, die unter einem Baum in ihr Smartphone spricht, und klettert behände die steilen Stufen in eine enge Felsspalte hinab.

    Pater Francesco heißt die Besucher in der Klosteranlage im italienischen La Verna willkommen. Pilger, die auf dem Franziskusweg unterwegs sind, haben hier die Möglichkeit, in Schlafsälen zu übernachten, gemeinsam mit den Ordensleuten zu speisen und die Messen mitzufeiern.⋌Fotos: Martina Koch
    Pater Francesco heißt die Besucher in der Klosteranlage im italienischen La Verna willkommen. Pilger, die auf dem Franziskusweg unterwegs sind, haben hier die Möglichkeit, in Schlafsälen zu übernachten, gemeinsam mit den Ordensleuten zu speisen und die Messen mitzufeiern.⋌Fotos: Martina Koch
    Foto: Martina Koch

    Unterhalb der Kapelle der Magdalene ist es deutlich kühler als vor der Basilika. Mit Moos bewachsene Wände ragen senkrecht empor, die hohen Bäume des zur Klosteranlage gehörenden Waldes tun ihr Übriges dazu, dass kein Sonnenstrahl den Boden der feuchten Felsnische erreicht. Hier sind die Pilger ihm, dessen Leben und Wirken sie auf dem Weg in seine Geburtsstadt erkunden werden, zum ersten Mal ganz nahe: Franz von Assisi suchte die unwirtliche Felsspalte beim Besuch der damaligen Einsiedelei La Verna oft auf, um sich zum Gebet zurückzuziehen.

    "Der enge Durchgang zwischen den Felsen erinnerte ihn an die Wunde, die Jesus am Kreuz mit einem Speer zugefügt wurde", erläutert Pater Francesco. Um Jesus in seinem Leid näher zu kommen, wählte Franz von Assisi den abgelegenen Ort im toskanischen Appenin als Rückzugsort aus. Hier errichtete sein Orden bereits zu seinen Lebzeiten die Kapelle Santa Maria degli Angeli, hier soll er der Überlieferung nach im Spätsommer 1224 die Wundmale Jesu empfangen haben.

    Pilger, die sich auf die Spur des Heiligen begeben, aber nicht den kompletten Franziskusweg, der über gut 500 Kilometer von Florenz nach Rom führt, zurücklegen wollen, starten ihre Reise oft in La Verna. Von der mittelalterlichen Klosteranlage aus lässt sich Assisi zu Fuß in acht Tagesetappen erreichen. Knapp 200 Kilometer legen Wanderer dabei zurück.

    Das Interesse an dem Heiligen, der dem väterlichen Reichtum entsagte, um ein Leben als Besitzloser zu führen, steigt. Die Faszination für einen, der die radikale Abkehr von weltlichen Gütern vollzog, wächst in dem Maße, in dem der materielle Überfluss den Alltag vieler Bewohner der westlichen Welt prägt. Dass Jorge Mario Bergoglio 2013 Franziskus als Papstnamen wählte, war ein weiterer kräftiger Impuls für den Pilgertourismus auf der Route von der Toskana über Umbrien bis in die Provinz Lazio.

    In La Verna begegnen die Pilger einem Franz von Assisi, dem die menschliche Gesellschaft oft zu viel wurde und der daraufhin zu beschwerlichen - und zu der damaligen Zeit auch gefährlichen - Touren aufbrach, um sich in die Abgeschiedenheit der Berge zu begeben. Wie streng der Ordensgründer dabei zu sich selbst war, davon zeugt seine Nachtstätte in La Verna: Das "Bett des heiligen Franz" ist eine enge und feuchte Grotte. Hier habe Franz von Assisi auf dem nackten Boden übernachtet und dabei Kissen und Decken verschmäht, heißt es.

    In La Verna begegnen die Pilger auch den Nachfolgern des Heiligen. Als Gäste in den Schlafsälen der Klosteranlage sind sie eingeladen, mit den Mönchen und Nonnen zu speisen, zu beten und über Gott und die Welt zu plaudern. Die Franziskaner, die sich wie ihr Ordensgründer zur Besitzlosigkeit verpflichtet haben, sind nämlich alles andere, als der Welt abgewandt. Wenn abends der Fernseher des Klosters die Nachrichten zeigt, sitzen die Ordensleute und ihre Besucher aus aller Welt einträchtig nebeneinander.

    Morgens sind die Gäste genauso früh auf den Beinen wie ihre Gastgeber: Auf den Pilgerstab gestützt, geht es auf die Etappe von La Verna in Richtung Caprese Michelangelo. Auf schmalen Pfaden wandern die Pilger durch die Wälder am Fuß der Klosteranlage. Laub- und Nadelbäume schützen an vielen Streckenabschnitten vor der rasch aufsteigenden Sonne, an anderen Orten laden weitläufige Wiesen und Weiden zum Picknick ein.

    Wer dem Franziskusweg durch die als "grünes Herz Italiens" bekannte Region Umbrien folgt, erlebt, was Franz von Assisi zu seinem berühmten "Sonnengesang" inspiriert haben mag. In diesem Gebet preist er die Schönheit der göttlichen Schöpfung. Als Würdigung seiner Wertschätzung für die Natur ernannte Papst Johannes Paul II. Franz von Assisi 1979 zum Patron des Umweltschutzes und der Ökologie. Die einzigartige Natur seiner Heimat liegt auch Eugenio Guarducci am Herzen. Doch anders als vielen seiner Kollegen aus der Region, die sich der Pflege der Pilgerwege und dem Andenken Franz von Assisis widmen, denkt der Referent für Kultur und Tourismus der Stadt Assisi weiter: Er plant für 2017 erstmals ein großes Festival mit nationalen und internationalen Künstlern. Diese sollen aber nicht in den Konzerthallen oder auf den Plätzen der Stadt auftreten, sondern an versteckten Orten mitten in der hügeligen Landschaft rund um die Pilgerhochburg. 300.000 Euro soll die Premiere kosten.

    Zu einem Testlauf hat der 53-Jährige Musiker der in Assisi ansässigen Akademie für alte Musik Resonars auf den Monte Subasio, der sich vor den Toren der Stadt bis auf 1290 Meter erhebt, eingeladen. "Das ist ein Ort, den kennen selbst viele Menschen nicht, die in Assisi leben!", erklärt er mit Entdeckerstolz auf der holprigen Fahrt über mit Schlaglöchern übersäte Pisten zum Gipfel. Oben angekommen, führt der Architekt, der sich mit einem leichten Wollpullover gegen die eisigen Windböen schützt, die Besucher über die Kuppe.

    Pferde weiden hier, in Richtung Tal eröffnen sich atemberaubende Blicke über Umbrien. Am Rande eines tief in die grasbewachsene Landschaft eingekerbten Trichters bleibt er stehen. Es handelt sich um eine Doline - einen Karsttrichter, der sich dadurch herausbildete, dass Oberflächenwasser das darunterliegende kalkhaltige Gestein auflöste. Hunderte solcher Dolinen sind auf dem Gipfel des Monte Subasio zu finden, manche sind so steil, dass man nicht bis zum Grund laufen kann.

    Die Doline, zu der Guarducci seine Gäste führt, bildet einen perfekten Kegel, an dessen Boden die Musiker bereits ihre Instrumente gestimmt haben und ein Stück aus ihrem mittelalterlichen Repertoire anstimmen. An den Hängen des Karsttrichters haben es sich die Zuhörer bequem gemacht. Die von unzähligen Tropfen gebildete Gesteinsformation bildet ein natürliches Amphitheater, in dem jeder Ton klar und gleichmäßig bis zum höchsten Rang getragen wird.

    Guarducci blickt in die Gesichter der andächtig lauschenden Besucher und freut sich dabei wie ein kleiner Junge: "Jetzt stellen Sie sich das mal mit 3000 Leuten vor, die hier rundherum sitzen, Bier trinken, ihre Zelte aufschlagen!" Für den erfolgreichen Geschäftsmann, der, bevor er seine Stelle als Referent antrat, vier Hotels erwarb, steht es außer Frage, dass das neue Festival bereits in seinem ersten Jahr ein voller Erfolg wird. Er rechnet zur Premiere mit insgesamt 150.000 Besuchern.

    Dass man ihn gewähren lässt und nicht etwa für größenwahnsinnig erklärt, hat mit einem Coup zu tun, der Eugenio Guarducci vor mehr als 20 Jahren schlagartig zu landesweiter Bekanntheit verhalf: 1993 veranstaltete der damals gerade einmal 30-Jährige in seiner Geburtsstadt Perugia erstmals die Eurochocolate - ein internationales Schokoladenfestival, das sich schnell zu einem der bedeutendsten seiner Art weltweit mauserte und Jahr für Jahr Hunderttausende Besucher in die Hauptstadt der Region Umbrien lockt. "Ich widme meine Zeit zu einem Drittel der Schokolade, zu einem Drittel dem Jazz und zu einem Drittel dem Wein", erklärt der Unternehmer sein Erfolgsrezept.

    "Assisi Souvenir" lautet der Titel des von ihm geplanten Festivals. Die Besucher der Stadt sollen aus Assisi etwas mitnehmen, aber eben nicht die Heiligenfigürchen und Kreuze, die es an jeder Ecke zu kaufen gibt, sondern ein immaterielles Souvenir in Form eines unvergesslichen Natur- und Kulturerlebnisses.

    Das wichtigste Souvenir, das Pilger, die die Stadt über den Franziskusweg erreichen, aus Assisi mit nach Hause nehmen, hat ebenfalls in erster Linie einen ideellen Wert: Links des Haupteingangs der Basilika, vor dem sich die Besuchergruppen drängeln, geht es durch ein Tor ins offizielle Pilgerbüro. Hier nehmen Franziskanermönche die Pilger in Empfang, stempeln den Pilgerpass ab, mit dem die Besucher die Stationen ihrer Reise dokumentieren, und stellen Bescheinigungen über die zurückgelegte Wegstrecke aus.

    Steven McMichael gehört zu den Mönchen, die die Pilger in Assisi begrüßen und die begehrten Urkunden überreichen. "Franziskus sagt: ,Was Gott mir gibt, das gebe ich wieder her.' Also: Das ist Eure Chance!", erklärt er den Neuankömmlingen und lacht. Der gebürtige Amerikaner trat 1975 in den Franziskanerorden ein, kam nach Assisi und studierte später mehrere Jahre in Rom Theologie.

    Wie alle Franziskaner verfügt er über keinerlei Besitztümer. Dass das bei aller Überzeugung nicht immer unbedingt Vorteile hat, erlebte er am eigenen Leib: Als er nach Abschluss der Universität eine Gastprofessur an der University of St. Thomas in Minnesota antreten wollte, brauchte er für seine täglichen Belange eine Kreditkarte - und fand als Besitzloser kein Bankinstitut, das ihm eine ausstellte. Erst als er seinen Arbeitsvertrag mit der Universität vorzeigte, wurde sein Antrag bewilligt.

    Dem heiligen Franz zu folgen und trotzdem moderne Errungenschaften wie Smartphone und Kreditkarte zu nutzen, das schließt sich für den Mönch keineswegs aus: "Ohne Handy kann man heutzutage nicht leben. Aber ich bin nicht abhängig davon", erklärt er. Dass ihn nicht wie manche seiner Studenten die Angst umtreibt, etwas zu verpassen, wenn er eine Stunde nicht aufs Handy schaut, zeigt ihm, dass er dem weltlichen Besitz durchaus entsagen kann. Wenn er nicht gerade als Gastprofessor in den USA weilt oder Pilgergruppen führt, hält er sich am liebsten in der Klosterbibliothek auf, die zahlreiche wertvolle Schriften beherbergt. Auch die Kolonnade der Basilika, wo die Mönche unter sich sind, hat es ihm angetan. "Ich liebe es, abends hierherzukommen", seufzt er und lässt den Blick über die Stadt hinweg schweifen. Die Sehnsucht nach einem abgeschiedenen Ort, an dem sich neue Kraft tanken lässt, treibt eben nicht nur Heilige wie einst Franz von Assisi um.

    Weitere Infos finden Sie unter www.umbriafrancescosways.eu

     

    Wissenswertes für Reisende

    Anreise: Ryanair fliegt von Frankfurt-Hahn aus nach Rom, Lufthansa bietet Direktflüge von Frankfurt und Düsseldorf nach Perugia an.

    Zielgruppe:
    In Umbrien fühlen sich Natur-, Kulturliebhaber und Gourmets gleichermaßen wohl. 

Beste Reisezeit: In den Monaten Mai/Juni sowie September/Oktober herrschen angenehme Temperaturen für Wanderer.

    Unsere fünf Ausflugstipps:
    Gubbio zählt zu den schönsten mittelalterlichen Städten Italiens.Valfabbrica feiert jedes Jahr Ende August ein großes Herbstfest mit Historienspielen. Stroncone besitzt ein Rathaus aus dem 13. Jahrhundert, in dem unter anderem die Abschriften mittelalterlicher Choräle ausgestellt sind. Spello gilt als Stadt der Blumen und prämiert jedes Jahr im Frühjahr das Haus mit dem schönsten Blumenschmuck. Greccio ist der Ort, an dem Franz von Assisi der Legende nach das erste Weihnachtsfest mit einer lebendigen Krippe feierte.

    Unsere Autorin
    ist mit Lufthansa gereist und hat unter anderem im Hotel Relais Ducale in Gubbio übernachtet. Diese Reise wurde unterstützt vom italienischen Ministerium für Kultur und Tourismus.

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