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    Atemlos durch Ecuador – per Pferd und Rad unterwegs in den Anden

    Die Mattigkeit kommt noch während der Sicherheitskontrollen am Fughafen. Dünne Luft. „Kopfschmerzen?“, fragt der Empfang im Hotel. „Noch nicht“, antwortet der Gast. Wie ein Schleier hängt der dumpfe Schmerz im Kopf, drohend, sich auszubreiten.

    „Trinken Sie einen Kokatee.“ Es wird bei der Drohung bleiben. Auf einem Plakat der Tourismusbehörde in der Stadt steht „Quito – Touch the sky” (Berühre den Himmel). Tatsächlich ist man dem Himmel hier ziemlich nahe.

    Acht Tonnen Gold im Gotteshaus

    Ecuadors Kapitale ist die höchstgelegene Hauptstadt der Welt. Im Durchschnitt wohnen die Menschen hier 2800 Meter über dem Meeresspiegel. Zum Vergleich: Wer den Gipfel der Zugspitze erklimmt, darf den Himmel auf 2962 Meter Höhe berühren. Quito ist sehr bergig. So kann es sein, dass auch Häuser auf 3500 Meter Höhe stehen. Noch höher dürfen die Menschen hier nicht bauen – vor allem wegen der Erdbeben, die es manchmal gibt.

    Quito ist atemraubend – nicht nur wegen der Höhe und der alten Volkswagen-Busse, die die Innenstadt an manchen Tagen in eine grau-braune Wolke einstinken. Die Andenmetropole gilt als eine der schönsten Städte Lateinamerikas. Allein in der Altstadt stehen 54 Kirchen. Die größte von ihnen ist die Basilica del Voto Nacional, die die Neustadt mit der Altstadt verbindet. Zwar ist das Gebäude in einem europäischen, neugotischen Stil erbaut. Doch wer genauer hinschaut, findet ecuadorianische Elemente. So stellen die Wasserspeier keine europäischen Tiere dar, sondern Dschungelbewohner wie Kaimane und Schildkröten. Von ihrer Spitze aus hat man einen großartigen Blick auf die Stadt und ihr Wahrzeichen El Panecillo. Auf diesem Hügel steht eine monumentale Madonna aus Aluminium, die sich leidend und zugleich schützend über die Stadt zu beugen scheint. Von der Basilika aus führt die Straße Garcia Moreno direkt ins Zentrum von Quito, mit Blick auf die bunten Siedlungen an den Hügeln, die den Stadtkern umgeben. Die Garcia Moreno wird von Einheimischen „Straße der sieben Kreuze“ genannt, weil hier sieben bedeutende Kirchen stehen. Die beeindruckendste ist die Iglesia de la Compañía. Etwa sieben bis acht Tonnen Blattgold sollen in diesem Gotteshaus verbaut worden sein. Das Metall bestrahlt seine Besucher derart stark, dass einem ganz schummrig werden kann. Könnte aber auch an der Höhenluft liegen.

    Quito ist ideal zum Akklimatisieren, wenn man noch weiter, dem Himmel noch ein bisschen näher kommen will. Die Hauptstadt Ecuadors ist umgeben von Vulkanen, einige sind derart hoch gelegen, dass auf ihren Gipfeln Schnee liegt – und das unmittelbar am Äquator. Sie sind aber auch so hoch gelegen, dass nicht jeder einen prompten Wechsel aus dem flachen Deutschland in die ecuadorianischen Anden verträgt.

    „Kokatee?“, fragt wohl deshalb auch der Mann an der Rezeption der Hacianda El Porvenir, 70 Kilometer südlich von Quito. Die kleine Ferienfarm liegt mitten im zentralen Hochland der ecuadorianischen Anden – auf etwa 3600 Meter Höhe. Das ist für den menschlichen Körper schon eine ziemliche Belastung. Ab etwa 2000 Metern können bei Bergwanderern bereits milde Symptome der Höhenkrankheit auftreten – je schneller der Aufstieg, desto wahrscheinlicher werden sie. Wer die Berge höher hinauf will, sollte sich vorher akklimatisieren, sich vor dem Aufstieg also eine Zeit lang in größerer Höhe aufhalten, damit sich der Körper daran gewöhnen kann. Besucher der Hacianda El Porvenir sollten zwei, drei Tage in den Anden verbracht haben – Quito, dessen Altstadt das erste Weltkulturerbe überhaupt war, das die Unesco vergeben hat, ist für viele die erste Wahl.

    Roberto, der sich auf der Hacianda El Porvenir um die Pferde kümmert, ist in den Anden zur Welt gekommen. Ruhig und routiniert sattelt er die Tiere und erklärt Touristen, wie sie in die Reiterhosen – zwei lederne Beinwärmer mit langen verfilzten Alpakafell-Zotteln – einsteigen. „Diese Pferde sind ideal für die Anden, sie können in den steilen Bergen laufen. Es sind sehr gute Pferde“, sagt er während er einem dieser Andenponys den Nasenrücken tätschelt.

    Eingezuckerte Vulkane am Äquator

    Es ist schon spät für einen Ausritt zum Cotopaxi-Vulkan. Jahreszeiten gibt es hier praktisch nicht. Der Äquator liegt von hier aus nur etwa 90 Kilometer nördlich. Das Wetter in den Bergen ist aber unbeständig. Meistens ist der Himmel vormittags klar, dann brennt die Sonne, die Temperaturen erreichen frühlingshafte Werte. In den frühen Nachmittagsstunden aber ziehen oft dunkle Wolken auf – schnell kann es dann ein heftiges Gewitter geben oder zumindest regnen.

    Beim Reiten übernimmt den Hauptteil der Arbeit das Pferd. Doch Körperspannung braucht man schon. Und als sich der Himmel so schnell in ein Schwarz-Blau färbt, als hätte da oben jemand ein Tintenfass umgestoßen, beschließt das Andenpony, schneller heimzulaufen, als es dem unerfahrenen Reiter lieb wäre. Wen das Reiten nicht aus der Puste bringt, der darf sich darauf verlassen, dass er beim Radfahren in 3500 bis 4000 Meter Höhe nach Luft ringt. Mit dem Mountainbike mitten durch den Cotopaxi Nationalpark: Einige Ferienhöfe am Rande des Naturschutzgebietes teilen sich hier Wander- und Radwege, die meist durch wunderschöne Hochlandgraslandschaften und serpentinenartig auf kleine Berge mit Aussichtspunkten führen. Das Herz pumpt, die ohnehin schnelle Atmung legt noch einmal zu. Irgendwie fühlt sich der Rhythmus ungewohnt und ein bisschen falsch an. Bloß nicht in Panik geraten: Einmal tief durchatmen, das gibt der Lunge den Takt zurück. Und das Entspannen abends am Kamin, mit einem Kokatee.

    Von unserem Redakteur Stefan Hantzschmann

    Wissenswertes für Reisende

    Anreise: Ab Frankfurt gibt es Flüge mehrerer Anbieter – unter anderem von Lufthansa (meist mit Umstieg in Panama-Stadt) und von Iberia (mit Umstieg in Madrid).

    Zielgruppe: Ecuador ist eines der artenreichsten Länder der Welt und besonders geeignet für Naturliebhaber und Wanderer. Beste Reisezeit: Quito: ganzjährig, Amazonasbecken und Küste: Juni bis November (Trockenzeit)

    Unsere Ausflugstipps:

    • Mit der Seilbahn hoch zum besten Aussichtspunkt mit Blick auf Quito (4000 Meter). Wanderer gehen zu Fuß (mindestens fünf Stunden).
    • Im Café Galletti in Quito kann man eine Verkostung von ecuadorianischen Kaffeesorten buchen.
    • Ein echtes Dschungelerlebnis gibt es im Amazonasbecken, an der Grenze zu Kolumbien.
    • Ecuadorianisches Leben lässt sich auf dem Plaza de la Independencia erfahren – am besten bei einer Tasse Kakao.
    • Oswaldo Guayasamín war der Picasso Südamerikas. Ein Museum mit seinen Werken steht in Quito.

    Unser Autor ist gereist mit Iberia und hat übernachtet im Hotel Patio Andaluz, im My Sacha Jí, im Casa Aliso Hotel und in der Hacienda el Porvenir. Diese Reise wurde unterstützt von Quito Tourism.

    Die bitteren Früchte der Anden: Beste Kakaobohnen kommen aus Ecuador

    Santiago Peralta redet sich in Rage. Es geht um den Kakaoanbau in Ecuador, die Bezahlung der Kakaobauern und den Export der Bohnen nach Europa. Glaubt man Peralta, geht es auch um die Folgen des Kolonialismus – um Neokolonialismus, wie er es nennt. „Es ist moderne Sklaverei!“, schimpft er. Er hebt dabei die Stimme und macht klar, dass ein so offensichtlicher Umstand keinen Widerspruch zulässt. „Wir haben in Ecuador die besten Kakaobohnen der Welt, und die Bauern haben nichts als einen Hungerlohn davon.“

    Santiago Peralta war einer der ersten Unternehmer in Ecuador, die nicht nur Kakao anbauen, sondern Schokolade produzieren. Inzwischen kommen einige der besten Bitterschokoladen aus dem Andenland.
    Santiago Peralta war einer der ersten Unternehmer in Ecuador, die nicht nur Kakao anbauen, sondern Schokolade produzieren. Inzwischen kommen einige der besten Bitterschokoladen aus dem Andenland.
    Foto: Pacari

    Peralta war einer der ersten Unternehmer, die in Ecuador Schokolade herstellen. Ein Quereinsteiger, der binnen weniger Jahre einige der besten Bitterschokoladen der Welt kreierte. Jahrzehntelang kamen zwar die edelsten Kakaobohnen der Welt aus dem Andenland, doch die besten Schokoladen wurden von europäischen Firmen produziert. Während der Rohstoff meist günstig an die alte Welt verkauft wurde, ist die Marge beim Verkauf der fertigen Schokotafeln an den Verbraucher deutlich größer. Das große Geld machten nicht Ecuadors Bauern, sondern Chocolatiers in Belgien, der Schweiz und Deutschland.

    „Wir haben das gestoppt“, sagt Peralta – nun ruhig und trocken. Der 47-Jährige trägt schmal zulaufende Jeans, schwarze Turnschuhe und ein kariertes Hemd. Seine braunen Haare hat er inakkurat nach hinten gekämmt. Als er vor 15 Jahren begann, Schokolade herzustellen, hat er den Kakaobauern, die ihn belieferten, nach eigenen Worten sofort das Doppelte gezahlt. Außerdem organisierte Peralta Schulungen für den biologischen Anbau und erklärte ihnen sein Konzept. Er wollte, dass die Landwirte auch ältere Kakaosorten erhalten, die weniger Erträge liefern oder mehr Aufmerksamkeit benötigen. „Wissen Sie, was passiert ist, als ich den Bauern mehr zahlte? Sie haben die alten Kakaosorten von allein erhalten. Denn diese Menschen lieben ihre Bäume, und wenn sie können, kümmern sie sich auch um die weniger ertragreichen Pflanzen.“

    Verena und Henry bauen Kaffee an.
    Verena und Henry bauen Kaffee an.
    Foto: Stefan Hantzschmann

    Peralta war von Anfang an klar, dass er mit Massenware nicht wird punkten können. Dieser Markt war dicht. Er musste auf Qualität setzen. Auf den Schachteln seiner Schokoladen stehen mehrere Biolabels – je nachdem, für welches Land sie bestimmt sind auch unterschiedliche. Unter anderem ist Pacari von Demeter zertifiziert. Dieses Logo steht für biologisch-dynamischen Anbau und gilt als eines mit den härtesten Richtlinien.

    Als Schüler war Peralta für ein paar Monate in Deutschland bei einer hessischen Gastfamilie. „Ich fand es beeindruckend, wie wichtig Themen wie Umweltschutz und Mülltrennung für die Deutschen waren“, sagt er. Damals erfuhr er auch zum ersten Mal von biologisch-dynamischer Landwirtschaft, bei der die Produzenten auf besonders strenge Bioregeln und kosmische Einflüsse achten. Kritiker nennen die biodynamische Landwirtschaft esoterisch, Fans bezeichnen sie als innovativ. In Europa gibt es einige Winzer, die mit Weinen aus biodynamischer Landwirtschaft sehr erfolgreich sind. Santiago Peralta ist selbst ein großer Weinliebhaber. Seine Schokoladen verkostet er wie Weine. Seine Kreationen riechen nach Heu oder frisch geschnittenem Gras, nach Asche oder Limette. Der Geruch spielt bei Pacari-Schokoladen eine große Rolle; es gibt Dutzende Sorten. Chilli, Salz, Maracuja und Kaffee gehören zu den gewöhnlicheren Geschmacksrichtungen. Unüblicher sind da schon die Tafeln, die eine Lagenbezeichnung bekommen wie Esmeraldas, Manabi oder Piura Quemazón. „Wir wollen für Schokolade den Terroirgedanken etablieren“, sagt Peralta. Es gehe darum zu erkennen, wie eine Schokolade schmecken muss, die aus einer bestimmten Kakaosorte auf einem ganz bestimmten Boden unter bestimmten klimatischen Bedingungen entsteht.

    Lagenschokolade wie beim Wein

    Am Ende soll es möglich sein, diese Faktoren herauszuschmecken. Günstig ist das nicht. 50 Gramm Pacari-Schokolade kosten zwischen 5 und 50 Euro. Immerhin: Das Geld bleibt in Ecuador. Und inzwischen gibt es mehrere Schokoladenhersteller im Land der Kakaobohne, die es Peralta gleichtun. Auch im Tourismussegment gewinnt das Thema an Fahrt. In der Hauptstadt Quito betreiben etliche Produzenten Geschäfte, in denen Touristen erklärt wird, wie aus einer Kakaobohne eine Tafel Schokolade wird. Agenturen bieten sogar Reisen in die Anbaugebiete an.

    Einen ähnlichen Trend gibt es beim Thema Kaffee. Verena und Henry Gaibor erklären Touristen im Andenland den Kaffeeanbau – inmitten der Bergnebelwälder, zwei Autostunden von Quito entfernt. Die Landschaft haut einen um: Morgens hängen die Wolken in den Bergen; die Luft ist schwanger mit Wassertröpfchen, und die dichten Wälder bilden einen Übergang zum tropischen Dschungel in tiefer gelegenen Gebieten.

    Arabica aus den Nebelwäldern

    Sie: eine Blondine aus der Schweiz, blaue Augen, rote Brille, verträumter Gang in rosa Schlürfschuhen, er: Temperament, dunkle Haut, schwarze Augen, skeptischer Blick bei lässiger Ansprache. Sie lernten sich vor fast 20 Jahren kennen, in Burundi, östliches Afrika. Beide arbeiteten damals bei Ärzte ohne Grenzen – sie war Hebamme, er war Arzt. Als Henry in seine Heimat Ecuador zurückkehrte, blieb Verena bei ihm. Zunächst führten sie eine private Klinik, und irgendwann verliebten sie sich ein zweites Mal – in die Finca Maputo und in die Bergnebelwälder von Nanegal.

    Hier bauen sie heute ausschließlich Arabica-Kaffee an – die Diva unter den Kaffeesorten. Denn Arabica wächst gut nur in Höhen zwischen 900 und 2000 Metern, mag es aber trotzdem warm und feucht. Henry und Verena ernten hier das ganze Jahr über – Jahreszeiten gibt es in dieser Gegend so nahe am Äquator nicht, weshalb die Pflanzen das ganze Jahr über wachsen, blühen und Früchte tragen.

    Verena und Henry waren wie Santiago Peralta Quereinsteiger. „Wir hatten keine Ahnung, machten so viele Fehler“, erinnert sich Verena. Vier Jahre brauchten sie bis zur ersten Ernte. Inzwischen produziert das Paar rund 15 Tonnen Bohnen pro Jahr. Ihr Kaffee steht in Schweizer Röstereien für 18 Franken die 250-Gramm-Packung (16,50 Euro) und wird in Kaffeeläden in Prag degustiert. Auf Anhieb landeten sie bei dem ecuadorianischen Kaffeewettbewerb „Tassa dorada“ auf dem dritten Platz. Dabei ist Nanegal noch nicht einmal ein typisches Kaffeeanbaugebiet.

    Von unserem Redakteur Stefan Hantzschmann

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