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An Südenglands ältestem Seebad nagt die Salzluft

Verfall geht schneller als Renovieren: Schon vor dem Brexit ist der Erhalt von Brightons historischer Bäderarchitektur kaum zu finanzieren.

Brighton ist eine Baustelle: Das imposante Grandhotel an der Kings Road wirkt wie vom Aktionskünstler Christo verpackt. Es wird gerade aufwendig renoviert – wie viele Objekte an der berühmten Promenade. Leider sind es aber deutlich weniger, als dort dringend ihrer Rettung harren
Brighton ist eine Baustelle: Das imposante Grandhotel an der Kings Road wirkt wie vom Aktionskünstler Christo verpackt. Es wird gerade aufwendig renoviert – wie viele Objekte an der berühmten Promenade. Leider sind es aber deutlich weniger, als dort dringend ihrer Rettung harren
Foto: Nicole Mieding

Überall diese Möwen. In Brighton tut man ohne ihre Begleitung keinen Schritt. Und es kann durchaus passieren, dass ein unverfrorenes Exemplar einem die Chips – oder noch schlimmer den Fisch – direkt aus der Papiertüte pickt, während man den berühmten Pier entlangflaniert. Der lädt dazu ein, alles Schwere loszulassen. Und man lässt zu, dass die Gedanken abschweifen, bis eine sanfte Brise sie erfasst und mitnimmt. Nichts zu tun, als sich am Anblick der Möwen zu freuen, die einem zeigen, dass das Meer nicht weit ist – was hier quasi an jeder Ecke gilt. Allerdings fühlt es sich auch ein bisschen so an, als ob über einem die Geier kreisten. Das wirft die Frage auf, wer dann hier das Aas ist – was einen ziemlich prompt zurück auf den Boden der Tatsachen bringt.

Geburtsort der Thalassotherapie

Am Pier, Brightons historischer Vergnügungsmeile und zugleich Wahrzeichen, lässt sich gut ablesen, was das größte Seebad im Vereinigten Königreich bis heute bestimmt: Erholung und Zeitvertreib. Zu seinen besten Zeiten war Brighton ein Ort, an den vor allem die Reichen reisten, um Körper und Geist eine Auszeit zu gönnen. Rund 250 Jahre vor der aktuellen Wellness- und Detoxwelle hat ein gewisser Richard Russell, Badearzt in Brighton, mit seiner Thalassotherapie den Grundstein für unser Streben nach ewiger Schönheit und Jugend gelegt. Ganz so kommod wie bei modernen Spa-Anwendungen ging es im 18. Jahrhundert aber freilich noch nicht zu. Zumal Badezimmer nicht zur damals gängigen Ausstattung gehörten. Wer für die innere und äußere Reinigung zu Dr. Russell an die südenglische Küste pilgerte, konnte in der Regel auch nicht schwimmen. Umstände, die wohl in Kombination zur Erfindung der „Bademaschinen“ führten: geschlossene Kutschen, die der Badegast betrat, um sich – geschützt vor neugierigen Blicken – von Pferden ins Wasser ziehen zu lassen. Das Übrige besorgte der „Dipper“: ein persönlicher Bademeister, der den Kurenden wie einen Teebeutel mitsamt Kleidern ins eiskalte Wasser tauchte. Nach strengen Regeln, versteht sich. Wer bei dem bizarren Ritual noch nicht genügend Seewasser geschluckt hatte, bekam es anschließend zur inneren Anwendung literweise zu trinken. Das alles fand früh morgens statt, um die frische des Tages zu nutzen. Danach ging's ins Hotel zum Frühstück (und Aufwärmen), anschließend stand nur noch Müßiggang auf dem Programm: gehobenes Nichtstun – bevorzugt die Promenade entlang.

Um sich den Glamour jener Tage vorzustellen, braucht's heute ein wenig Fantasie. Denn anders als Kurgästen bekommt die Meeresbrise dem Seebad selbst nicht sonderlich: Der hohe Salzgehalt in der Luft und der konstante Wellenschlag der Brandung nagen an den historischen Bauten und machen stete Schönheitskuren an Fassaden und Fundamenten nötig. Brighton ist eine Baustelle – und wird es wohl auf lange Sicht bleiben. Schon vor dem Brexit war das Geld zum Erhalt der historischen Bäderarchitektur knapp. Nun, da auch noch die Quellen der Europäischen Union versiegen, wird es mit dem unabdingbaren Facelift wohl noch langsamer vorangehen. „Die Stadt muss sich neue Einnahmequellen suchen, Museen verlangen neuerdings Eintritt“, betont Jackie Marsh-Hobbs, die sich mit Brightons gestrigen wie heutigen Problemen bestens auskennt.

Suche nach neuen Geldquellen

„Fundraising ist hier neuerdings ein großes Thema“, erzählt Jackie, als sie zu den Madeira Terraces führt. Noch so ein Monument, das an die goldenen Zeiten erinnert. Die Arkaden entlang der Seepromenade sind architektonisch den Pavillons am Pier nachempfunden. Sie sollten die Flaneure vor dem Regen schützen und sind viele Jahren vernachlässigt worden, obwohl sie ikonische Gebäude für Brighton sind. Die Fenster der meisten Shops und Cafés unter den Rundbögen sind vernagelt, Bretterzäune verhindern den Blick und Fangzäune, dass ein herunterfallender Stein oder Putz die Fußgänger trifft. Die könnten unter normalen Umständen die „Volksbahn“ zur Marina nehmen. Aber Großbritanniens erste elektrische Eisenbahn, gebaut 1883 von Magnus Volk, dem Sohn eines deutschen Uhrmachers, ist außer Betrieb. Ein gutes Zeichen, wenn man's genau betrachtet: Sie wird gerade renoviert.

Hübsche Idee, in der Umsetzung erwies sie sich aber leider als nicht besonders praktikabel: die Teezeit auf Flößen, wie sie Brightons Schwimmklub wiederzubeleben versuchte.
Hübsche Idee, in der Umsetzung erwies sie sich aber leider als nicht besonders praktikabel: die Teezeit auf Flößen, wie sie Brightons Schwimmklub wiederzubeleben versuchte.
Foto: Visit Brighton

Weil die Esel, die den Transport der Touristen zuvor übernommen hatten, längst nicht mehr im Dienst sind, muss man sich nun selbst auf die Hufe machen. Brightons Hafen ist eine vergleichsweise neue Errungenschaft. Früher legten Schiffe am Pier an, was sich heute Marina nennt, war nur ein weiter Strand. Mit Seeluft, einer Holzleiter, die ins Wasser führte, und Steinen, die man auf gut Glück lupfte, um etwas Versteinertes drauf oder etwas lebendiges drunter zu finden. Steine liegen hier immer noch massenhaft, nur der Seewasserpool ist verschwunden. Schwimmen kann man im Meer nach wie vor. Es gibt sogar Pläne für ein Seewasserschwimmbad in der Marina. Allerdings fehlt zum Bau des modernen Fitness- und Gesundheitszentrums wieder mal das Geld. Und so konzentriert man sich eben auf das, was seit jeher Besucher in die Stadt gezogen hat – Möglichkeiten, sich zu vergnügen. Die Marina bietet den gut Betuchten von heute Liegeplätze für ihre Motor- und Segeljachten. Rings ums Hafenbecken können sie ihr Geld auf mehreren Etagen in Restaurants und Souvenirläden ausgeben. Wer kein Boot hat, kommt zu Fuß – wer lahm ist oder bequem, auch per Taxi –, um sein Essen mit Blick aufs Wasser einzunehmen.

Brightons Piere sind überwiegend privatisiert, ihr Unterhalt ist kostspielig. Die berühmteste Steganlage, der Brighton Palace Pier, hat nach wie vor die Funktion einer Amüsiermeile mitten im Meer. Wo einst tollkühne Fahrradakrobaten ihre Kunstsprünge ins Wasser wagten und die Zuschauer bei den Tricks der Entfesselungskünstler Schnappatmung bekamen, schieben sich Besucher der Neuzeit an Fressbuden vorbei durch eine laut plärrende Spielautomatenhölle. Vom nebenan gelegenen West Pier ist nur noch das Gerippe übrig. Ein architektonisches Skelett, memento mori, das übers Meer herüber grüßt: „Mensch, gedenke, dass du sterblich bist!“

Schwimmende Teezeit

Eine andere Tradition versuchten die Mitglieder von Brightons Schwimmklub wiederzubeleben: die „Teatime“ auf Flößen. Schnell ließ man von der Idee wieder ab. „Großer Mist, weil die Flöße schwanken und das Wasser vom Becken in die Tassen schwappt“, urteilt Jackie. Und beim Tee verstehen die sonst so humorvollen Briten bekanntlich überhaupt keinen Spaß.

Von unserer Chefreporterin Nicole Mieding

RZ-Reisejournal
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