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Abenteuer Outback: Von schlauen Krabben und sprechenden Krokodilen

Nicole Mieding

Die Kimberley-Region in Westaustralien zählt zu den dünnstbesiedelten Flecken der Erde – Ihre Bewohner zu treffen, ist da umso erstaunlicher

1 Als verlorene Seele durch Perth. Nach 32 Stunden Anreise endlich da. Der Körper ist angekommen, der Geist unterwegs auf der Strecke geblieben. Zur Orientierungslosigkeit kommen sechs Stunden Zeitverschiebung. Schnelles Abendessen, dann kurz vor die Tür: Das Hotel ist nett, aber es ist noch zu früh fürs Bett. Ein Absacker soll beim Einschlafen in der neuen Zeitzone helfen. Der Tipp für die Bar kam vom Hotel, weil es Alkohol in Australien nur an Orten mit spezieller Lizenz zu kaufen gibt. Zur Flüsterbar, angelehnt an die Speakeasys der Prohibitionsära, haben nur Eingeweihten Zutritt. Der geheime Türcode wechselt und wird nicht ganz so geheim über Facebook mitgeteilt. Ins Viertel, in dem sie liegt, hätte man sich als Ortsunkundiger sonst wohl nicht verirrt: undefinierbare Lagerhallen, verrammelte Läden, abgewrackte Hinterhofindustrieatmosphäre. Irgendwo hier muss es sein.

Wer Bekanntschaft mit dem Barkeeper in der Flüsterkneipe „Sneaky Tony's“ schließen will, muss zu den Eingeweihten gehören, die den geheimen Türcode kennen.
Wer Bekanntschaft mit dem Barkeeper in der Flüsterkneipe „Sneaky Tony's“ schließen will, muss zu den Eingeweihten gehören, die den geheimen Türcode kennen.
Foto: Nicole Mieding

Die Suche führt zu einem Gittertor, das mit einer schweren eisernen Kette verschlossen ist. Reines Ablenkungsmanöver, denn gleich daneben gibt es eine unscheinbare zweite Tür mit Klingel. Kein Name, dafür eine Lautsprecheranlage. Und eine Tastatur. Also auf Glück den geheimen Code eingetippt. Das reicht offenbar als Parole, denn kurz darauf summt die Tür ohne weitere Nachfrage, und Sesam öffnet sich. Drinnen gedämpftes Licht, die Augen müssen sich erst eingewöhnen, um das Ambiente im „Sneaky Tony's“ wahrzunehmen. Das meiste Licht kommt von der Bar, einer hinterleuchteten Wand voller Flaschen, die die gesamte Länge des Raumes bis zur Decke einnehmen. Am Tresen davor sitzen Menschen, die weder Nadelstreifen noch Gamaschen tragen, und knabbern Nüsschen. „Was darf's denn sein?“, fragt der Barkeeper und grinst verschmitzt. Ich gucke verblüfft, kennen wir uns nicht? Um meine Unsicherheit zu überspielen, frage ich nach seiner Empfehlung, während mein Hirn leise ratternd bekannte Gesichter mit dem meines Gegenübers abgleicht. „Wir haben 350 Sorten Rum aus 43 Ländern“, sagt der Wirt, als er auf die Wand aus Flaschen in seinem Rücken zeigt. Als Weintrinker muss ich kapitulieren, ordere einen Whisky Sour und schaue zu, wie der Barmann ihn fachgerecht mixt. Dann stellt er ihn vor mich. Ich nicke. Nippe. Das weckt wohl die Lebensgeister. Denn prompt liefert mein lahmes Hirn die Lösung: Dieser Kerl hat eben noch in unserem Restaurant bedient und dünnes australisches Bier und Leitungswasser in Karaffen serviert. Der Moment des Erkennens, ich suche seinen Blick, jetzt grinsen wir beide. Mein erster Bekannter am anderen Ende der Welt. So fühlt sich Ankommen an.

2 Glamping bei Austern. Australische Austern sind die größten. Einst war das ein Geschäft für Perlentaucher, bis ein findiger Japaner herausfand, wie man Perlen züchten kann. 30 Jahre Warten war ihm zu lang. Die Cygnet Bay Farm ist ein Pionier australischer Perlenkultur. Dort wachsen die Austern zwei Jahre im Tank. Touristen lernen, wie aus Sandkörnern Perlen werden und dass eine Hochleistungsauster im Lauf ihres Lebens bis zu drei Perlen aufziehen kann. Wer an ihr Muskelfleisch will, muss sie töten. Es ist eine teure Delikatesse, 200 Dollar kostet das Kilo, und roh schmeckt es, nun ja, nach nicht viel.

Von wegen handgefangenes Abendessen: Die "Mud Crab",  eine Riesenkrabbe, die in den Mangroven wohnt, entkam unversehrt.
Von wegen handgefangenes Abendessen: Die "Mud Crab", eine Riesenkrabbe, die in den Mangroven wohnt, entkam unversehrt.
Foto: Nicole Mieding

Dafür aber ist unsere Unterkunft atemberaubend. Ein Luxuszelt mit Dusche, Strom und spektakulärem Blick. Der Weg vom Hauptgebäude führt im Jeep durch unwegsames Gelände. Weshalb wir an eine Panne denken, als der Fahrer laut schreit und das Steuer herumreißt. Er krempelt die Hosenbeine hoch, springt in einen Bach und versucht, mit einem angeschwemmten Baumstamm einen Felsbrocken hochzuhebeln. Rhett, unser einheimischer Begleiter, springt mit einem lauten Jauchzen vom Beifahrersitz. „Mud Crab!“, ruft er uns zur Erläuterung zu, und wir sehen, wie er samt Flipflops ins Wasser springt und ebenfalls mit dem Felsen ringt. In den Mangroven am Fluss hausen Königskrabben, eine weitere Delikatesse. Vom Auto aus haben unsere Begleiter ein Riesenexemplar erspäht. Sie jagen es mit einer Astgabel, aber das flinke Tier entwischt. „Wir bestellen uns eine im Restaurant“, tröstet Rhett, als er sich wieder auf den Beifahrersitz schwingt. Schön. Aber Spaß gemacht hätte es schon, so ein Abendessen to go.

3 Der Krokodilflüsterer. Windjana Gorge heißt die Schlucht aus bizarr geformten Kalksteinfelsen. Hoch aufragende Steilwände, dazwischen ein Fluss, der sich seinen Weg seit Jahrmillionen bahnt. Edwin Lee Mulligan, ein Aborigine, will uns im Land seiner Ahnen begrüßen. Sein Geburtsname ist ein anderer, aber der lässt sich nicht schreiben, weil Edwins Stammessprache, eine von 40 in Australien, nur als mündliche Überlieferung existiert. Also verpasste man ihm einen australischen Namen, erzählt uns Edwin, der eigentlich „Blume im Schatten eines Baumes an einem Fluss“ heißt. Das ist nicht nur viel poetischer, sondern klingt im gesprochenen Original auch wie Musik. Zu kompliziert für unsere Zungen. „Ihr könnt mich Edwin nennen“, sagt der 34-Jährige zu den Touristen, die er stellvertretend für sein Volk an einem ihm heiligen Ort empfängt. „Das Land hat Augen und Ohren. Es wusste, dass ihr kommt, und erwartet euch“, behauptet Edwin, der es für uns gnädig stimmen will.

Wir folgen ihm. „Schaut, wo ihr hintretet, und steckt eure Finger nicht in Felslöcher – irgendwer hat sie da reingebohrt!“, warnt er. Wir folgen ihm schwitzend über heißen Sand, lernen Schlangenspuren zu lesen, bis Edwin uns bittet, einen Stein aufzuheben. Unser Begrüßungsritual beginnt. Wir stehen in einer kleinen Lagune, sollen den Stein mit Achselschweiß befeuchten und ins Wasser werfen. Damit das Land uns riechen kann, erklärt Edwin und befiehlt, still zu sein. In 20 Sekunden werde sein Land uns ein Zeichen senden. Wir tun wie geheißen, reiben den Stein unter unseren Armen, werfen, schweigen und starren Edwin an, der mit den Fingern die Sekunden zählt und dabei ziemlich bummelt. Ist eben kein Schweizer Uhrwerk. Pünktlich bei 20 hebt ein starker Windhauch an. Eine kräftige Brise bringt die stehende Luft in Bewegung, schickt eine kleine Abkühlung und schüttelt die Blätter an den Bäumen wie zur Begrüßung. „Ein Gesandter heißt euch willkommen“, sagt Edwin, zeigt zu einem Felsplateau. Ein Krokodil, das uns eindeutig ansieht. Niemand hat das Tier bisher gesehen. Außer Edwin, der in Aboriginesprache auf das Reptil einspricht. Dass wir von weit her kommen und in friedlicher Absicht, erklärt er ihm. Die Zwiesprache zieht sich, womöglich wird diskutiert. Als Edwin sich uns endlich zuwendet, übermittelt er uns den Segen des Krokodils: „Möget ihr in einem Stück heimkehren.“ Ja, das wäre nett.

Begrüßungszeremonie: Die Begegnung mit dem Süßwasserkrokodil ging glimpflich aus.
Begrüßungszeremonie: Die Begegnung mit dem Süßwasserkrokodil ging glimpflich aus.
Foto: Henry Barchet

4 Dem Himmel so nah. Für eine Pilotin sieht Emma erschreckend jung aus. Noch keine 30, zur kurzen Hose trägt sie Pferdeschwanz. In einer Propellermaschine will sie uns zu den Horizontalen Wasserfällen fliegen. Aber erst erklärt sie noch, wie die Rettungsweste funktioniert und dass es im Innenraum keinen Platz für Gepäck gibt, das auf sieben Kilo pro Passagier limitiert ist und in einer Kufe des Wasserflugzeugs verstaut wird. Vor dem Einsteigen muss jeder auf eine Waage steigen, weil danach der Sprit berechnet wird. Emma klettert als Letzte ins Cockpit und wirft laut scheppernd die Tür der Cessna zu. Ich sinniere über tollkühne Männer in fliegenden Kisten und darüber, wohin einen Wagemut doch manchmal führt. Aber als ich Emma, die direkt vor mir sitzt, beim Start über die Schulter blicke, stelle ich erleichtert fest: Sie findet alle Knöpfe blind. Ein Getöse wie 1000 Rasenmäher, es rumpelt und schaukelt. Die Maschine ist das stählerne Pendant zur Hummel – ein kleines Wunder, dass sie fliegt.

Furchtlos: Pilotin Emma vor ihrem Wasserflugzeug.
Furchtlos: Pilotin Emma vor ihrem Wasserflugzeug.
Foto: Nicole Mieding

Sie tut's, kämpft sich unter lautem Brummen nach oben, bis die Luft dünner, das Brummen leiser wird. Unten schimmert friedlich das Meer türkisblau und smaragdgrün. Von oben kann man sehen, wie der liebe Gott Schöpfung spielt. Die Strömung spült Geröll an, das sich in Buchten sammelt, wo es zu feinem Sand zerrieben wird, der als strahlend weißer Strand die Küstenlinie säumt. Ein Lehrfilm darüber, wie Landschaft entsteht. „Da ist unser Flughafen!“ Emmas Ruf über den Bordfunk holt die Passagiere in die Gegenwart zurück. Die Maschine zieht eine 180-Grad-Kurve, ein Gefühl wie in der Achterbahn, kurzzeitig ist oben unten, bevor es in einen rapiden Sinkflug geht und die Maschine auf dem Wasser aufsetzt. Vor uns schwimmen Stege und ein Containerbau auf Pontons. Voilà, ein Flughafen!

Quelle: YouTube (erweiteter Datenschutzmodus)

5 Von waghalsigen Touristen. Gerade herrscht Rushhour, reihenweise karren Kleinflugzeuge neue Touristen an. Die kommen an einen der entlegensten Flecken der Erde, um zu sehen, was es sonst nirgends gibt: einen waagerechten Wasserfall. Wo Wasser sonst doch nur senkrecht fällt. „What's the tide?“, fragt Emma die Crew, die in der Talbot Bay gut organisiert Urlauber empfängt. Weil hier nicht die Uhr, sondern der Stand der Gezeiten den Takt vorgibt. Auf das kleine Weltwunder müssen wir noch ein bisschen warten, die Flut passt noch nicht, also gibt's erst mal Frühstück. Danach darf, wer will, von einem Käfig aus Haie füttern. Die werden mit Futter angelockt und können wegen des Gitters nicht beißen. Das scheint nach unserem Abenteuer mit dem Krokodil nicht sehr mutig.

Dann haben wir's plötzlich eilig. Schnell ins Boot, die Flut! Ein gewaltiger Tidenhub macht, dass sich Meerwasser in zwei natürlichen Becken unterschiedlich hoch staut. Alle sechs Stunden gleicht sich ihr Pegel aus. Dann lässt sich ein enges Felstor durchfahren, an dem man sonst mit den tosenden Wogen zerschellt. Allzu lang darf man sich auf der anderen Seite nicht umschauen. Nur für eine Minute sind die Niveaus zwischen den beiden Becken ausgeglichen, dann schließt sich die Passage wieder. Wohl deshalb preschen wir im Jetboot durch. Brettern durch eine Landschaft, die aussieht wie das Paradies. Hier liegt aber auch der Eingang zur Hölle: Eine gewaltige Strömung bildet schäumende Strudel. Dazwischen immer wieder gefährlich ruhige, spiegelglatte Flächen. Stille Wasser sind tief. Schwimmen wäre hier verrückt. Die Strömung reißt einen mit, bevor's die Krokodile können.

Wasserfälle, die in der Ebene verlaufen – nur eins der vielen Naturwunder, auf die Australienreisende in der Kimberley-Region treffen.
Wasserfälle, die in der Ebene verlaufen – nur eins der vielen Naturwunder, auf die Australienreisende in der Kimberley-Region treffen.
Foto: Nicole Mieding

Unseren Bootskapitän treibt jugendlicher Leichtsinn an, er will zeigen, was er kann. Fragt gegen den Fahrtwind brüllend: „Noch eine Runde?“, reißt das Steuer rum und prescht mit der kreischenden Menge wieder und wieder durchs Felstor. Eine Jahrmarktgaudi. Der Käpt'n spielt kalkuliertes Risiko. Mit jeder Runde wird die Durchfahrt gewagter, klatschen wir härter aufs Wasser, weil die Schwelle höher und höher wird. Hier bewegen sich riesige Wassermassen. Die einlaufende Flut bringt die Lagune zum Schäumen, drängt das Boot gefährlich nah an die schroffen Felsen. Ich gehöre nicht zu den „Zugabe“-Rufern. Vielmehr hoffe ich still, dass die Reisereportage nicht ungewollt zur Nachricht wird und meine Geschichte hier abrupt zu Ende ist.

Quelle: YouTube (erweiteter Datenschutzmodus)
Von unserer Chefreporterin Nicole Mieding

Wissenswertes für Reisende

The Kimberley, Westaustralien

Einreise: Touristen brauchen ein Visum, es ist drei Monate gültig und kann bis eine Woche vor Abflug übers Internet beantragt werden.

Zielgruppe: Abenteuerlustige sammeln in Australien Eindrücke fürs Leben. Wer gern am Pool liegt, bucht besser einen Pauschalurlaub. Reisezeit: Die Kimberley-Region im Nordwesten Australiens bereist man am besten zwischen Mai und Oktober, von Dezember bis März herrscht tropisches Klima.

Zeitumstellung: Die Westaustralier sind uns im Sommer sechs, im Winter sieben Stunden voraus.

Auskunft zur Reiseplanung bietet das Fremdenverkehrsamt unter www.westernaustralia.com

Unsere Autorin ist mit Emirates über Dubai nach Perth geflogen.

Die Reise wurde unterstützt von Tourism Western Australia.

RZ-Reisejournal
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