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Rheinland-Pfalz

Disibodenberg: Hildegard-Klosterruine wird Politikum

Es gibt Streit um das Erbe der Hildegard von Bingen am Disibodenberg nahe Bad Kreuznach. Bei der Klosterruine sind die Eigentumsverhältnisse ungeklärt, ebenso die Zukunft des dortigen Museums. Laut CDU-Landtagsfraktion steht eine sechsstellige Fördersumme des Landes auf dem Spiel.

Die Ruinen auf dem Disibodenberg üben auf viele Besucher einen fast magischen Reiz aus. Auf der Anhöhe bei Odernheim lebte einst viele Jahrzehnte die in der katholischen Kirche als Heilige verehrte Hildegard von Bingen. Jetzt droht das Kloster zum Streitobjekt zu werden.
Die Ruinen auf dem Disibodenberg üben auf viele Besucher einen fast magischen Reiz aus. Auf der Anhöhe bei Odernheim lebte einst viele Jahrzehnte die in der katholischen Kirche als Heilige verehrte Hildegard von Bingen. Jetzt droht das Kloster zum Streitobjekt zu werden.
Foto: Armin Seibert

Rheinland-Pfalz – Es gibt Streit um das Erbe der Hildegard von Bingen am Disibodenberg nahe Bad Kreuznach. Bei der Klosterruine sind die Eigentumsverhältnisse ungeklärt, ebenso die Zukunft des dortigen Museums.

Laut CDU-Landtagsfraktion steht eine sechsstellige Fördersumme des Landes auf dem Spiel. Darüber will die Fraktion heute in Mainz informieren. Nach Angaben des Kulturministeriums prüft die Stiftungsaufsicht die Querelen.

Die Baronin hat sich bis zuletzt für den Disibodenberg eingesetzt.
Die Baronin hat sich bis zuletzt für den Disibodenberg eingesetzt.
Foto: Marcel Mayer

Streit am Ort der Stille

Das Kloster Disibodenberg ist ein stiller, magischer Ort. Sonnenstrahlen brechen sich in den mächtigen Baumkronen, tauchen die Ruinen in ein warmes Licht. Hier lernte und lebte einst Hildegard von Bingen. Hier begründete sich ihr Ruf als Visionärin, Kirchenlehrerin und Heilige. Noch heute umgibt die steinernen Zeugen ihres Wirkens eine besondere Atmosphäre. Pilger aus aller Welt verweilen auf der baumbestandenen Anhöhe, nicht weit vom Zusammenfluss von Nahe und Glan entfernt.

Doch diese Stätte der Einkehr und Besinnung droht zum Politikum zu werden. Inzwischen hat ein Streit über den Umgang mit dem historischen Erbe, der in der Region um Odernheim (Kreis Bad Kreuznach) schon länger schwelt, die Ebene der Landespolitik erreicht.

Warum ist das so? Die CDU-Landtagsfraktion vermutet, dass die Eigentümer des Klosterberges mehr und mehr die Touristen fernhalten wollen, indem sie ihnen den Zugang erschweren und die nötige Infrastruktur verkommen lassen. Um diesen Verdacht zu untermauern, hat eine kleine Arbeitsgruppe um die Landtagsabgeordnete Bettina Dickes Hinweise gesammelt. Tief graben musste sie nicht. Gäste und örtliche Bevölkerung berichteten eifrig von ihren Erfahrungen und Beobachtungen. Für Dickes, die aus dem benachbarten Bad Sobernheim kommt, ist der Disibodenberg schon immer eine Herzensangelegenheit gewesen.

Umso mehr stört es sie und andere, wohin sich der kulturhistorische Flecken entwickelt. Das Museum am Fuße des Klosterbergs ist geschlossen und macht keinen sehr einladenden Eindruck mehr. Die Toiletten, die zu dem kleinen Besucherzentrum gehören, können nur von einem der örtlichen Führer aufgeschlossen werden. Der Kassenautomat für den Zugang zum Klostergelände funktioniert auch nicht immer. Der einstige Hofladen existiert gar nicht mehr. Touristen stehen offenbar immer wieder vor verschlossenen Türen. Und das alles wenige Wochen bevor Papst Benedikt XVI. in Rom Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin erheben wird. Der 7. Oktober dürfte ein großer Tag für die weltweite Hildegard-Gemeinde werden.

Erbe für die Nachwelt erhalten

Das ist umso ärgerlicher, weil Besucherzentrum und Kloster zu einer Stiftung („Scivias“) gehören. Diese wurde 1989 von Ehrengard Freifrau von Racknitz und dem inzwischen verstorbenen Hans-Lothar Freiherr von Racknitz gegründet. Im Staatsanzeiger aus demselben Jahr ist nachzulesen, dass die Stiftung die Klosterruine der Nachwelt erhalten, aber auch die Einrichtung eines Museums fördern möchte.

1998 kam es dann zum Bau des Besucherzentrums – mit staatlicher Hilfe. Zum Jubiläumsjahr – Hildegard von Bingen war vor 900 Jahren geboren worden – wandelten rund 30 000 Menschen am Disibodenberg auf den Spuren der großen Mystikerin und Heilkundlerin. Eine intensive Zeit, vor allem auch für Ehrengard Freifrau von Racknitz. Die feine alte Dame kümmerte sich um die Touristen, steckte seit Jahren immer wieder Unsummen an privatem Geld in das Gelände. Sie wurde zum guten Geist vom Disibodenberg. Doch am Ende blieb ihr nicht viel. Heute lebt die hochbetagte Adelige in Freiburg. Das Sagen an und auf dem spirituellen Hügel bei Odernheim am Glan hat inzwischen Stiftungsvorstand Matthias Adams, der mit seiner Frau Luise von Racknitz-Adams dort seit 2003 das Weingut von Racknitz betreibt, zu dem auch der Disibodenberger Hof gehört. Das junge Ehepaar mit zwei Kindern hat den Betrieb von Grund auf erneuert und auf hohem Niveau etabliert. Inzwischen glänzt das Gut mit mehreren exquisiten Grand-Cru-Lagen.

Matthias Adams Ruf ist lange nicht so gut wie der Wein, den er anbaut. Vielen Einheimischen gefällt nicht, was am Disibodenberg geschieht. Doch damit ist nicht das Weingut gemeint, eher Adams Umgang mit der alten Disbodenberg-Gemeinde, die seine Schwiegermutter hegte und pflegte. Doch der robuste Selfmademan, der einst Finanzvorstand eines Unternehmens war und seine Erfüllung als Winzer gefunden hat, ist kein Idealist, sondern ein Realist. Wer ihm begegnet, erlebt nicht den herrischen Gutsherren, den manch andere in ihm sehen wollen. Eher jemanden, der sein Weingut nach vorn entwickeln will und dabei wenig Zeit für Disibodenberg-Romantik hat.

Letztlich liefert er für jeden Vorwurf eine plausibel klingende Erklärung: Der Kassenautomat ist nicht wetterfest und streikt daher ab und zu. Das Museum, das direkt an das Weingut angrenzt, ist geschlossen, weil die Stiftung keine Aufsicht zahlen kann. Der Strom war eine Weile weg, weil bei Renovierungsarbeiten die Kreisläufe getrennt werden mussten. Freilich lässt Adams durchblicken, dass er das expandierende Weingut gern ganz vom Besucherzentrum (bestehend aus Hof, Kassenhäuschen, Toiletten und Museum) trennen möchte. Am liebsten wäre ihm, die Klosteranlage würde über einen anderen Zuweg erschlossen – samt Parkplatz. Denn dort, wo jetzt die Gäste parken, möchte der Weinbauer eine dringend benötigte Maschinenhalle errichten. Adams will sich aufs Weingut konzentrieren und sich als Stiftungsvorstand auf den Grundbesitz beschränken. Den Tourismus sollen andere entwickeln – gern Land und Kommunen. Das Winzerehepaar will zudem nicht uferlos privates Geld in die Ruine stecken, da die Stiftung kaum Finanzmittel hat. Besucher fernhalten wollen die beiden aber auch nicht. „Ich bin für einen sanften Tourismus am Disibodenberg“, sagt Matthias Adams.

Doch inzwischen ziehen Gemeinde, Verbandsgemeinde und Eigentümer kaum mehr an einem Strang. Das Verhältnis zu CDU-Bürgermeister Rolf Kehl gilt als gespannt. Das Tischtuch mit dem Hildegardis-Freundeskreis Disibodenberg ist zerschnitten. Adams gilt bei vielen in der Region als harter Hund. Der Gegensatz zu seiner Schwiegermutter ist wohl zu krass, die mit ihrer aufopferungsvollen Fürsorge so ganz anders auftrat.

Doch landespolitisch hat der Knatsch am Kloster auch noch eine ganz andere Dimension. Denn seit 1997 haben Land, Kommunen und Kulturstiftung rund eine halbe Million Euro in den Erhalt der Ruine und den Bau des Besucherzentrums gesteckt. Allein für das Museum und die Nebengebäude wurden 1998 rund 670 000 Mark veranschlagt. Dazu hat die Denkmalpflege in den zurückliegenden Jahrzehnten noch rund 411 000 Euro in das Klostergelände investiert. Das geht aus der Antwort des Kulturministeriums auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Dickes hervor. Die Landesförderung floss, um dieses einzigartige Kulturgut für die Öffentlichkeit zu bewahren. Daher die Auflage, dass das Besucherzentrum mindestens 30 Jahre (also bis 2028) geöffnet bleiben soll. Adams hält den Förderbescheid, in dem diese Regelung fixiert wurde, für höchst interpretationsbedürftig. Die entscheidende Frage aber ist: Wurden hier öffentlichen Gelder in den Wind geschrieben – für ein desolates Besucherzentrum und ein Museum, das nicht mehr öffnet?

Kaufvertrag rückgängig gemacht

Das Tüpfelchen auf dem i ist, dass Anfang des Jahres der Kaufvertrag für das Grundstück des Besucherzentrums rückgängig gemacht wurde. Adams sieht dazu keine Alternative, weil er ihn formal für nichtig hält. Doch der juristische Vorgang schlägt Wellen. Der Kontrakt wurde einst zwischen Stiftung und Ehrengard von Racknitz geschlossen. Nach dessen Auflösung ist das betroffene Areal in den Besitz des Weingutes zurückgefallen. Dieses Grundstücksgeschäft hat inzwischen auch die rheinland-pfälzische Stiftungsaufsicht alarmiert, wie Kulturstaatssekretär Walter Schumacher (SPD) jüngst erklärte. Die Prüfung läuft.

Die CDU fragt nun, was der Kulturstaatssekretär vom Eskalieren der Vorgänge am Disibodenberg wusste und warum er nicht energisch eingeschritten ist. Der Sozialdemokrat hat jüngst im Landtag erklärt, dass seit geraumer Zeit nach einer Lösung gesucht wird. Sogar ein runder Tisch wurde angedacht, aber noch nicht umgesetzt. Anderenorts sprach Schumacher von „einem frostigen Klima“ zwischen dem Stiftungsvorstand und den übrigen Akteuren. Zumindest da wird ihm auch die CDU kaum widersprechen.

Von unserem Redakteur Dietmar Brück

Landespolitik
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