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    „Wahlzeit“: Wie viele Schulstunden fallen im Land aus? Die Leerstelle

    Die einen sind zufrieden, die anderen fordern Verbesserung: Das Thema Unterrichtsversorgung bewegt Politik und Schulen vor der Landtagswahl gleichermaßen. Rein rechnerisch fällt nur ein geringer Prozentsatz des Schulunterrichts in Rheinland-Pfalz aus. Wie aber sieht es in der Praxis aus? Ein Schulbesuch.

    Allein im Klassenraum: Wenn Unterricht ausfällt, müssen sich Schüler oft selbst beschäftigen. Im ersten Moment freuen sie sich vielleicht über eine Freistunde; wenn die Leere in der Lehre zum Dauerzustand wird, bleibt die Bildung aber irgendwann auf der Strecke. Die Unterrichtsversorgung im Land löst vielerorts Unmut aus, auch wenn sich die Landesregierung gut aufgestellt sieht. Besuche an einer Grundschule und einem Gymnasium zeigen indes: Bei jedem Lehrerausfall kann es eng werden.
    Allein im Klassenraum: Wenn Unterricht ausfällt, müssen sich Schüler oft selbst beschäftigen. Im ersten Moment freuen sie sich vielleicht über eine Freistunde; wenn die Leere in der Lehre zum Dauerzustand wird, bleibt die Bildung aber irgendwann auf der Strecke. Die Unterrichtsversorgung im Land löst vielerorts Unmut aus, auch wenn sich die Landesregierung gut aufgestellt sieht. Besuche an einer Grundschule und einem Gymnasium zeigen indes: Bei jedem Lehrerausfall kann es eng werden.
    Foto: Jens Weber

    Von unserem Reporter Christoph Erbelding

    Wenn Frau Schweitzer an der Tür steht, geht es schnell. Gerade noch haben die Schüler der dritten Klasse herumgetobt. Jetzt sitzen die 15 Kinder auf ihren Plätzen. Frau Schweitzer hebt ihren Zeigefinger und legt ihn auf ihre Lippen. Die Geste der Schulleiterin zeigt Wirkung. Die Schüler werden ruhig.

    Es ist eine Arbeitsatmosphäre, wie sie sich jeder Lehrer wünscht.  An der Grundschule in Frei-Laubersheim (Kreis Bad Kreuznach) ist sie in der dritten Klasse Realität. Die Schüler haben Routine darin, ihre Aufgaben gewissenhaft zu bearbeiten. Auch, weil sie mit einer Problematik kaum konfrontiert werden: dem regelmäßigen Ausfall einzelner Schulstunden. Sie können sich glücklich schätzen.

    Das Thema Unterrichtsausfall ist ein viel diskutiertes - erst recht vor der anstehenden Landtagswahl im März. In Rheinland-Pfalz gibt die sogenannte Unterrichtsversorgung Auskunft darüber, wie viel Unterricht stattfindet beziehungsweise ausfällt. Im November hatte Bildungsministerin Vera Reiß (SPD) mitgeteilt, dass im Schuljahr 2015/16 durchschnittlich 98,6 Prozent des Pflichtunterrichts an den allgemeinbildenden Schulen im Land abgedeckt werden können.

    Die Unterrichtsversorgung in Rheinland-Pfalz liegt im Schuljahr 2015/16 bei durchschnittlich 98,6 Prozent. Wie bewerten Sie diesen Wert?

    Hinweis: Die Antworten der Parteien wurden von der Rhein-Zeitung redaktionell bearbeitet.

    Gegensätzliche Ansichten

    Für 1,4 Prozent des Unterrichts sind keine personellen Kapazitäten gegeben. 1,4 Prozent Ausfall, im Schnitt verteilt auf rund 1500 Schulen im Land - ein Wert wie eine Nichtigkeit auf der einen Seite, wenn Bildungsministerin Reiß betont: „Die Schulen in Rheinland-Pfalz verfügen im laufenden Schuljahr über sehr gute Rahmenbedingungen für ihre pädagogische Arbeit.“

    Auf der anderen Seite stehen die politischen Kontrahenten und fordern eine Unterrichtsversorgung von 100 Prozent, wenn nicht sogar mehr. Und nicht nur das: Anfang der Woche hat der Verband Bildung und Erziehung (VBE) nach einer Umfrage an allen Grundschulen im Land auf Missstände in Sachen Unterrichtsversorgung hingewiesen (wir berichteten). Gegensätzliche Ansichten gibt es also viele. Alle drehen sich um eine Frage: Wie schlimm trifft Unterrichtsausfall die Schulen wirklich?

    In der Grundschule der 1000-Einwohner-Gemeinde Frei-Laubersheim ist das Thema Unterrichtsausfall ein abstraktes. Will heißen: Es betrifft die auf vier Klassenstufen verteilten 67 Kinder nicht direkt. Die sechs Lehrerinnen - drei in Voll-, drei in Teilzeit - schaffen es, das Pensum untereinander aufzuteilen. Das gelingt, weil das Lehrerteam harmoniert - und weil es bisher keine Ballungen von Lehrerausfällen gab. „Wir hatten hochgerechnet im vergangenen Jahr drei Tage Ausfallzeit“, erläutert Schulleiterin Anne Schweitzer.

    Welche Maßnahmen wollen Sie ergreifen, um gegen Unterrichtsausfall anzukämpfen und sich der 100-Prozent-Marke weiter anzunähern?

    Hinweis: Die Antworten der Parteien wurden von der Rhein-Zeitung redaktionell bearbeitet.

    Mit großem Einsatz gegen Ausfall

    Sofern mehrere Lehrer für einen längeren Zeitraum nicht unterrichten können, steht Grundschulen eine sogenannte Feuerwehrlehrkraft einer anderen Schule als Ersatz bereit. Sollte diese schon verplant sein, müssen die Kinder in anderen Klassen unterrichtet werden - die Erstklässler etwa in der zweiten Klasse.

    All das war in Frei-Laubersheim in der jüngsten Vergangenheit nicht notwendig. Die Lehrerinnen sind eben selten krank. Oder korrekter ausgedrückt: Sie fallen selten krankheitsbedingt aus. Die jungen Lehrerinnen tun alles, um nichts zu verpassen. Der Gefahr, dass der Unterricht mal länger ausfällt, treten sie daher mit großem Einsatz gemeinsam entgegen.

    Das Bild, das sich in Frei-Laubersheim zusammenfügt, wird auch an größeren Schulen deutlich. Der Tenor ist klar: Dem strukturellen Ausfall von Unterricht, den es in äußerst geringem Maß auch in Frei-Laubersheim gibt, ist beizukommen. Der kurzfristige Ausfall eines Lehrers kann aufgefangen werden. Was aber, wenn sich der temporäre Ausfall von Lehrkräften zuspitzt? Was, wenn drei Lehrer ausfallen? Oder gar drei Lehrer aus einer Fachrichtung? Das hat eine Schule vor einigen Monaten erlebt: das Hilda-Gymnasium in Koblenz.

    Ist eine 100-Prozent-Versorgung in Ihren Augen ein realistisches oder ein kaum zu realisierendes Ziel?

    Hinweis: Die Antworten der Parteien wurden von der Rhein-Zeitung redaktionell bearbeitet.

    Plötzliche Probleme

    989 Schüler besuchen die Schule in der Kurfürstenstraße. 87 Lehrer unterrichten am Hilda-Gymnasium. Das ist eine strukturelle Versorgung, mit der Schulleiter Klemens Breitenbach einverstanden ist: „Was das betrifft, haben wir keine Probleme.“

    Die traten allerdings auf, als parallel drei Kollegen ausfielen, die das Fach Deutsch unterrichten. Zwei Lehrerinnen fehlten erkrankt, ein Kollege nahm seine Elternzeit von zwei Monaten in Anspruch. Der angehende Abiturjahrgang musste mitten in der heißen Vorbereitungsphase auf seine angestammte Lehrkraft verzichten. Kurzum: Von Schulleiter Klemens Breitenbach war eine schnelle Lösung gefragt.

    Dass er den Abiturkurs selbst übernahm und ein Ausfall durch eine Kollegin intern kompensiert wurde, bedeutete nur eine Zwei-Drittel-Lösung. Für die dritte offene Stelle auf Zeit musste ein Vertretungslehrer gesucht werden. Und obwohl die Universitäten jährlich etliche Lehrer mit Abschluss ins Berufsleben verabschieden, war es für Breitenbach eine große Aufgabe, Ersatz zu finden.

    Viele Lehrer beklagen sich darüber, dass sie nach ihrem Studium lange Wartezeiten bis zur Aufnahme eines Referendariats hinnehmen müssen. Was wollen Sie unternehmen, um junge Lehrer schneller in den Schulbetrieb einzubinden?

    Hinweis: Die Antworten der Parteien wurden von der Rhein-Zeitung redaktionell bearbeitet.

    Nur kurzfristige Perspektiven

    „Wir haben uns nach Vertretungslehrern umgesehen. Es gibt aber wenige Lehrer, die für einen Zeitraum zur Verfügung stehen, wie er bei uns offen war“, sagt Breitenbach. Für die krankgeschriebenen Lehrerinnen konnte er einer Aushilfe jeweils nur maximal zwei Wochen Arbeitszeit garantieren - ein Zeitraum, der keine Perspektive verheißt. Doch anders war es nicht möglich. Breitenbach betont: „Man weiß ja nicht, wann die Kolleginnen wieder gesund sind.“Deswegen verläuft die Suche nach Aushilfslehrern oft schwierig.

    Natürlich schaut Breitenbach nach ausgebildeten Lehrern, um Löcher im Stundenplan zu stopfen. Er kommt aber nicht umhin, in der akademischen Leiter auch nach unten zu gehen - vom Master- über den Bachelor-Absolventen bis zu eingeschriebenen Studenten.

    Laut Ministerin Vera Reiß erfordert eine Umsetzung aller Vorschläge des LEB, circa 8000 bis 10 000 zusätzliche Lehrerstellen, was Mehrkosten von circa 450 Millionen Euro jährlich nach sich ziehen würde. Wollen Sie das alles finanzieren?

    Hinweis: Die Antworten der Parteien wurden von der Rhein-Zeitung redaktionell bearbeitet.

    Eine aktuelle Datenbank

    Gar nicht funktionieren würde das Reagieren auf einen Lehrerausfall, wenn sich Breitenbach und seine Kollegen nicht regelmäßig mit potenziellen Aushilfslehrern zu Kennenlerngesprächen treffen würden. In diesen Gesprächen geht es darum, die Kartei an möglichen Ersatzpädagogen aktuell zu halten, um dann auf einen Ausfall mit einer adäquaten Lösung reagieren zu können. Das Hilda-Gymnasium nutzt dafür die sogenannte PES-Datenbank des Landes, in der Aushilfslehrer eingetragen sind.

    Anfang Januar. Die Abiturienten stehen vor ihren Prüfungen. Klemens Breitenbach hat Aufsicht. Er muss sich beeilen. Die Koordination und der Einsatz von Aushilfslehrern, das Auffangen eines temporären Unterrichtsausfalls: All das ist in den vergangenen Wochen gut gegangen. Das merkt man dem Schulleiter an. Er fragt freundlich nach, wo denn vor der Schule noch Parkplätze frei gewesen seien. Dann sagt er: „Wir haben nur wenige feste Parkplätze für unser Kollegium.“ An diesem Morgen waren sie alle besetzt. Ein weiterer Lehrerausfall ist nicht in Sicht. Zumindest vorerst.

    Der Landeselternbeirat (LEB) fordert eine Vertretungsreserve von 10 Prozent an jeder Schule. Ist eine solche Reserve realistisch?

    Hinweis: Die Antworten der Parteien wurden von der Rhein-Zeitung redaktionell bearbeitet.

    Fazit

    Die eingeplanten Lücken in der Lehrerversorgung lassen sich noch einigermaßen gut organisieren. Dass man überhaupt Lücken einplant, ist aber schwer zu verstehen. Richtig schwer wird es, wenn Lehrer kurzfristig wegen Krankheit ausfallen. Dann ist die Suche nach Lehrern, die einspringen können, schwierig, die Schulen müssen sie sich teils selbst organisieren. 

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