Zu eng, zu kurz und mehr
Freiheit für Kinderfüße? Neue Metastudie deckt große Probleme bei Kinderschuhwerk auf
Freiheit für Kinderfüße?
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Wenn jemand wirklich perfekt passendes Schuhwerk benötigt, dann die mit atemberaubendem Tempo wachsenden Füße von Kids aller Altersstufen. Genau da hapert es jedoch überraschend oft.

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Die Recherche und Erstellung des Beitrags wurden durch eine externe Redaktion in Zusammenarbeit mit der rz-Media GmbH vorgenommen und stammen nicht aus der Redaktion der Rhein-Zeitung.

Dass niemand so oft aus seinen Sachen herauswächst wie Kinder, dürfte für Eltern keine Neuigkeit sein. Allerdings ist das Schuhwerk eine Besonderheit: Bei Oberteilen und Hosen mag eine zu kleine Größe primär ein Bequemlichkeitsfaktor sein. Bei Schuhen dagegen können sich – mittel- und langfristig – durchaus Probleme für die Füße ergeben und davon ausgehend den ganzen Haltungs- und Bewegungsapparat.

Die doppelte Schwierigkeit an der Sache: Bis weit ins Grundschulalter hinein wachsen Kinderfüße jeden Monat etwa einen Millimeter – bis fünf Jahre sogar deutlich mehr. Gleichsam läuft eine ganze Menge Kids mit falschem Schuhwerk durch die Welt; das beleuchtet eine neue Metastudie von SIEMES Schuhcenter in aller Deutlichkeit. Doch wie groß ist das Problem – und woran liegt es?

Großes Problem zu kurze Schuhe

Die auffälligste Zahl der Schuhcenter-Studie: Rund 85 Prozent der Kinder trugen zu kurze Straßenschuhe, etwa 82 Prozent zu kurze Hausschuhe. Im Durchschnitt waren die Schuhe rund zehn Millimeter kürzer als der Fuß. In einzelnen Fällen lagen die Abweichungen sogar bei bis zu 25 Millimetern – je nach Maßsystem entspricht das gleich mehreren Schuhgrößen!

Zwar betrachtete die Studie für diese Zahlen eine österreichische Untersuchung, der grundsätzliche Befund ist jedoch auch für deutsche Familien relevant. Denn das Problem liegt nicht an einer nationalen Besonderheit, sondern an mehreren Faktoren, die Eltern überall kennen:

  • Kinderfüße wachsen schnell,
  • Schuhgrößen fallen unterschiedlich aus und
  • viele Kinder merken selbst nicht zuverlässig, ob ein Schuh (noch) passt.

Die Studie beschreibt deshalb weniger ein Einkaufsproblem, sondern ein Alltagsproblem. Viele Eltern wollen alles richtig machen, verlassen sich aber auf Angaben, die in der Praxis deutlich weniger verlässlich sind, als sie wirken.

Warum die Schuhgröße oft trügt

Wer Kinderschuhe kauft, schaut – natürlich – zuerst auf die Größe. Doch so verständlich es ist, es genügt nicht. Denn laut der in der Studie ausgewerteten Untersuchungen sind Kinderschuhe extrem häufig kürzer, als es ihre Größenangabe erwarten lässt. Genannt werden Werte von rund 97 Prozent beziehungsweise mehr als 95 Prozent der gemessenen Kinderschuhe, deren Innenlänge zu gering ausfiel.

Das klingt erst einmal absurd: Wer beispielsweise Größe 30 kauft, sollte auch Größe 30 erwarten können – macht nach dem in Deutschland gültigen „Pariser Stich“ (1 Stich = 6,67 mm) ziemlich exakt 200 Millimeter.

In der Praxis ist die Sache aber weniger eindeutig. Je nach Hersteller, Modell, Schnitt, Innenform und Material kann die tatsächliche Innenlänge deutlich abweichen. Besonders heikel: Selbst Schuhe derselben Größe können sich innen spürbar unterscheiden. Die Studie verweist auf Messungen, bei denen die Innenlänge innerhalb einer Schuhgröße um bis zu 20 Millimeter variierte.

Für Eltern bedeutet das: Die Zahl auf Karton, Sohle oder Etikett sollte stets nur Näherungswert und Startpunkt sein. Entscheidend ist, wie viel Platz der Fuß im konkreten Schuh tatsächlich hat – just das wird im Alltag häufig unterschätzt.

Kinder merken Druck oft nicht rechtzeitig

Noch schwieriger wird es, weil Kinder selbst nur bedingt Auskunft geben können. Viele Eltern fragen: „Drückt der Schuh?“ Wenn das Kind dann „Nein“ sagt, scheint die Sache erledigt. Laut Schuhcenter-Studie ist genau diese Methode jedoch ziemlich wacklig.

Denn mehr als 60 Prozent der Kinder bewerten Schuhe noch als passend, selbst wenn diese gleich lang oder sogar kürzer als der eigene Fuß sind. Das liegt nicht zwingend daran, dass Kinder keine Lust auf Schuhdiskussionen haben – auch wenn dieser Verdacht sicher nicht völlig lebensfremd ist. Der wichtigere Grund ist körperlich bedingt: Kinderfüße sind weicher, formbarer und gegenüber Druck weniger empfindlich als Erwachsenenfüße.

Dazu kommt der emotionale Faktor. Lieblingsschuhe werden oft weiter getragen, weil das Kind sie mag, weil sie vertraut sind oder weil sie einfach zum Alltag gehören. Ob vorne noch genug Platz ist, spielt aus Kindersicht meist keine große Rolle. Für die Fußentwicklung kann es aber durchaus von großer Bedeutung sein.

Wer nun an den klassischen elterlichen Daumendruck vorn auf den Schuh denkt, sollte sich jedoch nicht zu sehr in Sicherheit wähnen. Als erster Schnellcheck ist er zwar besser als gar keine Passkontrolle, aber….

  1. Kinder ziehen die Zehen oft reflexartig ein, wenn vorne gedrückt wird;
  2. bei stabileren, dickeren Vorderkappen spürt man die Zehenposition von außen schlecht;
  3. Ein Schuh kann vorne lang genug sein und trotzdem seitlich drücken oder über dem Spann zu eng sitzen.

Die einzig sichere Methode ist es, beide Füße im Stehen zu vermessen und diese Werte mit denen eines konkreten Schuhs zu vergleichen.

Passende Schuhe brauchen Reserve

Wer nun annimmt, ein „passender“ Schuh müsse so lang sein wie der Kinderfuß, liegt leider falsch – er braucht zusätzlichen Spielraum. Die Schuhcenter-Studie nennt als Orientierung eine Längenreserve von etwa 12 bis 17 Millimetern – ganz grob etwa eine Erwachsenen-Daumenbreite. Dieser Platz wird benötigt, weil der Fuß beim Abrollen nach vorne arbeitet und gleichzeitig weiterwächst. Jene 12 bis 17 Millimeter können durchaus nach einem oder zwei Monaten ausgeschöpft sein.

Viele Eltern wissen zwar, dass Kinderschuhe gut passen müssen. Das konkrete Maß ist aber deutlich weniger bekannt. Laut Studie geben rund 90 Prozent der Eltern an, dass ihnen passende Straßenschuhe wichtig sind. Gleichzeitig wissen nur etwa 8,5 Prozent, welche Längenreserve ein passender Kinderschuh ungefähr benötigt.

Praktisch heißt das: Ein Schuh kann im Laden bequem wirken und trotzdem zu wenig Reserve haben. Umgekehrt sollte er natürlich auch nicht viel zu groß sein. Dann rutscht der Fuß, das Kind läuft unsicherer, und der Schuh erfüllt seine Funktion ebenfalls nicht optimal. Es geht also nicht um „lieber eine Nummer größer“, sondern um genaues Messen. Wichtig sind vor allem diese Punkte:

  • Beide Füße sollten gemessen werden, weil sie nicht zwingend exakt gleich lang sind.
  • Gemessen werden sollte möglichst im Stehen und eher am Nachmittag.
  • Maßgeblich ist der größere Fuß.
  • Neben der Fußlänge sollte auch die Innenlänge des Schuhs geprüft werden.

Außerdem gilt: Hausschuhe sollten genauso kontrolliert werden wie Straßenschuhe –immens wichtig, aber oft völlig übersehen. Denn Hausschuhe wirken schnell harmlos, weil weich und / oder hinten offen. Sie werden aber in Kita, Schule, Hort oder zu Hause teils viele Stunden getragen. Wenn sie zu kurz sind, betrifft das also nicht nur ein paar Minuten am Tag.

Wechselkorridore anstelle starrer Kalenderregeln

Viele Familien arbeiten mit einfachen Faustregeln: Neue Schuhe nach einer Saison, alle drei bis sechs Monate oder dann, wenn der alte Schuh sichtbar „durch“ ist. Solche Regeln sind zweifellos bequem, treffen jedoch den tatsächlichen Bedarf bestenfalls halbherzig.

Die Schuhcenter-Studie schlägt deshalb einen anderen Blick vor: Den Wechselkorridor. Anstelle eines festen Termins tritt dabei ein Zeitraum, in dem ein Schuhwechsel wahrscheinlich wird. Dieser hängt davon ab, wie schnell der Fuß wächst, wie stark der Schuh genutzt wird und ob Material, Sohle, Dämpfung und Stabilität noch funktionieren.

Bei Kleinkindern können Kontrollen alle zwei bis drei Monate sinnvoll sein. Im Kindergartenalter empfiehlt sich eher ein Abstand von drei bis vier Monaten. Bei Schulkindern kann eine Kontrolle alle sechs Monate reichen, sofern der Schuh anfangs genügend Spielraum hatte. Bei Wachstumsschüben, stark beanspruchten Schuhen oder täglicher Nutzung sollte indes häufiger geprüft werden.

Denn ein Schuh kann aus zwei Gründen unpassend werden: Der Fuß ist gewachsen – oder der Schuh hat seine Funktion verloren. Eine abgelaufene Sohle, durchgescheuertes Innenfutter, ein verformter Schaft oder eine eingesackte Dämpfung können ebenfalls dafür sprechen, dass ein Wechsel nötig ist.

Woran Eltern zu kleine Schuhe erkennen können

Neben dem Messen gibt es typische Warnzeichen. Dazu gehören Abdrücke nach dem Ausziehen, ein eingeschnürter Spann, häufiges Öffnen des Verschlusses oder der Wunsch des Kindes, die Schuhe schnell wieder loszuwerden. Auch Stolpern, ein verändertes Gangbild oder sichtbar eingeschränkte Zehenbewegung können Hinweise sein.

Trotzdem gilt: Allein auf Beschwerden des Kindes sollten Eltern sich nicht verlassen. Gerade weil Kinder Druck oft nicht rechtzeitig oder nicht klar wahrnehmen, ist regelmäßiges Prüfen bzw. Messen die bessere Methode.

Am Ende geht es nicht darum, Eltern noch eine weitere Sorge in den ohnehin gut gefüllten Familienrucksack zu packen. Die Botschaft der Schuhcenter-Studie ist eher: Weniger nach Gefühl kaufen, öfter konkret kontrollieren. Kinderschuhe müssen nicht nach Kalender gewechselt werden, sondern dann, wenn Fuß, Schuh und Alltag nicht mehr zusammenpassen.

Oder ganz schlicht: Kinderfüße brauchen Freiheit. Und die beginnt manchmal schon bei zwölf Millimetern mehr Platz im Schuh.

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