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Neuwied

Neuwied: Verbrauchsamt unterhielt im Schlachthaus ein Warenlager

Am 1. August 1914 brach der Erste Weltkrieg aus: Er forderte weltweit fast 10 Millionen Todesopfer und etwa 20 Millionen verwundete Soldaten. Die Opfer im zivilen Bereich werden auf weitere sieben Millionen geschätzt. Es war ein Krieg, der alles bisher da Gewesene in den Schatten stellte. Aber davon soll hier nicht die Rede sein. In dem folgenden Artikel geht es in erster Linie um die Ernährungs- und Versorgungslage an der "Heimatfront".

Dieses Kommando bewachte die Irlicher Brücke. Foto: Archiv Kupfer/KMZ
Dieses Kommando bewachte die Irlicher Brücke.
Foto: Archiv Kupfer/KMZ

Erwähnenswert – weil meist unbekannt – ist die Tatsache, dass zu Beginn des Krieges alle strategischen und wirtschaftlichen Objekte militärisch bewacht wurden – in diesem Fall die Eisenbahnbrücke bei Irlich. Da angeblich alle mit einem baldigen Sieg rechneten – so machte es jedenfalls die Propaganda der Bevölkerung weis -, hatte die Verwaltung es versäumt, rechtzeitig Lebensmittel und elementare Verbrauchsgüter zu rationieren. Erst als sich zeigte, dass man mit einem längeren Verlauf der Feindseligkeiten rechnen musste, führte man die für viele völlig neuartige Zwangswirtschaft ein.

Bereits im Oktober des ersten Kriegsjahres schaffte man einen eisernen Bestand an Lebensmitteln an. Deren Verteilung übernahm seit Anfang 1915 das neu geschaffene "Verbrauchsamt". Dieses Amt unterhielt im Rathaus beziehungsweise im Schlachthof ein eigenes großes Warenlager.

Anfang 1916 verschlechterte sich die Versorgungslage drastisch. Man konnte jetzt keine Einkäufe mehr frei tätigen, sondern hatte die zugewiesenen Waren nur noch zu verteilen. Die Versorgungssituation eskalierte. In dieser Lage führte man die Lebensmittelkarten ein, um der Lage wenigstens einigermaßen Herr zu werden. Erst zwei Jahre nach Kriegsende konnte die Zwangsbewirtschaftung wieder aufgehoben werden.

Einige Beispiele mögen die zunehmende Notlage der Neuwieder Bevölkerung in den beiden letzten Kriegsjahren aufzeigen. Seit Ende 1916 kam man auf die Idee, Fett aus Knochen zu gewinnen. Im ganzen Jahr 1917 kamen insgesamt 208 Pfund Knochen zusammen – das erbrachte gerade mal 2 Pfund Fett. In den Jahren 1918/19 sammelte die Bevölkerung 300 Zentner – daraus ließen sich drei Zentner Margarine herstellen. 1917 kamen einzelne sogar auf die abstruse Idee, Fett aus Spülwasser herauszuziehen.

Im Juni 1917 standen jedem Erwachsenen auf Lebensmittelkarte wöchentlich 3 Pfund Brot und Kartoffeln sowie ein Viertel Pfund Fleisch zu; mitunter fiel die Fleischration auf unbestimmte Zeit ganz weg. Die Fettration zu Beginn des zweitletzten Kriegsjahrs betrug pro Person und Woche noch genau zehn bis zwölf Gramm, später stieg sie leicht an.

Im berüchtigten Steckrübenwinter 1916/17 mischte die Stadtverwaltung dem ausgegebenen Brotteig 30 Prozent Rüben bei, ein Jahr später standen für diesen Zweck Kartoffeln zur Verfügung. Zudem wurden im eingangs erwähnten Winter Runkelrüben als Gemüseersatz verwendet. Für den Fall, dass es zufällig einmal Obst und Gemüse gab, stellte die städtische Verwaltung im Schlachthof einen Dörrapparat zur öffentlichen Benutzung bereit.

Ganz besonders groß war die Schuhnot. So wurden unter anderem alte lederne Feuereimer zu Sohlen verarbeitet, gegen Ende des Krieges ging man sogar zur Holzbesohlung über. 1917 beispielsweise besaß ein Drittel der Schüler entweder überhaupt kein oder völlig unbrauchbares Schuhwerk. Es wird berichtet, dass es oft zur Erstürmung der Schuhgeschäfte kam. Während der beiden letzten Kriegsjahre hatte die Stadt Neuwied eine An- und Verkaufsstelle für getragene Kleidung eingerichtet. Letztere konnte man gegen Bezugsscheine erwerben. Das Angebot wurde rege genutzt. Diese wenigen Beispiele mögen genügen, um aufzuzeigen, in welcher Notlage die Neuwieder Bevölkerung während des Ersten Weltkriegs (1914-1918) war. Friedel-Wulf Kupfer

Rhein-Zeitung, 23. August 2014

Der Erste Weltkrieg
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