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Kreis Neuwied

Dokumentation: "Das Rheinland und der Erste Weltkrieg"

Das Umschlagfoto nimmt den Ausgang des Ersten Weltkrieges mit seinen zehn Millionen toten Soldaten vorweg: Drei französische Uniformierte blicken 1929, wenige Tage vor ihrem Abzug, von der Festung Ehrenbreitstein auf das Deutsche Eck mit dem Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I.

Der Brückenbau über die Wied 1912 ist ein strategisches Projekt. Damit sollen Hochwasserschäden verhindert und bei einer Generalmobilmachung Truppentransporte ungehindert rollen können. Quelle: Archiv Konejung Stiftung: Kultur
Der Brückenbau über die Wied 1912 ist ein strategisches Projekt. Damit sollen Hochwasserschäden verhindert und bei einer Generalmobilmachung Truppentransporte ungehindert rollen können. Quelle: Archiv Konejung Stiftung: Kultur

1919 sind als Folge der Kapitulation des Deutschen Reiches vom 11. November 1918 Soldaten der 3. US-Armee in Koblenz als Besatzungsmacht eingezogen. Diese rücken am 27. Januar 1923 ab, und nun weht mehr als sechs Jahre die Trikolore über der Festung.

"Das Rheinland und der Erste Weltkrieg – Aufmarschgebiet, Heimatfront, Besatzungszone" – zeitnah zum 100-Jährigen des ersten Massenvernichtungskrieges ist im Regionalia Verlag ein großformatiger Text-Foto-Band des Autoren Achim Konejung erschienen. Dieser stöberte jahrelang in Archiven und privaten Sammlungen, wird auf Dachböden, in Nachlässen und im Ausland fündig und kann sich auf Material der von seinem Vater Horst gegründeten "Konejung Stiftung: Kultur" stützen. Viele der annähernd 300 alten Schwarz-Weiß-Fotos sind jetzt erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Die damalige preußische Rheinprovinz ist alles in einem: Ein strategisches Aufmarschgebiet, dem die Eifel ihr damals dichtes Schienennetz zu verdanken hat (Konejung widmet dem Eisenbahnbau ein interessantes Kapitel). Eine Heimatfront mit Turnhallen als Notlazarett, dienstverpflichteten Frauen in Krankenhäusern und Munitionsfabriken, Franzosen und Briten in Gefangenenlagern, alten Männern als Landwehrsoldaten und Schauplatz der desillusioniert nach dem Waffenstillstand zurückflutenden deutschen Truppen. Eine Besatzungszone mit amerikanischen (US-General Henry Allen verhindert das Schleifen der Feste Ehrenbreitstein) und französischen Truppen. Eine Region, deren Bevölkerung unter Hunger, Separatisten-Aufständen und den Folgen der Ruhrbesetzung durch die Franzosen jahrelang leidet.

Kinder spielen Krieg in Neuwied. Um 1917 entstand dieses Foto. Von rechts stürmen die Deutschen mit gezücktem Säbel zum Angriff. Mit Spielzeugpistolen setzen sich die Franzosen zur Wehr. Quelle: Archiv Konejung Stiftung: Kultur
Kinder spielen Krieg in Neuwied. Um 1917 entstand dieses Foto. Von rechts stürmen die Deutschen mit gezücktem Säbel zum Angriff. Mit Spielzeugpistolen setzen sich die Franzosen zur Wehr. Quelle: Archiv Konejung Stiftung: Kultur

Davon kann sich der Leser ein Bild machen. Doch die Fotos stehen nicht allein für sich. Der Autor stellt diese in einen Kontext, kommentiert sie. Entstanden ist eine Geschichte des Ersten Weltkriegs in einem lokalen Ausschnitt. In zwei Essays vertiefen Dr. Karola Fings, die stellvertretende Direktorin der NS-Gedenkstätte der Stadt Köln, und der Journalist, Kabarettist und bekennende Rheinländer Martin Stankowski die Thematik. Sie nähern sich erst behutsam, dann forschend den Fotos und deren Aussagen – und bewerten sie aus ihrem Blickwinkel.

Achim Konejung, Jahrgang 1957, ist Autor, Musiker und Kabarettist mit Wohnsitz Müddersheim/Voreifel und hat sich mit dem Multimedia-Historyguide "You Enter Germany 1+2" über das Ende des Zweiten Weltkriegs im Westen und historisch-literarischen Wanderungen durch die Eifel einen Namen gemacht. Sein Wissen fließt in das Buch ein.

Dessen journalistischer roter Faden ist ein ganz persönlicher, der mit einem geheimnisumwitterten Glasauge beginnt. Denn dieses trägt Konejungs Opa und Reserveleutnant Karl seit 1917. Es dauert Jahrzehnte, bis der Enkel hinter dessen Ursprung kommt; die Suche bestimmt den Familienalltag und sein Erwachsenwerden. Es eine Geschichte in der historischen Geschichte.

Fotos zeigen den Alltag vor, während und nach dem Krieg

Die Zeitspanne der Fotos reicht von 1902 bis ins Jahr 1930. Es sind nicht die Bilder von Leichenbergen nach Trommelfeuer und Gasangriff auf die Schützengräber, nur ganz selten bestimmt der Tod das Motiv. Vielmehr ist es der Alltag vor, während und nach dem Krieg. Kein Hurra-Patriotismus, von wenigen Postkartenmotiven abgesehen, füllt die Seiten. Es sind Soldaten, die sich aufgereiht dem Mann mit der Holzkamera präsentieren oder Eisenbahner, die den Hammer schwingen, gefangene Deutsche und Alliierte, die sich beim Theaterspiel den Lageralltag verschönern. Aber da ist auch das berührende Bild dreier Schwestern, vor denen das Foto des gefallenen Bruders auf dem Tisch steht.

Regionale Motive

Bildliche Farbe ins Buch bringen die aufwendigen Ausklappseiten mit Motiven heutiger, oftmals übersehener regionaler Schauplätze, die in enger Verbindung mit dem "Grande Guerre" stehen. Aus dem Verbreitungsgebiet unserer Zeitung wird Koblenz mit dem Ehrenbreitstein in den fotografischen Fokus gerückt, in Neuwied ist es der Eisenbahnbrückenbau über die Wied als strategisches Aufmarschprojekt, aber auch im Jahr 1917 das Kriegsspiel von Kindern mit Spielzeugsäbeln und -pistolen – 25 Jahre später ist es die Generation von Stalingrad. Der Rhein ist Ziel der amerikanischen und französischen Besatzungssoldaten, die mal mit dem Raddampfer Loreley zum Ausflug starten, oder den militärischen Brückenschlag zwischen St. Goar und St. Goarshausen proben, damit Marschall Joseph Joffre im August 1926 trockenen Fußes den Strom überqueren kann.

Eine beeindruckende Dokumentation, die Geschichte in Fotografien erzählt. Eine Geschichte, die den Menschen besser erspart geblieben wäre. Olaf Goebel

"Das Rheinland und der Erste Weltkrieg", Achim Konejung, 196 S., 300 Fotos, Hardcopy, 19,95 Euro, Regionalia Verlag Rheinbach

Rhein-Zeitung, 10. Februar 2014

Der Erste Weltkrieg
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