Archivierter Artikel vom 15.06.2011, 14:23 Uhr

RZ-SERIE: Frauenfußball in Rheinland-Pfalz (2) – TuS Wörrstadt ist schneller als die Konkurrenz

Am 26. Juni beginnt die WM der Frauenfußballerinnen in Deutschland. Zu diesem Anlass nimmt die Sportredaktion in einer vierteiligen Serie die Entwicklung des Frauenfußballs in Rheinland-Pfalz unter die Lupe. Im zweiten Teil erinnert Stefan Kieffer an den Gold-Pokal im Jahr 1973 als erste inoffizielle Meisterschaft – Rheinhessinnen gewannen das Finale gegen den FC Bayern.

Am 26. Juni beginnt die WM der Frauenfußballerinnen in Deutschland. Zu diesem Anlass nimmt die Sportredaktion in einer vierteiligen Serie die Entwicklung des Frauenfußballs in Rheinland-Pfalz unter die Lupe. Im zweiten Teil erinnert Stefan Kieffer an den Gold-Pokal im Jahr 1973 als erste inoffizielle Meisterschaft – Rheinhessinnen gewannen das Finale gegen den FC Bayern.

Die erste Hochburg des deutschen Frauenfußballs steht in Rheinhessen. In Wörrstadt, rund 7500 Einwohner, gelegen zwischen Mainz und Alzey, waren sie immer etwas schneller als die Konkurrenz. Zum 50. Jubiläum der Fußballabteilung der Turn- und Sportgemeinde Wörrstadt hat Jugendleiter Egon Rehbein die Idee, ein Damenfußballspiel zu veranstalten. Am 19. Juli 1969 passiert es tatsächlich: Elf Wörrstädter Frauen spielen gegen ein Team aus Dorn-Dürkheim.


Der 2:0-Erfolg des Gastgeberteams ist der Beginn einer einmaligen Siegesserie: Bis zum Gewinn der ersten offiziellen deutschen Frauen-Meisterschaft vier Jahre später wird die TuS Wörrstadt 193 Spiele bestreiten und davon nur vier verlieren. Von den Mädchen der ersten Stunde ist da allerdings längst keine mehr dabei, denn aus dem Jux zum Jubiläum ist alsbald sportlicher Ernst geworden. Wie Donnerhall verbreitet sich die Nachricht, dass in Wörrstadt jetzt auch Frauen kicken. Bei der TuS versammeln sich Talente wie Bärbel Wohlleben, die „weibliche Beckenbauer“, Uschi Demler, die unermüdliche Torschützin, Gerhild Binder, die als dreimalige Europameisterin im Kunstradfahren eine regionale Berühmtheit ist, oder Anne Haarbach, die später zur erfolg- und einflussreichsten Spielerin und Trainerin der 80er-Jahre wird.


Unterstützung finden die Fußballerinnen bei TuS-Urgestein Fips Scheidt, der als Organisations- und Kommunikationsgenie sogleich das Management der wilden Weibertruppe übernimmt und für lukrative Gegner sorgt. Zum Jahresende weist die Statistik, die Fips Scheidt sorgfältig führt, 27 Spiele und 26 Siege auf. Das Torverhältnis lautet 178:12, beste Torschützin ist natürlich Uschi Demler mit 74 Treffern. Insgesamt haben die Wörrstädter Frauen bis zum Jahresende 1971 66 Spiele absolviert, eines remis gespielt, eines verloren und insgesamt 518 Tore erzielt.
Wörrstadt und Bad Neuenahr – das sind die Rivalen der frühen Jahre. Und ihre „Manager“ Heinz Günter Hansen und Fips Scheidt sind gleichzeitig Gegner und Verbündete – sie ringen erbittert um den Status als Nummer eins, als Klub mit den meisten Toren, den spektakulärsten Siegen, den exotischsten Gegnern. Gemeinsam kämpfen sie für die Anerkennung des Frauenfußballs, für die Ausrichtung von offiziellen Meisterschaften, um die außerordentlichen Begabungen ihrer „Frauschaften“ auch mit Titeln und Pokalen zu veredeln. 1973 schließlich beschließt Fips Scheidt, der auf dem Heimweg von seinem Arbeitsplatz in Frankfurt gern mal beim DFB vorbeischaut und mit dem zuständigen Abteilungsleiter Horst Schmidt über den Damenfußball plaudert, die Sache selbst in Hand zu nehmen.

Er lädt die Verbandsmeister, soweit die zu ermitteln sind, zum Turnier um den Goldpokal ein. Der DFB kann nur noch Einspruch einlegen, dass der Wettbewerb Deutschland-Pokal heißt, verhindern können die Funktionäre die erste inoffizielle deutsche Frauen-Meisterschaft nicht mehr. Den Goldpokal stiftet (ausgerechnet) die Po- und Busenzeitschrift „Wochenend“, die sich auch sonst vornehmlich der Damenwelt widmet – allerdings weniger unter sportlichen Gesichtspunkten.


Start mit sieben Teams


Nur sieben Mannschaften nehmen teil. Das Los führt die rheinland-pfälzischen Rivalen im Kampf um den Finaleinzug zusammen. Wörrstadt siegt im Hinspiel vor fast 3000 Zuschauern mit 1:0 durch Gerhild Binders Tor, und im Rückspiel eine Woche später in Bad Neuenahr gibt es das gleiche Ergebnis; die 14-jährige Regine Israel schießt den Siegtreffer. Alles läuft, wie es Fips Scheidt geplant hat: Die TuS Wörrstadt steht im Finale um den Goldpokal und sichert sich vor 3000 Zuschauern in Rüsselsheim mit einem 3:1 gegen die Damen des FC Bayern München den inoffiziellen Meistertitel.


Dem sie im folgenden Jahr auch die offizielle Meisterschaft folgen lassen. Diesmal steht der DFB dahinter, 16 Teams starten in vier Gruppen. Nach drei Vorrundensiegen erreicht der Favorit das Halbfinale, das die hoch gehandelten Teams von Bayern München und vom SC 07 Bad Neuenahr verpassen. Neuenahr-Bezwinger Bonner SC setzt den Wörrstädterinnen in Bingen mächtig zu, muss sich am Ende aber mit 1:3 geschlagen geben. „Da war mir klar, dass wir die Meisterschaft gewinnen“, sagt Fips Scheidt, „wir haben nämlich das andere Halbfinale auch gesehen.“


Und tatsächlich ist die DJK Eintracht Gelsenkirchen-Erle nur ein Sparringspartner für Wörrstadt. Rund 4000 Zuschauer sehen das Endspiel in Mainz. Zwar ist die Torjägerin vom Dienst Uschi Demler angeschlagen und wird kurz nach der Halbzeitpause ausgewechselt, doch für sie springt die 15-jährige Regine Israel in die Bresche. Nach 25 Minuten trifft sie zum ersten Mal, sechs Minuten nach der Pause macht sie das 2:0. Und als Bärbel Wohlleben mit einem sehenswerten Volleyschuss, der später als erstes „Frauentor“ in der ARD-Sportschau zum „Tor des Monats“ gekürt wird, auf 3:0 erhöht, gibt es keine Zweifel mehr am neuen Deutschen Meister. Regine Israel trifft noch ein drittes Mal zum 4:0, Anne Haarbach donnert einen Foulelfmeter über den Kasten und verpasst das fünfte Tor.


Aber das tut der Jubelstimmung längst keinen Abbruch mehr. Denn jetzt wird gefeiert. Erst beim offiziellen Bankett im Hilton-Hotel, dann fährt die Mannschaft mit dem Bus nach Wörrstadt – und wird dort von Raketen und Böllerschüssen und von mehr als tausend begeisterten Bürgern empfangen. Die Sulzheimer Blaskapelle spielt, die Jugend des Orts begleitet die Mannschaft mit einem Fackelzug zum Festplatz, und Bürgermeister Franz Zimmermann hält eine Rede. Den Höhepunkt erreichen die Feierlichkeiten, als der TuS-Vorsitzende Ferdinand Manewal zum kostenlosen Umtrunk in die Turnhalle einlädt. „400 Leute haben gebechert bis zum frühen Morgen!“, erinnert sich Scheidt.


Triumph und Niedergang

Doch im Augenblick des größten Triumphes zeichnet sich bereits der schleichende Niedergang ab. Die Meistermannschaft zerfällt allmählich. Im folgenden Jahr schlägt die TuS dem alten Rivalen aus Bad Neuenahr noch einmal ein Schnippchen und feiert im Viertelfinale um die Meisterschaft zwei deutliche Siege (3:0, 2:0). Doch im Halbfinale erweist sich der Bonner SC mit den beiden Ex-Kolleginnen Anne Haarbach und Karin Pätzold sowie der jamaikanischen Stürmerin Beverley Ranger als zu stark.

Die TuS Wörrstadt büßt ihre Vormachtstellung im Südwestfußball an den TuS Niederkirchen ein. Trotzdem gelingt 1981 noch einmal ein Coup: Die Wörrstadterinnen erreichen das erste Pokalendspiel der Frauen. Beim Finale in Stuttgart stehen mit Regine Israel, Uschi Demler und Bärbel Petzold drei Spielerinnen im Team, die 1974 Deutsche Meisterinnen wurden. Doch gegen die SSG Bergisch-Gladbach, bei der mit Anne Trabant-Haarbach ebenfalls eine Spielerin aus dem Wörrstädter Meisterteam die Fäden zieht, ist die TuS ohne Chance. Mit dem deutlichen 5:0 erringt die SSG, mit neun Meistertiteln das dominierende Team der 80er-Jahre, den ersten von drei Pokalsiegen.

1993 schafft die TuS Wörrstadt noch einmal den Sprung ins Rampenlicht, steigt in die zweigeteilte Bundesliga auf und hält sich dort immerhin zwei Jahre. Doch die Zeiten, da ein Dorfverein eine führende Rolle spielen konnte, sind auch im Frauenfußball längst vorbei. Heute spielt die TuS Wörrstadt in der Regionalliga eine gute Rolle, betreibt eine erfolgreiche Nachwuchsarbeit – und träumt bisweilen noch von vergangenen Triumphen und Pokalen.

Von unserem Redakteur Stefan Kieffer

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