Archivierter Artikel vom 07.06.2011, 08:03 Uhr
Nürburgring

Rock am Ring steuert auf ein großes Jahr zu

Es kursiert unter Kennern eine These zur Güte von Deutschlands größtem Open-Air-Festival Rock am Ring: Demnach gibt es im steten Wechsel „Jahre“ und „Zwischenjahre“ am Ring. In den „Jahren“ ist die Veranstaltung bombastisch, grandios, treten mythisch verehrte Helden der Rockmusik dort auf. In den „Zwischenjahren“ ist Rock am Ring zwar immer noch super und natürlich weiterhin die Speerspitze der deutschen Festivalszene. Aber eben auch nicht ganz so überragend. Klar scheint: 2012 wird ein richtiges „Jahr“.

Fürs musikalische Gewitter zum Rock-am-Ring-Abschluss sorgten System Of A Down mit Sänger Serj Tankian (links). Der Regen, der dazu vom Himmel fiel, war aber leider echt – und wirklich, wirklich nass.
Fürs musikalische Gewitter zum Rock-am-Ring-Abschluss sorgten System Of A Down mit Sänger Serj Tankian (links). Der Regen, der dazu vom Himmel fiel, war aber leider echt – und wirklich, wirklich nass.
Foto: Jens Weber

Nürburgring. Es kursiert unter Kennern eine These zur Güte von Deutschlands größtem Open-Air-Festival Rock am Ring: Demnach gibt es im steten Wechsel „Jahre“ und „Zwischenjahre“ am Ring. In den „Jahren“ ist die Veranstaltung bombastisch, grandios, treten mythisch verehrte Helden der Rockmusik dort auf. In den „Zwischenjahren“ ist Rock am Ring zwar immer noch super und natürlich weiterhin die Speerspitze der deutschen Festivalszene. Aber eben auch nicht ganz so überragend.

2011 war ein Zwischenjahr – es konnte gar nichts anderes werden nach dem Jubiläumsjahr 2010, in dem das Festival zum 25. Geburtstag auf vier Tage ausgedehnt worden war und die Großgruppen Rage Against The Machine, Kiss, Rammstein und Muse denkwürdige Konzerte mit nie gesehener Bühnenausstattung ins Fahrerlager der Rennstrecke wuchteten. Damals war Rock am Ring schon Monate vor dem ersten Gitarrenriff ausverkauft. Diesmal gab es noch Restkarten an den Tageskassen.

Das findet André Lieberberg, Sohn der Veranstalterlegende Marek Lieberberg und am Ring fürs Programm verantwortlich, aber gar nicht schlimm: „Wir sind darüber nicht enttäuscht. Entscheidend für uns ist, wie unser Publikum das Festival erlebt und dass wir ein neues Publikum erobern.“ In der Tat: Rock am Ring ist bunter und jünger geworden – und weiblicher.

Bunter ist eben auch das Musikprogramm: Waren es vor Jahren vor allem schwarz gekleidete Metal- und Hardrockbands, die Rock am Ring zu Begeisterungsstürmen gedroschen haben, konnte diesmal die vielfarbige, eher (brit-)poppige, sogar stellenweise verträumte Gruppe Coldplay, auch dank ihrer aufwendigen Bühnen-Inszenierung, den absoluten Glanzpunkt setzen.

Doch bevor die Zeit da war, Bilanz zu ziehen, wurde den Ringrockern noch Einiges geboten. Unter anderem ein (inoffizielles) Novum – denn zum ersten Mal in der Geschichte von Rock am Ring gab es an einem Tag zwei Headliner (Hauptgruppen). Offiziell übernahmen ausschließlich System Of A Down diesen Part, aber das, was die Beatsteaks zuvor ablieferten, war überwältigend – die Berliner wurden sozusagen zum „Headliner der Herzen“. Noch bevor Arnim Teutoburg-Weiß eine Note gesungen hatte, stimmte die Masse „Beatsteaks“-Sprechchöre an. Beim zweiten Song „Hand in hand“ gab es einen der lautesten Ring-Chöre aller Zeiten, getanzt wurde bis in die hintersten Reihen. Recht früh wurden im Publikum bengalische Feuer gezündet, später durfte ein Fan mit auf der Bühne feiern – es war d i e Party des 2011er-Rings. Als die Band am Ende das Publikum aufforderte, sich hinzuhocken, machte sogar die sonst so bewegungsfaule VIP-Tribüne mit – der Ritterschlag.

Ob System Of A Down anschließend diese Euphorie nutzen konnte? Die amerikanische Metal-Band schaffte es – mit einem kraftvollen, mit vielen Hits gespickten Auftritt: Zehntausende Fäuste reckten sich in den Abendhimmel, Zehntausende Füße sprangen im Takt, Zehntausende Kehlen stimmte lautstark mit ein – „SOAD“ bewiesen, dass sie ihren Superstar-Status noch immer zu Recht innehaben.

Erst auf dem Weg zu Superstars sind die Dänen von Volbeat, die die Masse für die Beatsteaks am Nachmittag warmgespielt hatten. Tonnenschwerer Rock ’n’ Roll und eine der markantesten Stimmen des Genres fegten über den Ring – zeitgleich mit Sturmböen, denn statt Partytänze hatten einige Ringbesucher wohl aus Versehen den Regentanz aufgeführt. Die erneuten Schauer taten der Stimmung indes keinen Abbruch, die Fans waren mit Volbeat vollkommen zufrieden.

Zufrieden war auch Marek Lieberberg, nachdem er beim Zwillingsfestival Rock im Park mit identischem, tageweise verschobenen Programm in Nürnberg vorbeigeschaut hatte und dort ebenfalls eine fröhlich und ausgelassen feiernde, sehr junge Menschenmasse angetroffen hatte. „Wir haben wieder unsere Spitzenposition unter Beweis gestellt“, bilanzierte er.

Der „Mythos Ring“ ist den Veranstaltern auch Verpflichtung. Schon am Sonntag blickten die Lieberbergs voraus – und starteten bereits den Vorverkauf für 2012. Der Logik der Jahr-Zwischenjahr-These zufolge naht wieder ein großes Ring-Jahr. Die Hauptattraktion steht bereits fest: Die Toten Hosen feiern am Nürburgring ihren 30. Bandgeburtstag. Legendäres Festival trifft legendäre Festivalband: Auftritte am Ring sind laut Hosen-Sänger Campino „Teil unserer Geschichte und deshalb der beste Ort für ein solches Jubiläum“.

Von unseren Redakteuren Tim Kosmetschke und Markus Kuhlen