Archivierter Artikel vom 07.06.2016, 19:00 Uhr
Mendig

Rock am Ring nimmt Schaden: Standortfrage schwelt

Rock am Ring in Mendig steht unter keinem guten Stern: Zwei Unwetter in zwei Jahren mit mehr als 100 verletzten Fans, der erste Abbruch in der Festivalgeschichte, offene Regressfragen sowie ein Streit zwischen Veranstalter und Behörden. Das alles wirft Fragen auf: nach dem Schaden für die Marke Rock am Ring, nach finanziellen Folgen und nach der Zukunft des Festivals in Mendig.

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Von unserem Redakteur Markus Kuhlen

Der Schaden für Mendig: Das Verhältnis zwischen Veranstalter Marek Lieberberg und der Verbandsgemeinde Mendig ist zerrüttet. Lieberberg selbst gibt keine Standortgarantie. Auch Festival-Experte Prof. Dr. Marcus Kleiner von der SRH Hochschule der populären Künste in Berlin glaubt aufgrund Lieberbergs scharfer Kritik, dass Rock am Ring zum letzten Mal in Mendig stattgefunden hat. „Die große Frage ist, wer jetzt bereit ist, Rock am Ring aufzunehmen.“

Die Lösung liegt auf der Hand: Mönchengladbach. Bereits als Rock am Ring vom Nürburgring abziehen musste, war die Stadt im Gespräch, auf einem offiziellen Banner schon die Silhouette zu sehen. Ein Umzug scheiterte hauptsächlich daran, dass die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), Eigentümerin des infrage kommenden Geländes, nicht verpachten wollte. Die Große Koalition im Mönchengladbacher Stadtrat ist sich indes einig. Hans-Peter Schlegelmilch, Fraktionsvorsitzender der CDU, steht dem Thema weiter sehr positiv gegenüber: „Mönchengladbach war ja schon weit vor Mendig ausgeguckt – und wir trauen uns das heute auch noch zu. Lieberberg ist vom Gelände weiter angefixt.“ Felix Heinrichs, Fraktionsvorsitzender der SPD, sagt: „Wir würden genehmigen und neue Gespräche mit der Bima moderieren.“ Zur Diskussion stehen bisher kleinere Festivals, aber auch ein Rock am Ring wäre absolut denkbar. Die jüngsten Probleme haben die Entscheider verfolgt, halten ein Festival wie Rock am Ring aber mit genügend Vorlaufzeit und ausreichenden Sicherheitskonzepten für machbar. Schlegelmilch lobt das Gelände in Mönchengladbach auch in Hinsicht auf solche Krisensituationen als besser geeignet: „Das Gelände war für Mendig immer schon ein Nachteil. Sehr hoch gelegen, total freies Gelände.“

Der finanzielle Schaden: Kräftige Einbußen dürfte das Unwetter den Standbetreibern beschert haben. Das zumindest schätzt Nikolaus Schär, Gründer und langjähriger Veranstalter der Nature One: „Dort dürften Schäden in Millionenhöhe entstanden sein.“ Ob die Standbetreiber Schadensersatz vom Veranstalter fordern können, vermag er nicht zu sagen. Das leite sich aus den Verträgen ab. Dass darüber diskutiert wird, ob Besucher einen Teil des Eintrittspreises zurückfordern können, findet er fragwürdig: „Ich denke, dass dieses Wetterrisiko beim Besucher bleiben sollte.“

Martin Fassnacht, Wirtschaftswissenschaftler von der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar, bringt finanzielle Aspekte auch für den späten Abbruch ins Spiel: „Bei so einer Entscheidung spielen auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle.“ Veranstalter sorgen für solche Fälle zwar in der Regel mit einer Ausfallversicherung vor. Welche Schäden genau abgedeckt sind, hängt aber vom Vertrag ab. Für die Fans hat der wetterbedingte Abbruch aber auf jeden Fall Folgen, ist sich Festival-Experte Kleiner sicher: „Der Verlust für den Veranstalter wird nicht unbedeutend sein – das wird die Ticketpreise kräftig steigen lassen.“

Der Schaden für Rock am Ring: Auf den ersten Blick scheint es fraglich, ob zwei Unwetterjahre dem Ruf eines Festivals schaden können, das seit mehr als drei Jahrzehnten Erfolge feiert. Kleiner hält es indes nicht für ausgeschlossen. Den späten Abbruch kritisiert er scharf. „Das war verantwortungsloses Handeln.“ Sicherheitsvorkehrungen seien nicht in ausreichendem Maß getroffen worden. „Und das, obwohl man mit solch einer Situation hatte rechnen müssen.“ Das werfe einen Schatten auf die Marke Rock am Ring. Ob das Festival einen weiteren Ortswechsel überstehe, ist aus seiner Sicht fraglich. „Rock am Ring entwickelt sich immer mehr zu einer Krisenmarke“, lautet Kleiners Fazit.