Archivierter Artikel vom 10.06.2016, 17:42 Uhr
Mendig

Lieberberg: Bin noch nie derart kritisiert worden

Einer der beim Unwetter schwer verletzten Fans von Rock am Ring muss weiterhin im Krankenhaus intensiv-medizinisch behandelt werden. Das ist die traurigste Nachricht nach dem am vergangenen Wochenende abgebrochenen Mega-Festival in Mendig. Unsere Zeitung sprach mit Veranstalter Marek Lieberberg, um den es zuletzt still geworden war, über verletzte Fans, Kritik am Ablauf und die Folgen des Festivals.

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Foto: dpa

Herr Lieberberg, das Wichtigste zu Beginn. Wie geht es den verletzten Fans? Vor allem dem jungen Mann, der noch intensiv-medizinisch behandelt werden muss?

Es ist richtig, ein junger Mann liegt leider immer noch auf der Intensivstation. Nach meiner Information gibt es keine Veränderung, der Zustand ist immer noch kritisch. Alle unsere Gedanken und unsere besten Wünsche begleiten diesen jungen Mann.

Und die weitere Verletzten?

Auch diese Schicksale besorgen mich. Nach meinen Informationen sind alle schwer verletzten Fans bis auf zwei sehr schnell wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden. Aber das weiß ich nur aus zweiter Hand, ich habe bis heute keine schriftlichen Zahlen erhalten. Ich will die Lage keineswegs herunterspielen, allerdings möchte ich die Diskussion versachlichen. Die Gesamtzahlen der Hilfeleistungen liegen auf dem Niveau vorhergegangener Jahre. Die wurden allerdings nie skandalisiert.

Sie sprechen von Skandalisierung, hatten den Vorwurf schon bei der Pressekonferenz geäußert. Uns erreichen von Fans und Eltern kritische Stimmen zum Ablauf. Es gibt vor allem Kritik am vermeintlich zu späten Abbruch.

Wissen Sie, keiner hat sich der Situation so direkt ausgesetzt wie ich. Ich stand immer wieder auf der Bühne und musste auch den Abbruch des Festivals verkünden. Es gab nachweislich keinerlei Unmutsbekundungen, und ich kann aus dem Erlebten nur schließen, dass das Publikum sowohl uns als Veranstalter als auch unsere Entscheidung zu 100 Prozent unterstützt hat. Die Vermutung ist berechtigt, dass manche, die sich nun äußern, unter Umständen gar nicht beim Festival waren. Mir geht es vor allem darum, etwas mehr Ratio in die aus dem Ruder gelaufene Diskussion zu tragen.

Nichtsdestotrotz, es gibt diese Kritik. Teilweise massive.

Ich nehme das hin. Ich bin in fast 50 Veranstalterjahren noch nie mit einer derartigen Kritik konfrontiert worden. Auf der anderen Seite bin ich nicht als leichtfertiger Mensch bekannt oder jemand, der sich oder andere einem Risiko aussetzt. Und dennoch: Selbst bei 100-prozentiger Vorbereitung und vorbildlichen Sicherheitsvorkehrungen gibt es keine 100-prozentige Sicherheit bei höherer Gewalt. Es ist eine Unart, sehr schnell auf Menschen zu deuten und Schuld zuzuweisen.

Marek Lieberberg, das Gesicht von Rock am Ring
Marek Lieberberg, das Gesicht von Rock am Ring
Foto: dpa

Wie gehen Sie persönlich mit der Kritik um?

Als einer der Verantwortlichen muss ich mich den Fragen stellen. Ich bin nun einmal das Gesicht von Rock am Ring. Ich war permanent auf dem Gelände, ich war der Letzte auf der Bühne und an allen Schauplätzen präsent.

Aber Sie halten den Abbruch nach wie vor für falsch?

Ich möchte kein Öl ins Feuer gießen, ich will keine Vorwürfe erheben. Das war ein gewaltiges, unberechenbares Unwetter. Aber ich habe in der Diskussion eine andere Meinung vertreten und dafür plädiert, situativ zu entscheiden. Und auch das ist wichtig: Niemand – weder der Innenminister, noch der Bürgermeister oder die Polizei – haben mich bis zum frühen Samstagmorgen mit einer Abbruchforderung konfrontiert. Innenminister Lewentz hat eine „private Meinung“ auf seiner Facebook-Seite geäußert, jedoch keine Anordnung ausgesprochen! Ich betone, dass ich den Anweisungen der Behörden sofort und im vollen Umfang gefolgt bin. Aber für die Konsequenzen dieser Entscheidung trage ich keine Verantwortung. Alle Punkte des Sicherheitskonzeptes wurden zu 100 Prozent eingehalten.

Verstehen Sie, dass einige Menschen ihre Haltung zum Abbruch nicht nachvollziehen können?

Ein Abbruch ist das ultimative Mittel, und ich hätte mir eine differenziertere Betrachtung gewünscht. Bei der gleichen akuten Wetterlage wurde der Rheinland-Pfalz-Tag in Alzey nicht abgesagt. Für ganz Rheinland-Pfalz bestand nach meinem Wissen dieselbe Unwetterwarnung, nicht nur für Mendig. Da ist doch die Frage berechtigt, warum mit zweierlei Maß gemessen wurde.

Kommen wir zu den materiellen Folgen: Inwieweit sind Sie gegen Schäden und Regress versichert?

Wir haben eine Haftpflicht- und eine Schadensversicherung abgeschlossen. Die letztere meines Wissens bei der ERGO-Gruppe. Zum genauen Umfang kann ich mich nicht äußern.

Sie sagen „wir“, sind aber seit Jahresbeginn nicht mehr Teil der veranstaltenden Marek-Lieberberg-Konzertagentur, sondern arbeiten für Live Nation. Wer genau ist verantwortlich für Rock am Ring?

Richtig ist, ich habe die Marek-Lieberberg-Konzertagentur verlassen, sie gehört nach wie zuvor zu 100 Prozent zur Eventim-Gruppe. MLK ist Rechteinhaber der Marke Rock am Ring. Es gibt einen Kooperationsvertrag mit MLK und Eventim, nach dem Live Nation das Festival ausrichtet und es so organisiert, als wären wir selbst noch Teil der MLK. Aber das ist eigentlich unerheblich. Es gibt hier keinerlei Dissens zwischen uns.

Können Sie den Fans Hoffnung auf eine Entschädigung machen? Nicht nur der Verbraucherschutz hält eine Teilrückerstattung des Ticketpreises für rechtens?

Bevor nicht final mit der Versicherung gesprochen worden ist, kann ich hierzu nichts sagen, außer dass wir den besten Willen zu einer guten und fairen Regelung für alle haben.

Und was können Sie zum Standort Mendig sagen? Sind Sie derzeit noch in Gesprächen?

Es gibt derzeit keine Gespräche. Ich habe in dieser Woche noch einmal mit Bürgermeister Jörg Lempertz telefoniert. Aber im Moment gibt es definitiv keinerlei Überlegungen in irgendeine Richtung, weil wir uns noch immer mit den direkten Folgen der Ereignisse befassen.

Das Gespräch führte Markus Kuhlen