Archivierter Artikel vom 05.06.2016, 13:27 Uhr
Mendig

Kommentar: Menschenleben sind wichtiger als jeder Festivalspaß und jedes Geschäft

Nach Unwettern und Blitzeinschlägen mit mehr als 80 Verletzten ist das Festival „Rock am Ring“ in der Nacht zum Sonntag abgebrochen worden. Zu spät, findet unser Chefredakteur Christian Lindner. „Menschenleben sind wichtiger als jeder Festivalspaß und jedes Geschäft“, ist seine Botschaft an die Verantwortlichen.

Chefredakteur Christian Lindner
Chefredakteur Christian Lindner

Stellen wir uns mal Folgendes vor: Auf dem Flugplatz bei Mendig läuft nicht Rock am Ring, sondern ein dreitägiger Jugendtag der Kirche mit rund 90.000 Besuchern. Am ersten Abend bricht ein Unwetter über die Veranstaltung herein, Blitze schlagen ein, verletzen 82 Jugendliche.

An Tag 2 drohen neue Unwetter, wieder mit Starkregen und Gewitter. Polizei und Innenminister raten den Veranstaltern deshalb dringend zum Abbruch. Obwohl am Abend der Papst sprechen soll, beenden die Verantwortlichen der Kirche den Jugendtag ohne Zögern am frühen Nachmittag – in Sorge um die Gesundheit der Besucher und Helfer. Der Platz wird in Ruhe geräumt. Veranstalter wie Besucher sind traurig und enttäuscht – aber alle sind sich einig: Sicherheit geht vor.

Jede Wette: Die Kirche hätte so entschieden – jede Organisation hätte so entschieden. Bei Rock am Ring war die Lage nicht anders. Gleichwohl haben die Verantwortlichen anders entschieden. Trotz des Rates von Innenminister Lewentz zum Abbruch riskierten der Konzertveranstalter und der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Mendig als Chef der zuständigen Genehmigungsbehörde, die rund 90.000 Jugendlichen am Samstag weiter auf dem Gelände zu lassen, um das Festival am Abend bei einer Beruhigung des Wetters wieder anlaufen zu lassen – mit dem Höhepunkt des Programms. Der Abbruch wurde vertagt, nur Tag 3 wird geopfert.

Innenminister Roger Lewentz hat am Samstag bei einer Pressekonferenz in Mendig die deutliche Empfehlung ausgesprochen, das Festival Rock am Ring aufgrund der aktuellen Wetterlage zu beenden. Foto: dpa
Innenminister Roger Lewentz hat am Samstag bei einer Pressekonferenz in Mendig die deutliche Empfehlung ausgesprochen, das Festival Rock am Ring aufgrund der aktuellen Wetterlage zu beenden.
Foto: dpa

Knallharter Geschäftsmann Lieberberg

Es ist gut gegangen, zum Glück. Doch unterm Strich ist gar nichts gut. Zu klar ist, dass Rock am Ring weiterlief, weil dieses Ereignis kein Treffen aus ideellen Gründen, sondern ein riesiges Geschäft ist. Veranstalter Lieberberg ist eben kein Wohltäter für junge Leute, sondern ein knallharter Geschäftsmann.

"Rock am Ring"-Veranstalter Marek Lieberberg. Foto: Kevin Rühle
„Rock am Ring“-Veranstalter Marek Lieberberg.
Foto: Kevin Rühle

Nur ein Festivalabend wäre ein Fiasko für ihn gewesen, zwei Abende haben seinen Schaden in puncto Finanzen und Image gemindert. Und wenn ein Veranstalter Zehntausende von Besuchern bei nahenden Gewittern in deren durchnässte Zelte schickt, die keinerlei Schutz vor Blitzen bieten – das ist in Wahrheit ein Spiel mit Leben und Tod.

Fragen müssen sich aber auch Verwaltung und Staat gefallen lassen. Ein Bürgermeister, der ein Festival gemeinsam mit einem kommerziellen Veranstalter an einem neuem Ort etablieren und zum Erfolg machen will, steckt bei der Entscheidung über den Abbruch einer solchen Großveranstaltung erkennbar in nicht auflösbaren Zielkonflikten. Sicherheitsabwägungen dürfen nicht von Gedanken an mögliche Regressforderungen beeinflusst werden – und auch nicht von einem partnerschaftlichen Verhältnis zum Veranstalter. Auch wirkt es höchst beunruhigend, dass eine kleine Verbandsgemeindeverwaltung die allein zuständige Genehmigungsbehörde für ein Festival mit der Besucherdimension einer Großstadt sein kann. Der Innenminister eines Bundeslandes rät zum Abbruch, und ein Bürgermeister einer Verbandsgemeinde mit 13.000 Einwohnern kann erst mal wertvolle Zeit verstreichen und dann weiter aufspielen lassen? Da stimmen die Verhältnisse nicht mehr.

33 Blitz-Verletzte beim ersten Rock am Ring in Mendig, diesmal über 80, dazu das faktische Eingeständnis, dass ein Freiluftfestival dieser Dimension bei Gefahrenlagen nicht rasch genug geräumt werden kann und damit in Sonderlagen nicht wirklich beherrschbar ist – all das mahnt: Vor einer Neuauflage von Rock am Ring in Mendig müssen die Verantwortlichkeiten neu geklärt werden. Und alle Verantwortlichen müssen sich ganz grundlegend die Frage der Verantwortbarkeit einer solchen Massenveranstaltung im Freien stellen. Menschenleben sind wichtiger als jeder Festivalspaß – und wichtiger auch als jedes Geschäft und jeder ehrenwerte Versuch, eine Region zu stärken.

E-Mail: christian.lindner@rhein-zeitung.net