Archivierter Artikel vom 04.06.2016, 13:41 Uhr
Mendig

Kommentar: Brecht „Rock am Ring“ in Mendig ab – sofort und ohne Zögern

Rock am Ring – für viele Besucher ist das Kult. Für immer mehr Beobachter aber, die sich nicht von Musik und Massenerlebnis berauschen lassen, mutiert Rock am Ring zu einem hoch riskanten Spiel um Leben und Tod – gepaart mit einem verstörenden Drücken vor verantwortlichem Handeln von Veranstalter, Genehmigungsbehörden und Staat.

Chefredakteur Christian Lindner
Chefredakteur Christian Lindner

Chefredakteur Christian Lindner zu „Rock am Ring“

Schon 2015 stellten sich massive Fragen nach Verantwortung und Verantwortlichkeiten. Beim ersten Rock-am-Ring-Festival in Mendig schlagen Blitze ein – 33 Verletzte. Das laute Spektakel aber wird fortgesetzt.

2016 der Horror reloaded: 93.000 Menschen drängen sich unter freiem Himmel auf der platten Ebene bei Mendig, erneut rauscht ein Unwetter heran, wieder gehen Blitze auf die schutzlose Menge hernieder. Diesmal 71 Verletzte. Ein Mensch schwebt in Lebensgefahr, mehrere liegen noch auf der Intensiv-Station. Und wieder geht die Show am Freitagabend weiter. Der Veranstalter lässt weiter aufspielen, die Festivalbesucher tanzen weiter.

Noch fragwürdiger verhalten sich die Verantwortlichen am Festival-Samstag: Die Wetterlage ist, wie wir alle seit vielen Tagen wissen, völlig unkalkulierbar. Der Veranstalter selber spricht in seinem Mitteilungen an die durchnässten und teils verängstigten Besucher von weiterer Gefahr von Gewittern und Unwettern bis Sonntagabend – also genau zu den Zeiten, in denen sich Zehntausende vor den Bühnen drängen. Und was wird den Fans geraten? „Die Besucher sollten sich hierauf einstellen und gegebenenfalls Schutzmaßnahmen treffen.“

Blanker Zynismus

Wie bitte? Die Besucher sollen „Schutzmaßnahmen treffen“? Auf freiem Feld? Auf dem platten Gelände bei Mendig? Wo jedes Zelt eine Erhebung darstellt, erst recht die Bühnen und Masten? Wo Blitze mitten in die Campingplätze einschlagen? Oder in die Cateringbereiche, in denen gerade mal ein paar Hunderte Schutz vor dem tobenden Unwetter fanden? Das ist kein Rat, das ist keine Hilfe – das ist blanker Zynismus.

Und genau diesen Zynismus dokumentiert der von vielen Fans (noch) verehrte Rock-am-Ring-Promoter Marek Lieberberg auch in der Begründung seiner fragwürdigen Entscheidung am Samstag, dass die nassen und lauten Spiele von Mendig trotz aller Gefahren „wie geplant“ weitergehen werden: „Sollten im Verlauf des Festivals weitere Gewitter auftreten, werden die Auftritte der Künstler gegebenenfalls für den Gefahrenzeitraum suspendiert.“ Na toll. In Wahrheit heißt das: Die gut bezahlten Musiker werden neue Gewitter also in sicheren Gebäuden abwarten – und die Besucher, die für das Festivalticket 195 € gezahlt haben, können sehen, wo sie bleiben, können „Schutz“ in durchnässten Zelten auf blitzeinschlagsgefährdeten Campingarealen suchen.

Noch wütender macht die Versicherung Lieberbergs, Warnungen des Meteorologen vor Ort würden rasch „über Facebook, Twitter und Homepage verbreitet“. Ah ja. Und dann? Was machen die durchnässten Besucher im realen Leben mit der digitalen Warnung? Was hilft es, wenn auf freiem Feld zehn Minuten vor der nächsten Gewitterzelle gewarnt wird? Die Autos der Besucher sind zu weit weg, die Großzelte bieten viel zu wenigen Menschen Schutz.

Verantwortung übernehmen

Nein, im Kern geht es nicht darum, die zahlenden Fans auf den vielen schönen neuen Kommunikationswegen auf dem Laufenden zu halten. Es geht am Ende darum, Verantwortung zu übernehmen. Jeder Bergführer würde einen Anstieg bei einer Wetterlage wie jetzt in Mendig abbrechen – selbst dann, wenn ihm nur ein Mensch anvertraut wäre. Den Verantwortlichen in und für Mendig aber sind 93.000 Menschen anvertraut – dazu Hunderte Sicherheitskräfte, die ebenfalls in Gefahr sind.

Der Veranstalter und die für die Genehmigung zuständige Verbandsgemeinde Mendig sollten zu dieser Verantwortung stehen und Rock am Ring 2016 abbrechen – jetzt und sofort. Sollten Marek Lieberberg und Bürgermeister Jörg Lempertz sich damit schwer tun, weil sie möglicherweise von Interessenskonflikten gehemmt werden, sollte Innenminister Roger Lewentz einschreiten und für einen Abbruch sorgen. Menschenleben sind wichtiger als jedes Rockkonzert – und auch jedes Geschäft.

E-Mail: christian.lindner@rhein-zeitung.net