Archivierter Artikel vom 14.10.2010, 15:22 Uhr
Koblenz/Bad Ems

Ein Zwerg soll die Provinz provozieren

Ein kleinwüchsiger Schauspieler unterwegs in der Region: An diesen Gartenzwerg sind viele Erwartungen gerichtet. Er soll Gefühle provozieren, soll den Menschen ihre von Klischees verengten Horizonte bewusst machen.

Ein Gartenzwerg erobert Koblenz: Der kleinwüchsige Schauspieler Josef  Zeman ist für ein Kunstprojekt in die Rolle eines Zwerges geschlüpft –  um zu provozieren.
Ein Gartenzwerg erobert Koblenz: Der kleinwüchsige Schauspieler Josef Zeman ist für ein Kunstprojekt in die Rolle eines Zwerges geschlüpft – um zu provozieren.
Foto: Katrin Steinert
Koblenz/Bad Ems – Ein kleinwüchsiger Schauspieler unterwegs in der Region: An diesen Gartenzwerg sind viele Erwartungen gerichtet. Er soll Gefühle provozieren, soll den Menschen ihre von Klischees verengten Horizonte bewusst machen. Ganz nebenbei soll er das Bad Emser Künstlerhaus Schloß Balmoral und dessen Förderverein Balmoral 03 wieder stärker ins Gespräch bringen. Und wenn er ein guter Heinzelmann ist, dann erfüllt er all diese Erwartungen, die die beiden Aktionskünstler und die Kunstpreisjury an ihn richten.

Eine Woche lang ist der Gartenzwerg als lebendige Skulptur in der Region unterwegs. Kein Wunder, dass er ab und zu mal eine Pause macht, sich an den Koblenzer Schängelbrunnen setzt, die Augen schließt und kurz durchatmet, bevor er weiter durch die Innenstadt läuft und später Späße in Bad Emser Vorgärten und im Altenheim treibt.

Durchgeknallte Künstler

Die Aktionskünstler Kristofer Paetau und Ondrej Brody haben sich mit diesem Projekt um den Kunstpreis Balmoral beworben. Das Motto des Preises: „Provokation aus der Provinz“. Die Jury prämierte das Projekt „Ein lebendiger Gartenzwerg“ und ist selbst gespannt, wie es sich entwickelt. Zum Projektabschluss werden eingeladene Künstler den Zwerg zeichnen. Die Bilder sind dann an diesem Sonntag bei der Kunstpreisverleihung ab 16 Uhr im Künstlerhaus zu sehen. „Wenn wir irgendetwas bewegen wollen, dass das Künstlerhaus wieder mehr in der Gesellschaft ankommt, dann müssen wir mit Provokation im gesellschaftlichen, politischen oder sozialen Bereich arbeiten“, meint Wilhelm Zimmermann, der Vorsitzende des Fördervereins. Deshalb habe man sich bewusst für das Thema Provokation entschieden.

Kristofer Paetau und Ondrej Brody kann man ohne schlechtes Gewissen als durchgeknallt und provokant bezeichnen: Ihre Aktionen sorgen meist für Aufsehen, weil sie Grenzen überschreiten. Im Ästhetischen wie im Ethischen. So lief Ondrej Brody im Jahr 2004 in die Prager Nationalgalerie, zog seine Hosen herunter und erledigten ein großes Geschäft. Die Aktionskünstler provozieren und bleiben im Gespräch. Ist das Kunst? Darf man das?

Spiel mit Klischees

Nun also haben sie sich des Themas Klischee angenommen und einen kleinwüchsigen Menschen in ein Zwergenkostüm gesteckt. Der Gartenzwerg hat in Deutschland den Ruf, in den Vorgärten von kleinkarierten Menschen zu stehen. Die Besitzer gelten gemeinhin als provinziell. Überspitzt formuliert: Ihnen wird die Fähigkeit zu Weitsicht und Toleranz abgeschrieben. Mit diesem Thema des Provinziellen spielen die Künstler, indem sie ihn nicht nur aus dem Vorgarten in den öffentlichen Raum schicken, wo er ohne Berührungsängste auf Menschen jeglicher Couleur zugeht. Sie gehen noch einen Schritt weiter: Der Zwerg wird durch den tatsächlich kleinwüchsigen Schauspieler Josef Zeman verkörpert. Kristofer Paetau: „Wir wollten ein öffentliches Kunstwerk mit einer lebendigen Skulptur machen und sehen, wie in einer Provinz das Thema Gartenzwerg aufgenommen wird, wenn man es ironisiert.“

Schaut man sich die Reaktionen der Passanten an, dann läuft die beabsichtigte Provokation ins Leere. Die Menschen aus der Provinz finden den Zwerg witzig, finden den Schauspieler mutig und cool, weil er mit seiner Größe selbstironisch umgeht. Provoziert fühlen sie sich nicht. Einige denken, er macht Werbung für einen Zirkus. Über ihr Menschenbild und Klischees denken sie dabei im ersten Moment sicher nicht nach.

Für Unstimmigkeiten sorgte das Projekt lediglich im Kultusministerium. Der Kultur-Staatssekretär Walter Schumacher distanzierte sich im Vorfeld von der Juryentscheidung des Fördervereins. Zwar ist das Ministerium an der Preisvergabe weder mit Personal noch mit Fördermitteln beteiligt: „... dennoch will ich mein Unverständnis für diese Form der künstlerischen Auseinandersetzung zum Ausdruck bringen, die ein nicht zu akzeptierendes Menschenbild transportiert“, so der Staatssekretär. Das Projekt mag ihn an die Diskussion ums Zwergenwerfen erinnert haben, das mittlerweile gesetzlich verboten ist, weil es die Menschwürde verletzt.

Ob das Zwergen-Projekt nun Kunst ist oder nicht, ist dem Gartenzwerg selbst relativ egal. Ob er provoziert und das Künstlerhaus ins Gespräch bringt, auch. Er macht seinen Job. Denn in seiner Heimat Tschechien ist der 1,26 Meter große Schauspieler Josef Zeman sechs Zentimeter zu groß, um als kleinwüchsig zu gelten. Somit muss er auf staatliche Unterstützung verzichten und arbeiten gehen. Ob er dazu in die Rolle von Elvis oder die eines Gartenzwerges schlüpft, ist ihm schnuppe. Schauspieler sehen Rollen eben professionell. Ob das Projekt gelungen ist? Der Zwerg zumindest hat seine Rolle perfekt gespielt. Katrin Steinert