Als ich 1992 in den Westerwald kam, konnte man im Wiesensee noch schwimmen gehen. Ein Floß legte von der einen Seite ab, Segelboote kreuzten den See – und im Herbst gab es die sehenswerten Abfischfeste, bei denen tonnenweise Fische aus dem See herausgeholt wurden. Kaum vorstellbar wäre zu dieser Zeit gewesen, dass diese touristische Perle im Westerwald zum journalistischen Dauerbrenner werden würde.
Brennend interessant war es jedoch allemal, das Abfischen zu beobachten. So konnte ich beispielsweise 2013 für die Zeitung erfahren, dass die Karpfenernte, die von Fischzüchter Wolfram Stähler (Fischzucht Stähler, Hadamar-Niederzeuzheim) geleitet wurde, gut war. Die Fische waren ohne Zufütterung sehr gut gewachsen. Dagegen war die Ausbeute an Zandernachzucht leider äußerst gering.

Interessant war auch der Hinweis: „Um die Verkrautung möglichst gering zu halten, werden seit einigen Jahren 4500 Spiegel- und Schuppenkarpfen eingesetzt. Daneben sorgen Laichzander für die Nachzucht des wertvollen Speisefisches.“ Das Thema der „Verkrautung“ tauchte immer wieder auf, so wie auch die Entwicklung des Wiesensees ein stetes Thema kommunalpolitischer Debatten war.
Da wurde unter dem damaligen VG-Bürgermeister Helmut Schönberger die Errichtung des Hotels am Wiesensee unter Erwin Bensing gefeiert – später dann die Hotelerweiterung, als dieses zur Lindner-Hotelgruppe gehörte. Heiß umstritten war sodann die Idee, entlang des Wiesensee-Ufers Seevillen zu errichten – ein Projekt, das sich zerschlug. Dafür mauserte sich diese Seite des Sees auf andere Weise: Die Touristinformation fand ihren Platz neben dem Café Seewies. Während die Touristiker ihr Standbein weiter ausbauten und auch jetzt, wo der See ohne Wasser ist, kräftig die Werbetrommeln rühren, hat die Gastronomie vor Ort zu kämpfen. Und nicht nur diese wünscht sich so schnell wie möglich ihren See zurück. Das war eindrucksvoll bei einer Demonstration „Wasser für den Wiesensee jetzt“ vor der VG-Verwaltung im August 2024 zu erleben. Ein Novum in Westerburg – und für spannende Berichte gut.

Richtig gut für den Standort Wiesensee war auch, dass die tschechische National-Elf bei der Fußball-WM 2006 ihr Quartier im Lindner Hotel & Sporting Club am Wiesensee bezog. Noch genau habe ich vor Augen, wie die Nachricht, dass die Region den Zuschlag bekommen hatte, in der WZ-Redaktion einschlug, die sich damals in Westerburg noch in den Räumen über dem Juwelier Christian befand. Sofort liefen die Telefonhörer heiß, um erste Stimmen einzufangen – wie vom damaligen Ortsbürgermeister von Stahlhofen am Wiesensee, Günther Raspel.
Auch als Veranstaltungsort punktete der Wiesensee, unter anderem bei den „Hui-Wäller-Messen“. Momentan ruht der Wiesensee im „Dornröschenschlaf“, dümpelt ohne Wasser vor sich hin. Die Gründe sind bekannt. Mit Nachdruck wird der Wiederanstau 2027 herbeigesehnt. Über die vielen Schritte, die bis zu diesem Ziel bereits gegangen wurden und noch zu gehen sind, zu berichten, bleibt ein dankbares Thema.
Die Autorin
Angela Baumeier, Jahrgang 1960, hat Germanistik und Literaturwissenschaft an der Universität Leipzig studiert. Sie begann 1992 als freie Mitarbeiterin bei der Westerwälder Zeitung, seit 2016 ist sie festes Redaktionsmitglied. Ein besonderer Schwerpunkt sind von Anfang an kulturelle Ereignisse und soziale Belange, aber ebenso recherchiert sie zu allen Bereichen menschlichen Lebens, seien es besondere Schicksale, die facettenreiche Lokalgeschichte oder die Politik vor Ort.
Darum ist sie Journalistin geworden: „Ich bin neugierig auf das Leben, und ich schreibe gern. Diese Arbeit gibt mir die Möglichkeit, selbst genauer zu verstehen, wie das alltägliche Dasein funktioniert, was es prägt. Es ist immer wieder spannend, mit so vielen Menschen in Kontakt zu kommen, die den Westerwald ausmachen, ihre Geschichte zu erzählen und zu berichten, was die Region nach vorne bringt, oder diese ausbremst. Dabei geht es mir immer auch um Respekt und Toleranz.“
Ein weiterer Mosaikstein auf dem Weg zum Wasser im See ist gesetzt. Jetzt können die weiteren Arbeiten angegangen werden. So soll nach Ostern die Betonsanierung der Anlage fortgeführt werden – wenn die Witterung mitspielt.
Hochwasserentlastungsanlage am Wiesensee ist genehmigt


