Über Savita Wagners Mutter
Wenn von einer Begegnung vor allem Dankbarkeit bleibt
Mitte Februar übergab Ursula Wagner persönliche Gegenstände ihrer verstorbenen Tochter, darunter auch dieser Kampfhelm, ans Haus
Mitte Februar übergab Ursula Wagner persönliche Gegenstände ihrer verstorbenen Tochter, darunter auch dieser Kampfhelm, ans Haus der Geschichte in Bonn.
Stefan Schalles

Als Savita Wagner als freiwillige Sanitäterin im Ukraine-Krieg stirbt, verliert Ursula Wagner ihr einziges Kind. Ihr Bestreben seitdem: das Erbe der Tochter auf ihre eigene Art fortzuführen. Über eine journalistische Begegnung, die nachhallt.

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Es gibt Termine aus der Rubrik Routine, die man als Journalist so oder so ähnlich schon viele Male erlebt hat. Und es gibt solche, die sind anders, außergewöhnlich auf ihre eigene Art, nicht alltäglich, weil sie etwa das große Weltgeschehen ganz nah an einen herantragen, vor allem aber wegen der Menschen dahinter, ihren besonderen Geschichten.

Die Pressekonferenz in Bonn hat an diesem Tag beides zu bieten: Kurz bevor sich der russische Überfall auf die Ukraine zum vierten Mal jährt, nimmt das Haus der Geschichte eine Schenkung von exponiertem Wert in Empfang: Uniform, Kampfhelm, Tapferkeitsmedaille. Die persönlichen Gegenstände Savita Wagners, die sich 2022 freiwillig im Ukraine-Krieg meldete, dort als Sanitäterin an der Front diente – und mit nur 36 Jahren ihr Leben ließ.

Stefan Schalles
Stefan Schalles
Kevin Rühle. MRV

Die Geschichte jener jungen Frau aus Bonn, die in die Fremde zog, um Europas Freiheit zu verteidigen, die in letzter Konsequenz bereit war, für ihre Überzeugungen zu sterben, ist in Deutschland bis dahin kaum bekannt. Doch ihre Mutter wird das ändern. Mit ruhiger Stimme beantwortet Ursula Wagner an diesem Tag Dutzenden Journalisten die immer gleichen Fragen, kehrt wieder und wieder zurück an den Todestag ihres einzigen Kindes, teilt ihre schmerzhaften Erinnerungen nur zwei Jahre später mit Unbekannten.

Aufrecht steht sie dort, gezeichnet, aber nicht gebrochen, beseelt von jener Herzlichkeit und Resilienz, die auch Savita Wagner ausgemacht haben müssen. Und in der bedrückenden Atmosphäre des Anlasses wirkt es fast so, als sei nicht sie diejenige, die Trost brauche, als gebe vielmehr sie allen anderen Halt: Aus Rücksichtnahme vorsichtig formulierte Fragen beantwortet sie ermutigend klar, begegnet journalistischer Neugierde mit Verständnis, spricht voller Stolz von ihrer Tochter – um sich „für das Interesse an ihrer Geschichte“ am Ende sogar noch mit aufrichtigem Lächeln zu bedanken.

Für Ursula Wagner, das betont sie immer wieder, zählt im Schatten des Schicksalsschlags nur eines: das Erbe ihrer Tochter fortzuführen, die Erinnerung an sie lebendig zu halten. Genau aus diesem Grund ist sie heute hier, nur deswegen hat sie in Savitas Namen eine Stiftung gegründet, wird kurz darauf zum wiederholten Mal auch selbst in die Ukraine reisen, um dort Hilfsgüter zu verteilen.

Es ist nur ein kurzes Gespräch, fünf Minuten vielleicht, die sich dennoch tief eingraben ins Gedächtnis. „Meine Tochter kann nichts mehr zurückholen, aber ich kann dafür sorgen, dass andere Menschen erfahren, was sie in der Ukraine gemacht und erlebt hat“, ist einer von vielen Sätzen, die auf dem Rückweg in die Redaktion nachhallen. Worte, die bei aller Schwere auch vergegenwärtigen, was journalistische Arbeit bewirken kann. Dass sie etwas bewirken kann.

Und so bleibt neben der aufgefrischten Erkenntnis am Ende auch Dankbarkeit dafür, nun Teil dieser Geschichte zu sein, der Welt davon erzählen zu dürfen. Dankbarkeit vor allem auch für die Begegnung mit einer inspirierenden Frau und bewundernswert starken Mutter.

Der Autor

Stefan Schalles, Jahrgang 1990, hat an der Uni Koblenz Kulturwissenschaft studiert und in dieser Zeit bereits als freier Mitarbeiter geschrieben für die Rhein-Zeitung, das „Forum-Magazin“ und „Blick aktuell“. Nach dem Volontariat bei der „Wetzlarer Neuen Zeitung“ kehrte er 2018 nach Koblenz zurück und wurde dort festes Mitglied im RZ-Kulturressort – zunächst vier Jahre lang als verantwortlicher Redakteur für die regionale Kulturseite der Ausgabe Koblenz, seitdem als Reporter für den überregionalen Kulturteil der Rhein-Zeitung. Journalist ist er geworden wegen der Leidenschaft fürs Schreiben, einer naturgegebenen Neugierde und der Überzeugung, dass im Journalismus beides einen gesellschaftlich sinnvollen Beitrag leisten kann, vor allem in Zeiten von politischer Polarisierung und Fake News.

Ressort und Schlagwörter

80 Jahre Zeitgeschichte

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